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Wie Senioren in die Schuldenfalle geraten

Die Warteliste der Berater der Diakonie Döbeln „explodiert“. Bei einigen Betroffenen fehlt grundlegendes Wissen.

Die Gründe, weshalb Menschen in die Schuldenfalle zu geraten, sind vielfältig. Zunehmend betrifft das aber nicht nur Jüngere, sondern auch Senioren.
Die Gründe, weshalb Menschen in die Schuldenfalle zu geraten, sind vielfältig. Zunehmend betrifft das aber nicht nur Jüngere, sondern auch Senioren. © dpa-Zentralbild

Region Döbeln. Die junge Familie ist gleichermaßen erschrocken und entsetzt. Der betagte Vater wurde ungeplant ins Krankenhaus gebracht. Während er sich dort erholt, kümmern sich die jungen Leute um seine Wohnung. Dort finden sie in einem Karton unzählige Briefe. Einige geöffnet, die meisten aber nicht. Es sind alles unbezahlte Rechnungen und entsprechende Mahnungen – zusammengerechnet mehrere tausend Euro.

„Teilweise sind ältere Menschen völlig damit überfordert, ihre Finanzen im Blick zu behalten und entsprechend zu handeln“, sagt Verona Hardt von der Schuldnerberatung der Diakonie Döbeln.

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Während sich die Corona-Pandemie bisher kaum auf die Zahl ihrer Klienten ausgewirkt hat, stellen sie und ihre Kollegin Stephanie Scarpat fest, dass immer mehr Senioren die Beratung in Anspruch nehmen – oft von den eigenen Kindern dazu ermutigt. „Die Rentner bauen sich eine Scheinwelt auf. Viele resignieren auch und schämen sich, ihren Kindern von dem Problem zu erzählen“, so Sozialpädagogin Stephanie Scarpat.

Krankenkasse wird zur Schuldenfalle

Immer öfter suchen auch Senioren, die früher selbstständig waren, den Rat der Schuldnerberater. Grund ist der Beitrag der Krankenkasse, den sie von der Rente nicht mehr zahlen können.

Früher waren die Frauen und Männer privat versichert. Ein Wechsel in die gesetzliche Krankenkasse ist nur bis zum 55. Lebensjahr möglich. Im Alter ist der Weg dorthin versperrt.

Einziger Ausweg ist der sogenannte Notlagentarif. Das ist ein geringer Beitrag, den der Betroffene an die Krankenkasse zahlt. Gleichzeitig kann er dort Stück für Stück seine Schulden begleichen.

Aber die Leistung der Krankenkasse beschränkt sich dann auf die Behandlung von akuten Erkrankungen und Schmerzzuständen. „Das ist ein riesiges Problem, das noch zunehmen wird“, meint Stephanie Scarpat.

Vier Prozent der Kunden über 100.000 Euro im Minus

„Und die Teuerungsrate tut ihr Übriges“, fügt Verona Hardt hinzu. Die Schuldnerberaterin weise ihre Klienten auch immer wieder auf die Döbelner Tafel hin. Mit einem kurzen Schreiben von der Beratungsstelle würden Betroffene dort kurzzeitig zum Überbrücken eines Engpasses auch ohne einen Tafelausweis Lebensmittel erhalten. „Damit haben wir gute Erfahrungen gemacht“, sagt Verona Hardt.

Es gibt aber auch weiterhin und immer mehr jüngere Menschen, die in die Schuldenfalle geraten. „Unsere Warteliste explodiert“, sagt Stephanie Scarpat. Im Durchschnitt kämen pro Jahr 120 neue Klienten in die Beratungsstelle. In diesem Jahr waren es von Februar bis Mitte Juni bereits 60. Die meisten davon haben sich seit April gemeldet.

Im Jahr 2020 haben 408 Frauen und Männer die Schuldnerberatung aufgesucht, die Hälfte davon im Alter zwischen 31 und 50 Jahren. 58 Prozent waren Männer und 42 Prozent Frauen. Vor einigen Jahren waren es noch jeweils die Hälfte.

Die meisten haben zwischen fünf und 20 Gläubiger, einige auch über 100. Häufig haben die Schulden eine Höhe bis zu 5.000 Euro. Bei der zweiten Gruppe sind es zwischen 10.000 und 20.000 Euro und bei vier Prozent sogar mehr als 100.000 Euro.

Zu viele Telefonverträge, zu viele Kosten

Die größte Gruppe der 31- bis 50-Jährigen „kommt mit Schulden, die sie bereits in der Jugend angehäuft hat“, so Stephanie Scarpat. Vor allem die Männer werden oft von ihrer Partnerin angehalten, sich um die Schulden zu kümmern.

Junge Leute hätten ganz andere Probleme. Ihnen fehle das Wissen über die Kontoführung. „Sie können auch keinen Kontoauszug lesen“, sagt Verona Hardt. Sie wüssten nicht, was ein Kredit ist und wie ein solcher verzinst wird.

Oft entstünden Stromschulden, weil den jungen Erwachsenen nicht bekannt sei, das der Mieter einer Wohnung den Strom selbst anmelden muss. Dazu kämen Forderungen von Telefonanbietern. Nicht selten seien fünf bis sechs Verträge vorhanden.

Ein Weg aus den Schulden ist die Privatinsolvenz. Seit Oktober vergangenen Jahres wurde die von sechs auf drei Jahre reduziert. Dafür sei das Verfahren teurer geworden und koste jetzt zwischen 2.500 und 3.000 Euro.

Corona hat zwar bisher keine nennenswerten Auswirkungen auf die Arbeit der Schuldnerberatung. Die wird aber auf andere Weise erschwert. Viele Einrichtungen sind bereits wieder geöffnet, aber in den Behörden müsse nach wie vor ein Termin vereinbart werden. Ab und an seien dort auch schon Unterlagen verschwunden.

Ansprechpartner vor Ort in Döbeln fehlt

Zudem könnten sich die Schuldner die Fahrtkosten nach Hainichen nicht leisten, wo sich schon seit längerer Zeit die Vollstreckungsabteilung und die Beratungsbeihilfe des Gerichts befinden. Die meisten Schuldner, die einen Beratungsschein benötigen, haben keine Rechtsschutzversicherung, kein Geld für einen Anwalt und auch kein Geld, um nach Hainichen zu fahren.

Dort würden sie den Schein am gleichen Tag erhalten. Werde er auf dem Postweg beantragt, könne das bis zu sechs Wochen dauern. Deshalb würden sich die Mitarbeiterinnen der Schuldnerberatung wünschen, dass ein Rechtspfleger regelmäßig nach Döbeln kommt und dort eine Beratung anbietet.

  • Sie haben Hinweise, Kritik oder Lob? Dann schreiben Sie uns per E-Mail an [email protected]

Über ein Projekt der Rechtsanwaltskammer gibt es für Sozialfälle vor der Beantragung des Beratungshilfescheins zum Beispiel in Riesa, Zwickau und Chemnitz auch kostenlose Beratungsgespräche von Anwälten.

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Die Döbelner Schuldnerberatung habe bei der Kammer angefragt, ob dieses Projekt auch in der hiesigen Region umgesetzt werden könnte. Dies sei in Prüfung war die Antwort vor einem Jahr. „Seitdem haben wir nichts mehr davon gehört“, so Verona Hardt.

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