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Filialisierter Einzelhandel darf Innenstädte nicht dominieren

Viele Innenstädte sind Geiseln internationaler Superketten. Dabei sollten sie vielmehr menschlichen Bedürfnissen entsprechen. Ein Gastbeitrag.

Der Israels Plads in Kopenhagen – Paradebeispiel für moderne Stadtplanung.
Der Israels Plads in Kopenhagen – Paradebeispiel für moderne Stadtplanung. © Wikipedia

Von Eike Becker

Weinerliche Kommentare zu sterbenden Innenstädten, zerbrochenen Fensterscheiben am Markt von Lüdenscheidt, geschlossenen Kaufhäusern in der ganzen Republik sind leicht zu finden. In Berlin lässt sich der Senat die Genehmigung diverser Hochhäuser abpressen und feiert dafür die vorübergehende Offenhaltung von vier maroden Kaufhäusern, als wäre es die Champions League. Das Ende der deutschen Städte, ja der europäischen Stadtzivilisation scheint gekommen.

Der filialisierte stationäre Einzelhandel mit seiner flächendeckenden Einfallslosigkeit hat die Innenstädte zu Geiseln internationaler Superketten gemacht, die sich weder um das Wohl ihrer Kunden noch um die Qualität der Städte gekümmert haben. Ja, die ehemals abwechslungsreichen Ladenzeilen sind vielfach zu Ansammlungen rücksichtsloser Wegelagerer und Plünderer entlang der öffentlichen Räume mutiert. Die zum Gemeinwohl wenig beitragen wollen und Kaufkraft und Frequenz der Passanten zu den einzigen Kriterien für eine Standortentscheidung erklären.

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Als internationale Konzerne waren sie in der Lage, kaum Steuern zu zahlen, enorme eigene ökologische Kosten der Gesellschaft aufzubürden, T-Shirts umweltschädlich und asozial herzustellen und verkaufen zu lassen. Dadurch konnten sie extrem hohe Mieten zahlen und individuellere Läden und Dienstleister aus den zentralen Lagen verdrängen. Mieten, die in den 1-a-Lagen völlig überzogen sind und eine Gewerbeimmobilienblase erzeugt haben, die dringend korrigiert gehört. Da stehen Werte in den Büchern, die dem aktuellen wirtschaftlichen Nutzen nicht mehr gerecht werden. Vermutlich wird eine Insolvenzwelle schwer zu vermeiden sein. Am Rückzug der Kaufhäuser und Handelsketten, den vakanten Läden, Gaststätten und Gewerbeflächen vieler Geschäftsstraßen wird diese Entwicklung heute bereits sichtbar.

Sterbende Innenstädte

Wenn Hotels keine Kongressbesucher und Touristen beherbergen, große Teile des Handels online an monopolistische Strukturen aus den USA gehen und Angestellte von zu Hause arbeiten, werden viele Gastronomen und Händler weniger umsetzen. Kulturelle Einrichtungen wie Museen, Galerien und Theater werden möglicherweise weniger Besucher haben. Und die Kommunen zusätzliche Einnahmeverluste verzeichnen. Deshalb geht es darum, den Wandel zu nutzen und zu gestalten.

Innenstädte sind nicht nur Handelsplätze für den filialisierten Einzelhandel, sondern müssen als lebendige Quartiere die Vielfalt menschlicher Bedürfnisse abbilden. Sterbende Innenstädte sind kein Thema von heute. Schon in den 70er- und 80er-Jahren wurde das Problem viel diskutiert.

Aber die Innenstädte sind leidensfähiger und widerstandsfähiger, als es scheint. Sie sind über Jahrhunderte entstanden, haben Krisen und Kriege überlebt, sind umgebaut und repariert worden, aufgeblüht, abgerissen und wieder neu aufgebaut worden. In Europa finden sich viele der schönsten Städte der Welt. Sie haben restaurierte historische Stadtkerne, eine Vielzahl denkmalgeschützter Einzelgebäude und Plätze, die der Lebendigkeit und Vielfalt einer Gesellschaft grandiose Räume bieten können. Es geht also darum, Widerstand zu leisten und sich den negativen Entwicklungen mit Kreativität und Tatkraft entgegenzustellen. Es geht darum, die übermotorisierten Städte so umzubauen, dass sie wieder für Menschen gemacht sind. Dazu ist eine aktive, langfristige, vorausschauende Stadtentwicklungsplanung erforderlich. Mit Ideen, die die Städte besser machen und zu einer liebevollen Verwurzelung einladen. Deshalb sehe ich die Krise auch als Chance. Wo Platz frei wird, können neue, bessere Nutzungen entstehen.

Spielerische Orte

Das Berlin der 90er-Jahre steht dafür. Freiräume ziehen Kreative an und schaffen die Möglichkeit zum Neustart. Die widerstandsfähigen Städte, die die Herausforderungen besser meistern können, sind die durchmischten Städte mit Handel, produzierendem Gewerbe, Arbeiten, Wohnen, Ausbildung, Spielen und Freizeit beieinander. In Kopenhagen auf dem Israels Plads wird verständlich, wie das umgesetzt werden kann. Eine Markthalle mit lauter Gemüse- und Obstständen aus der Region hinter mir, schaue ich auf einen öffentlichen Raum, der eine Mischung aus Fußballkäfig, Basketball-Court, Skaterpark, Sandkasten, Planschbecken und Strandpromenade ist. Kreative Gastronomie im Erdgeschoss und eine Mischung aus Wohnen und Arbeiten darüber. Wunderbar. Ein Meisterwerk.

Ein anderer Platz heißt Superkiln und schlängelt sich zwischen Brandwänden mit Schiffsschaukeln, Boxring, Fahrradrennbahn und Basketball-Court durch seine sperrige Umgebung. Er gibt einem der sozial fragilsten Bezirke von Kopenhagen, Nørrebro, eine gesellschaftliche Mitte.

Solche spielerischen Orte findet man selten in deutschen Städten. Auch bei Neuanlagen dominiert zumeist trister, ernster Minimalismus. Humor, Lebensfreude und Spielräume für Jung und Alt: Fehlanzeige.

Die werden aber immer wichtiger, wenn die Gesellschaft nicht in einander fremde Gruppen zerfallen soll. Menschen brauchen positive Gemeinschaftserlebnisse, für die sie auch zusammenkommen wollen. Die Innenstädte sind die Orte, an denen das besonders gut geschehen kann. Hier entscheidet sich gesellschaftlicher Erfolg und Misserfolg. Wie vor der Philharmonie in Berlin. Edles Pflaster, dünne Bäumchen und die Parkbänke auf Linie reichen nicht aus. Kein Spielplatz weit und breit. Ein paar Skater schrabbeln am Bordstein lang. Pflasterflächen allein bringen noch keine Menschen zusammen und verfehlen ihren Zweck. Sie sind Leerstellen, vielleicht gerade mal Repräsentationsflächen, die zu teuer erkauft sind. Mit neuen Konzepten können die Innenstädte besser gemacht werden.

Münster und Freiburg sind gute Beispiele

In Siegen bevölkern heute Studenten die Innenstadt, nachdem der Unicampus von außen mitten in die Stadt verlegt wurde. Die funktionale Stadt mit getrennten Bereichen für Wohnen, Arbeiten, Handel, Bildung und Freizeit war ein Fehler. Die Handelsstadt muss umgebaut werden in eine multifunktionale Stadt für die Menschen mit Wohnen, Gewerbe, Produktion, Handwerk, Dienstleistern, Freizeit, Spiel- und Sportplätzen, Kultur und Bildung nah beieinander. Heute gibt es einfach zu wenige Wohnungen und auch zu wenige zeitgemäße Orte zum Arbeiten in den Innenstädten. Stadtbauräte und Bürgermeister sollten nicht nur auf Anträge reagieren, sondern ihre Stadt mit den Bürgern neu denken. Und langfristig planen.

Münster und Freiburg sind da hervorragende Beispiele. Aber auch Städte wie Hannover, Bonn oder Karlsruhe haben Potenziale. Diejenigen Städte, die einen Plan verfolgen, sich eine Struktur verleihen und gute Leute in die Verwaltung holen, die kommen weiter. Beiräte für die lebendige Stadt, die praktische Beispiele vorstellen und Wissenstransfer ermöglichen, können Urbanität in die Randbereiche bringen. Kreative Gastronomie, gute Handwerker, Manufakturen, lebendige Vereine sind der Stolz einer Kommune und bringen Menschen gut zusammen. In Demokratien und Städten sind kontinuierliche Lernprozesse die Voraussetzung für dauerhaften Erfolg. Heute sind die meisten Innenstädte Potenzialflächen für bessere Lösungen.

Unser Autor:

Eike Becker, Jahrgang 1962, studierte Architektur in Aachen, Paris und Stuttgart. 1999 gründete Becker zusammen mit Helge Schmidt in Berlin das Büro Eike Becker_Architekten.

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