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Flughäfen erwachen aus der Corona-Starre

Die Passagierzahlen in Dresden und Leipzig legen zu, vor allem die Fracht am DHL-Drehkreuz. Jüngste Proteste sollen die Ausbaupläne dort nicht stören.

Monatelang hatten Besucher der Aussichtsetage im Dresdner Flughafen nur ein Stillleben vor sich. Jetzt könnte es wieder interessant werden.
Monatelang hatten Besucher der Aussichtsetage im Dresdner Flughafen nur ein Stillleben vor sich. Jetzt könnte es wieder interessant werden. © Picture-Alliance/dpa/AP

Nach den Turbulenzen in den 15 Monaten der Pandemie sind die Flughäfen Leipzig-Halle und Dresden wieder im leichten Steigflug unterwegs, schaut Götz Ahmelmann, Vorstandschef der Mitteldeutschen Flughafen AG „deutlich optimistischer“ in die Zukunft. Auf dem Weg zum Vorkrisenniveau gehe es „bei der Urlaubsfliegerei deutlich schneller voran“ als im Linienverkehr, sagt der Manager.

„Dresden und Leipzig sind wieder an die Welt angebunden“, so der Chef der MFAG, Dachkonzern beider Flughäfen und der Abfertigungsgesellschaft Portground. Von Dresden aus werden neben Urlaubszielen wie Mallorca, Antalya, Rhodos, Heraklion auch wieder internationale Drehkreuze bedient: Frankfurt am Main, München, Düsseldorf, Amsterdam, Zürich.

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Aeroflot kommt im Winter zurück nach Dresden

Außerdem wird ab September Moskau durch die russische Airline S7, Nachfolger der Fluggesellschaft Sibir, angesteuert. Auch Aeroflot wolle sich im Winter in Dresden zurückmelden, sagt Ahmelmann. Überhaupt geht der Konzernchef davon aus, „dass wir alle Ziele wiederbekommen“. Bei den Frequenzen werde es Abstriche geben. Im September könnte es wieder Flüge nach Stuttgart geben, nur die Rückkehr von Köln-Bonn auf Dresdens Abflugtafel sei noch offen.

"Wir jagen keine Pokale, sondern wollen ein profitables Unternehmen mit guten Arbeitsplätzen sein", sagt Götz Ahmelmann. Der frühere Air-Berlin-Manager ist seit Herbst 2017 Vorstandschef der Mitteldeutschen Flughafen AG.
"Wir jagen keine Pokale, sondern wollen ein profitables Unternehmen mit guten Arbeitsplätzen sein", sagt Götz Ahmelmann. Der frühere Air-Berlin-Manager ist seit Herbst 2017 Vorstandschef der Mitteldeutschen Flughafen AG. © ronaldbonss.com

Ahmelmann, seit fast vier Jahren im Chefsessel, tritt dennoch auf die Euphoriebremse. Das Ausgangsniveau sei niedrig, ein langer Atem nötig. Dresdens Airport zähle im Juli normalerweise 270 wöchentliche Flüge, derzeit seien es 70. Im Jahr vor der Krise hätten beide sächsischen Standorte zusammen 4,2 Millionen Passagiere gehabt, „dieses Jahr werden wir wohl nur eine Million schaffen“.

Leipzig überholt bei der Fracht London

Der frühere Air-Berlin-Manager spricht lieber über Luftfracht. Aus gutem Grund: Dort habe Leipzig mit seinem DHL-Drehkreuz im Halbjahresvergleich zu 2020 um 21 Prozent auf 766.000 Tonnen zulegen können und der Flughafen europaweit zeitweise die meisten Flugbewegungen gehabt – auch wegen vieler Flüge mit medizinischen Gütern und Hygieneartikeln. Vorübergehend hätten 75 Beschäftigte aus Dresden geholfen, das gewaltige Aufkommen zu bewältigen. Damit habe Leipzig London überholt und rangiere nun unter Europas größten Frachtadressen auf Platz vier. Das Frachtplus habe den Einbruch bei den Passagierzahlen teilweise aufgefangen.

In der ersten Corona-Welle war der Betrieb an deutschen Flugplätzen im April um 98 Prozent eingebrochen, der Verkehr von und nach Sachsen zeitweise auf Transporte von Kranken und Erntehelfern, Fracht- und Rückholflüge reduziert. Auch 2021 ging es bergab. In den ersten sechs Monaten zählten Leipzig und Dresden zusammen gerade noch 95.000 Reisende. In der bereits rückläufigen Vorjahreszeit hatte Dresden allein noch 240.000 Passagiere.

Keine Diskussionen über Stellenabbau

Der Flughafenverband ADV sieht Standorte in ihrer Existenz gefährdet. Die Pandemie sei noch lange nicht überwunden, heißt es. „Im besten Fall werden wir 2023 wieder das Vor-Krisen-Niveau sehen.“ Nach der Finanzkrise 2008 hatte es bis 2015 gedauert, ehe in Europa wieder so viele Flieger unterwegs waren wie zuvor. Laut ADV müssen die deutschen Flughäfen in diesem und im nächsten Jahr den Verlust von drei Milliarden Euro verkraften, ist ein Viertel der 180.000 unmittelbaren Jobs bedroht.

„Bei uns gibt es keine Diskussionen über Stellenabbau“, verkündet MFAG-Chef Ahmelmann stolz. Die 1.400 Beschäftigten des Konzerns, knapp ein Drittel davon in Dresden, haben sich den Kündigungsschutz bis Ende 2021 mit einer zweijährigen Nullrunde bei den Löhnen erkauft. Auch die vom Bund eingeräumte steuerfreie Corona-Prämie blieb ihnen versagt.

28 Millionen Euro Coronahilfe für Sachsens Flughäfen

Die 15 größten deutschen Flughäfen hatten von Bund und Ländern eine Finanzspritze von 400 Millionen Euro erhalten. Ihnen wurden so Kosten für das Offenhalten zu Beginn der Pandemie erstattet: Einnahmeausfälle bei Flugplatzentgelten, aus Mieten, Parken, Tanken, Werbung. Laut Ahmelmann haben Leipzig und Dresden insgesamt 28 Millionen Euro erhalten.

Der Bund der Steuerzahler hatte hingegen an die Politik appelliert, keine zusätzlichen Subventionen zu beschließen. „Stattdessen muss es darum gehen, die Flughafenlandschaft in Deutschland zu konsolidieren“ und Standorte notfalls zu schließen, heißt es. Die Debatte war mit dem Wahlprogramm der Grünen zusätzlich befeuert worden. Die Partei will Inlandflüge bis 2032 abschaffen. „Das würde uns mit den Zubringerflügen zu den Drehkreuzen hart treffen“, sagt Ahmelmann. „80 Prozent der Frankfurt-Flieger sind Umsteiger.“

Ausbaupläne brauchen Akzeptanz im Umland

Ahmelmann bekennt sich ausdrücklich zum Dresdner Airport, obwohl der ab 2022 von Lotsen aus Leipzig ferngesteuert wird und schon vor Corona weniger Passagiere hatte als 25 Jahre zuvor mit dem alten Terminal. Die eigene Website ist der Flughafen schon länger los, er wird praktisch als dritte Start- und Landebahn der MFAG geführt.

Der Flughafenchef ist zuversichtlich. Das Hauptwachstum werde die Logistik in Leipzig bringen, sagt er. Am dortigen Investitionsprogramm in Höhe von 500 Millionen Euro halte man fest. Am 1. September gehe die sanierte Startbahn Nord in Betrieb. „Wir bauen nicht auf Verdacht, sondern im Auftrag von unserem größten Kunden DHL, der mehr Platz braucht“, sagt er.

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Die Pläne der Posttochter hatten am Wochenende zu umstrittenen Protesten geführt. Klimaaktivisten hatten eine Zufahrt blockiert, für Verspätungen gesorgt, DHL einen „Millionenschaden“ reklamiert. Ahmelmann weiß, dass er die Akzeptanz im Umland braucht – vor allem bei lärmgestörten Anwohnern. Und er warnt, ohne konkret zu werden, vor den Folgen, wenn es keine Wachstumschancen für DHL gibt.

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