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Wie die Bürokratie ein Leben im Tiny House blockiert

Tiny Houses erfüllen für manche den Traum vom Eigenheim. Doch ihre Bewohner scheitern oft an der absurden Rechtslage.

Klitzekleines Häuschen könnte man auch zu einem solchen „Tiny House„ sagen. Hier eine Variante am kleinen Lottschesee in Klosterfelde nahe Wandlitz.
Klitzekleines Häuschen könnte man auch zu einem solchen „Tiny House„ sagen. Hier eine Variante am kleinen Lottschesee in Klosterfelde nahe Wandlitz. © dpa

Von Werner van Bebber

Da steht er mitten auf seinem Campingplatz und wirkt so gar nicht wie ein Unternehmer: Heiko Neupert trägt eine rote Kapuzenjacke, Jeans und Arbeitsschuhe, eine Zigarette in der Hand. Hinter ihm der Klostersee, links und rechts neben ihm sehr kleine Häuser, auf seinem Gesicht ein breites Lachen. Bei Kloster Lehnin südwestlich von Potsdam gründet Neupert gerade die erste Siedlung in Berlin-Brandenburg, die vollständig aus den diesen Minihäusern auf Rädern besteht.

Die sogenannten Tiny Houses stehen für Ökologie, Einfachheit und Sparsamkeit. Sie wirken wie der Gebäude gewordene Protest gegen Einfamilienhäuser, die die Grünen jüngst so heftig kritisiert und in Frage gestellt haben. Tiny Houses stehen gegen Zersiedelung und Eigenheimprotzerei – und sie könnten eine Lösung für die Wohnungsnot in den Städten sein. Jeden Tag werden laut Bundesumweltministerium 52 Hektar als Siedlungs- und Verkehrsflächen in Deutschland neu ausgewiesen, so viel wie 73 Fußballfelder.

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Anton Hofreiter, Mitglied der Grünen- Fraktionsspitze im Bundestag, hat in einem „Spiegel“-Interview den Bezirk Hamburg-Nord für die Entscheidung gelobt, keine Flächen für den Bau von Einfamilienhäusern mehr auszuweisen. Boden sei endlich, sagte Hofreiter, da sei richtig, Wohnraum für viele zu planen statt für die Gebäude weniger freizugeben. Die Bundesregierung hat sich vorgenommen, den Trend zur Zersiedelung zu bremsen. 2030 sollen noch 30 Hektar täglich neu ausgewiesen werden.

Heiko Neupert hat am Klostersee südwestlich von Potsdam eine Siedlung aus Minihäusern errichtet.
Heiko Neupert hat am Klostersee südwestlich von Potsdam eine Siedlung aus Minihäusern errichtet. © Märkische Allgemeine/Frank Bürstenbinder

Ein Kleinwagen mit Berliner Kennzeichen holpert auf die Mitte des Campingplatzes zu – Heiko Neupert winkt den Insassen entgegen. Ein Paar stellt sich vor, beide über fünfzig, sie eine gesprächige Berlinerin, er ein wortkarger Stahnsdorfer. „Vielleicht ziehen wir mal zusammen in so ein Haus“, sagt sie. Dann beginnen sie eine Tour über den Platz, ausgestattet mit einem Plan der insgesamt 70 Parzellen und Neuperts Aufforderung, in alle Minihäuser hineinzugehen und sich alles genau anzusehen, bis hin zu den Toiletten.

Der jüngste Versuch, eine größere Tiny-House-Siedlung in Brandenburg zu gründen, scheiterte laut der Internetseite der Gründer vor rund zwei Jahren. Sie hatten ein großes Grundstück, aber keinen freien Zugang. Der Nachbar gewährte ihnen kein Wegerecht.

Ohnehin dürfen Tiny Houses nicht einfach irgendwo hingestellt und bewohnt werden. Sie gehören zu den „Gebäuden“, wie sie in den Bauordnungen der Länder begrifflich bestimmt sind – wer sein Tiny House auf Dauer bewohnen will, braucht eine Baugenehmigung. Egal, ob es auf Rädern oder einem Fundament steht. Anders ist es auf einem Campingplatz.

Wer sein Tiny House auf Dauer bewohnen will, braucht eine Baugenehmigung.
Wer sein Tiny House auf Dauer bewohnen will, braucht eine Baugenehmigung. © dpa

Die Berlinerin und der Stahnsdorfer haben die auf dem Gelände stehenden Minihaus-Modelle begangen und betrachtet. Nun sehen sie sich die Parzellen an, die noch zu haben sind. Neupert und seine beiden aus dem Iran stammenden Gehilfen haben die Flächen mit rot-weißen Flatterband abgesteckt. In manchen stecken Papiere, auf denen die Größe und die Pacht ausgewiesen sind. „Da, wo Sie kein Schild mehr sehen – die sind alle weg“, sagt Neupert.

Tiny Houses sind Raumwunder. Die kleinsten haben acht Quadratmeter und kosten rund 15.000 Euro. Sie enthalten Bett und Küche, Bad und Toilette, Arbeitsplatz und Fernsehsessel und erstaunlich viel Stauraum. Und immer sind es bloß ein paar Schritte nach draußen, auf die Wiese, bis zum Lagerfeuer.

Änderungen der Bauordnung ist notwendig

Ob die Minihäuser eine ökologisch nachhaltige Form des Eigenheimbaus sind, ist umstritten. Auch sie verbrauchen Fläche und Material. Hochverdichtete Tiny-House-Siedlungen würden wohl an den Zumutungen von Lärm, Gerüchen und anderen Belästigungen scheitern.

Zur notwendigen Distanz zum nächsten Minihaus kommen die notwendigen Verkehrswege. Außerdem sind Tiny Houses laut Fachleuten schlechter isoliert als moderne Wohnhäuser. Verfechter der Idee wie der Berliner Architekt und Stadtplaner Van Bo Le-Mentzel werben seit Jahren für die kleinen Gebäude, arbeiten darin, vermieten sie als Büros oder entwickeln sie als Zweiraum-„Wohnmaschine“ nach Bauhaus-Prinzipien weiter.

Der Tiny-House-Verband in Karlsruhe hat einer Sprecherin zufolge gerade begonnen, über die notwendigen Änderungen der Bauordnung mit einer Rechtsanwältin zu sprechen. Van Bo Le-Mentzel, der Berliner Aktivist, sieht das Diffuse an der Tiny-House-Bewegung als Grund dafür, dass sich die Politik für sie und ihre Baurechts-Problematik nicht interessiert. Tiny Houses als preiswerte soziale Räume – oder als zusätzlicher Wohnraum in den Städten – das wäre etwas für die Linke, sagt Le-Mentzel. Doch die, die heute in den Minihäusern wohnen, seien oft Menschen bürgerlicher Herkunft, Menschen aus der Mitte, Liberale – eigentlich die Klientel der FDP.

Neuperts Modell, das er in einer Halle in der Nähe bauen lässt, ist ab 39.000 Euro zu haben. Zwei Stück pro Woche lässt er bauen und auf zweiachsige Hänger stellen. Sein Geld hat der gelernte Fliesenleger und Bauingenieur mit einem patentierten Material aus Sandstein gemacht. Man kann Innenräume damit verkleiden, Saunen, Küchen, Bäder, man kann es für Fassaden verwenden – oder als Hülle von Tiny Houses.

Patent auf Material namens Ytterstone

Neuperts Haus entstand aus der Idee, sein Material auf Baumessen vorzuführen, ohne teure Stände mieten zu müssen. Ein transportables kleines Haus, verkleidet mit seinem Material, Ytterstone genannt, aufgestellt im Außenbereich einer Messe, besetzt mit einem Fachmann und Material: Ausstellungsobjekt und Büro in einem. Neun Meter lang, zweifünfundfünfzig breit, vier Meter hoch und alles drin, Wohnzimmer, Küche, Dusche und Toilette und die Plattform zum Schlafen im Obergeschoss. Unter der Treppe nach oben ein Schrankfach neben dem anderen – wie überhaupt jede Fläche, jeder Hohlraum, jede Lücke eine Funktion erfüllt.

Hier, sagt Neupert auf seinem Campingplatz und zeigt auf die Wiese vor dem Sandstreifen am Rand des Klostersees – 2.000 Quadratmeter Badestrand. Gedacht für alle. Dann geht es weiter zu einer kleinen Anhöhe. Von hier sieht man auf den See, wo ein paar Kajakfahrer und ein Motorboot unterwegs sind. „Ab hier ist Sackgasse“, sagt Neupert, der See ist Endstation. Kein Durchgangsverkehr, keine Motorboot-Profilierungsfahrer.

Tiny Houses sind überall in Deutschland gefragt - dieses steht in Hessen.
Tiny Houses sind überall in Deutschland gefragt - dieses steht in Hessen. © dpa

Die Anhöhe kann, so wünscht es sich Heiko Neupert, zu einer Art Sonnenuntergangs-Idyll-Ort werden. Tische und Bänke sollten da hin, sagt er: „Da kann man abends seinen Wein trinken – mit Wasserblick.“ Das sei auch für die gedacht, die allein unterwegs seien, „damit man nicht mehr einsam ist“.

Die Berlinerin und der Stahnsdorfer hören ihm gern zu. Man merkt: Sie mögen seine Art, diese Siedlung zu einem Projekt zu erklären. Neupert erzählt, ein paar Leute habe er abgewiesen – sie hätten nicht gepasst. Er will, dass die Siedlung Kontinuität bekommt. „Es soll ja wie eine Großfamilie werden.“ Ein erstes Fest habe er schon für die ersten Pächter organisiert, mit Spanferkel. Es sei eine lange Nacht am Feuer geworden.

Wer ein Grundstück will, muss sich für zehn Jahre festlegen – und im Voraus bezahlen. Die Berlinerin und der Stahnsdorfer rechnen mit 3.000 bis 6.000 Euro jährlich, das sei „erschwinglich“. Sie sagt, dass die beiden etwas „am Wasser“ suchten. Er schwimme gern und viel. „Ich brauch’ keinen großen Garten, ich brauch’ immer nur ein bisschen Himmel.“

An manchen Wochenenden hat Neupert Termine in Serie mit Interessenten. „Ich muss mit vollem Herzen dahinter sein“, sagt er. Dass er den Campingplatz entdeckte, um aus seinem Messe-Ausstellungsstück ein Siedlungshaus zu machen, war ein weiterer passender Zufall. Ein Kunde, sagt er, habe ihm vom Klostersee erzählt.

Jetzt will eine junge Frau mit zwei Mädchen wissen, wie es mit einem Grundstück direkt am See aussieht und ob man es abtrennen kann. Eine Hecke, ein Zaun bis zwei Meter Höhe seien erlaubt, sagt Neupert, Blumenkübel sowieso.

Baurecht steht im Weg

Die Frau aus Potsdam grübelt, sie könne es sich noch nicht so richtig vorstellen, sagt sie. Wie es mit einem Liegeplatz für ein Boot sei, fragt sie – „wir wollen uns eins zulegen.“ Neupert sagt, zum Campingplatz gehöre ein Steg. Und die Behörde habe ihm zugesichert, dass er den verlängern dürfe. Der Mann ist, das haben sie im Rathaus verstanden, ein Unternehmer und Investor. Mit ihm kommen Leute mit Geld.

Siedlungsvorhaben gibt es in fast jedem Bundesland. Die Internetplattform „tinyhouseforum“ zeigt, wie groß das Interesse an Flächen ist, die gepachtet oder gekauft und dann mit Minihäusern bestückt werden können. In Bayern und Schleswig-Holstein gibt es Projekte mit Wohngemeinschafts-Charakter. Eine Karte der Webseite „Wohnglück“ weist mehr als 20 Siedlungen in Deutschland aus.

Anderswo sind bislang bloß Flächen ausgewiesen, wie etwa auf dem Kronsberg in Hannover. Das „Eco-Village“ befindet sich noch im Planungsstadium. Die Schweriner Stadtverwaltung will Ähnliches: Im Stadtteil Warnitz soll eine Fläche ausgewiesen werden, auf der Tiny Houses mit amtlichem Segen aufgestellt werden dürfen. Noch steht überall das Baurecht der problemlosen Platzierung der Häuser entgegen.

Minihäuser begünstigen Experimentierfreudigkeit

Als Tiny-House-Freund muss man Grundstückeigentümer sein – oder ein notorischer Optimist wie der Architekt und Stadtplaner Van Bo Le-Mentzel. Er sagt, wenn man erst mal in der Szene drin sei und ein Tiny House besitze, dann finde sich immer irgendwo ein Stellplatz. Le-Mentzel sitzt in einem seiner fünf Minihäuser auf einer Brache an der Friedrichstraße in Kreuzberg – dort, wo sie nicht mehr schick, sondern ein bisschen ärmlich wirkt. Schräg gegenüber steht ein Übersee-Container – auch so eine Wohn- und Arbeitsmöglichkeit für Leute, die es originell und frugal mögen.

Le-Mentzel ist bekannt geworden als Konstrukteur der „Hartz-IV-Möbel“, einfache Möbel mit hohen Anspruch ans Design und Bauanleitungen aus dem Internet. Er hat schon für die Minihäuser geworben, als sich nur wenige vorstellen konnten, dass man auf acht oder zehn oder zwölf Quadratmetern alle wesentlichen Funktionen einer Wohnung unterbringen kann.

Ästhetik und Funktion eines Gebäudes sind ihm nicht alles – ebenso wichtig sind Flächenverbrauch, Ökologie und das, was ein Haus, eine Wohnstatt, zum Teil eines Kiezes macht und seine Bewohner zum Teil der Gesellschaft. Heiko Neupert, der Siedlungsgründer aus Kloster Lehnin, ist ein Macher des Möglichen: Tiny Houses dürfen nur auf einen Campingplatz? Dann besorgt er einen Campingplatz. Van Bo Le-Mentzel geht mit dem Tiny House zugleich pragmatisch und theoretisch um – als Nutzer, und als Entwickler und Stadtplaner. Begreife man Stadtplanung als ein Orchester, sagt er und lächelt, dann könnten Tiny Houses ein Teil davon sein – etwa die Piccoloflöte.

Die Minihäuser nutzen jeden freien Platz als Staufläche.
Die Minihäuser nutzen jeden freien Platz als Staufläche. © dpa

In einer Stadt, die die Aufstellung von Tiny Houses genehmigen würde – da gerät Van Bo Le-Mentzel ins Schwärmen – könnte man anders, offener, freier leben. Ein Beispiel? Wer ein Tiny House besitze und für ein paar Wochen Haare schneiden und als Friseur arbeiten wolle, der könne das einfach machen. Keine Suche nach einem Ladenlokal, kein Mietvertrag. Tiny-House-Bewohner „kommen schneller ins Probieren“, sagt er, die Minihäuser begünstigen die Experimentierfreudigkeit – „und dieses Experimentieren, das ist so wichtig!“

Sein Minihaus macht im Inneren keinen beengten Eindruck. Der Raum über dem Arbeitstisch ist angenehm hoch. Die Schlafgelegenheit auf der zweiten Ebene, über eine Leiter zu erreichen, wirkt wie eine eigene Etage. „Jeder Mensch braucht einen Rückzugsraum“, sagt er.

Le-Mentzel sitzt vor einer Schiebetür, die mit einem Spiegel verkleidet ist – ein optischer Raumverdoppler. An den Wänden hängen Skizzen, Ausdrucke und Fotos. Er arbeitet an der Fortsetzung des Tiny House mit anderen Mitteln: ein Fahrzeug von 3,5 Tonnen Gewicht, mit einer minimalistischen Wohnkonstruktion, die Fläche frei lässt, damit man das Fahrzeug auch zum Transportieren nutzen kann.

Viele nutzen das Häuschen als „Ausfluchtsort“

Arbeiten und Wohnen auf engstem Raum: Für Van Bo Le-Mentzel liegt darin der größte Vorteil der kleinen Häuser. Wenig überzeugt ist er von dem, was angeblich den Trend zum Minihaus so aktuell macht. Leben nah an der Natur, einfach und reduziert, allem Materialismus abgewandt. Für Van Bo Le-Mentzel klinge das nach „Eskapismus“. Flucht vor der Stadt, vor der Ehefrau – er lacht –, „die Leute landen alle bei mir.“ Das sei das gleiche wie eine Weltreise, um allen Problemen zu entkommen – „das hat nichts mit der Realität zu tun.“ Nach seinen Informationen nutzt ein Drittel der Tiny- House-Bewohner in Deutschland das Häuschen als „Ausfluchtsort“, zum „Leben im Schneckenhaus“.

Als Stadtplaner sieht Van Bo Le-Mentzel in den Minihäusern vielmehr eine Möglichkeit, etwas gegen die Wohnungsnot zu tun – und für diejenigen, die so reduziert leben wollen. Er denkt in Strukturen, in denen Tiny Houses – etwa auf Dächern – zusätzliche Wohnmöglichkeiten bieten. Er entwirft Gebäude- und Wohnviertelkonstruktionen, in denen Autos unter die Erde verbannt sind, Straßen den Menschen vorbehalten und Tiny Houses zwischen Dächern und Himmel den engen Wohnraum mit Luftigkeit vergelten.

Auch dafür müsste das Baurecht geändert werden. Im Baurecht gebe es Wohn- und Gewerbegebiete – warum denke man Stadt nicht neu? Etwa als laute und leise Gebiete, als schnelle und langsame? In lauten Gebieten ist viel los, viel Verkehr, hier müssten andere Regeln gelten als in leisen Gebieten. Und warum nicht dort ein Tiny House aufstellen dürfen, wo man wohnen will?

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Und wenn das Baurecht geändert würde, sagt er, dann solle auch gleich das Melderecht abgeschafft werden. Tatsächlich darf sich, wer sein Tiny House auf einem Campingplatz aufstellt, dort aufhalten, so lange er will, jeden Tag im Jahr und jede Nacht. Bloß braucht er noch eine Meldeadresse. Irgendwo anders.

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