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"Nennen wir es nicht intelligent"

Lange galt künstliche Intelligenz auch bei sächsischen Unternehmen als digitales Gold der Zukunft. Doch die Realität sieht anders aus.

Darf es vielleicht ein Sportwagen sein? Die KI-getriebene Autoberaterin im Bild wurde vom IT-Dienstleister Itelligence entwickelt. Die Firma hat auch Sitze in Dresden und Bautzen.
Darf es vielleicht ein Sportwagen sein? Die KI-getriebene Autoberaterin im Bild wurde vom IT-Dienstleister Itelligence entwickelt. Die Firma hat auch Sitze in Dresden und Bautzen. © PR

In drei Reihen liegen Pralinenpackung, Kaffeetassen und Metallplatten untereinander. Mit einem leisen Surren fährt der Greifarm nach oben, macht eine abgehackte Bewegung nach links und sinkt wieder in den Ruhezustand. Plötzlich meldet die Software auf dem Bildschirm neben der Maschine einen Fehler.

Eine der kleinen Platten, ein Verbindungsteil für Autositze, hat einen tiefen Riss. Bobby Urland, Vertriebsberater bei Robotron, hat sie extra dort positioniert. 2016 hat Robotron in Zusammenarbeit mit BMW das Produkt mit dem Namen "Realtime Computer Vision" auf den Markt gebracht.

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Das Prinzip: Eine Kamera, die am Greifarm angebracht ist, schießt permanent Fotos der Produktionsteile. Ein Mitarbeiter bringt der Software dann anhand der Bilder bei, welche Fehler bei der Herstellung auftreten können. 

Anschließend kann das Programm in Echtzeit Unregelmäßigkeiten erkennen. Das funktioniert auch ohne gute Internetverbindung, Speicherplatz und Rechenleistung. Denn ist der Algorithmus einmal berechnet, kann er auf einem USB-Stick gespeichert werden und landet dann auf einem angeschlossenen Mini-Computer. 

Amazon-Algorithmus: Nicht so schlau wie gedacht

Klingt zunächst unspektakulär. "Hat aber große Wirkung", sagt Urland und deutet auf das Schwarz-Weiß-Bild der defekten Platte. "Bevor mit neuronalen Netzen  gearbeitet wurde, wurden über drei Prozent mehr Produktionsteile aussortiert, weil die Kameras zum Beispiel Ölflecken als Risse identifiziert haben." 

Neuronale Netze ist ein Begriff aus der Informatik, der an die Funktionsweise des menschlichen Gehirns angelehnt ist. Schon seit den 50er Jahren, lange bevor Computer massentauglich wurden, träumen Wissenschaftler von Maschinen, die bei richtiger Programmierung die Arbeit der Menschen vollständig übernehmen. 

Doch an der Vorstellung, ein technisches Gerät bräuchte nur genügend Rechenleistung und Daten, um selbstständig zu denken und zu handeln, sind bisher selbst die Giganten des Internets gescheitert. "Wenn Ihr einziger Kauf bei Amazon ein Kühlschrank wäre, würde Ihnen Amazon lange Zeit danach ständig Kühlschränke vorschlagen", sagt Paul Balzer, Regionalleiter Ost beim K.I. Bundesverband. 

Wenn der Fassadenmaler zum Drohnenpiloten wird

Balzer ist wie Urland und dutzende andere Forscher und Unternehmensvertreter zur ersten sächsischen Tagung für Künstliche Intelligenz in die Börse Dresden gekommen. Die zweitätige Veranstaltung, durchgeführt vom Fraunhofer Institut für integrierte Schaltungen soll Klarheit schaffen: Wo steht die Welt beim Thema Künstliche Intelligenz - und kann Sachsen da mithalten?

Paul Balzer hat schon mit dem Begriff der Intelligenz so seine Probleme. "Nennen wir es nicht intelligent. Es ist einfach nur ein Algorithmus." Der selbst bei Amazon und Google - wenn überhaupt - zu maximal 80 Prozent funktioniere. 

Und da sei der Knackpunkt. "In Deutschland bringen wir keine Lösungen mit Fehlern auf den Markt." Dies widerspreche dem Perfektionismus, der deutsche Produkte bisher ausgezeichnet habe. Mittelständische Unternehmen, die nicht ausgereifte Software kaufen, seien kaum vorstellbar.

Aber gerade die will Oliver Schenk (CDU), Chef der sächsischen Staatskanzlei, mit einer neuen KI-Strategie des Freistaats eigentlich erreichen. "KI ist in und liegt auf der Straße", sagt er. Neulich hat Schenk ein Video gesehen, auf dem eine Drohne eine Hauswand streicht. 

"Das ist die Zukunft: Ein Fassadenmaler, der zum Drohnenpiloten wird", sagt Schenk. Die Transformation des klassischen Mittelstands - eine Vision, die hier viele Teilnehmer haben. Auch weil sie wissen, dass Sachsen nicht mithalten kann mit kalifornischen Großkonzernen, die riesige Datenmengen aufsaugen und ihre Vernetzung zum Geschäftsmodell machen. 

"Wir müssen uns auch mit 80 Prozent zufrieden geben"

"Google und Co. beschäftigen sich mit KI in hoher Stückzahl", sagt Diane Hirschfeld, Chefin einer Softwarefirma für Sprachsteuerung in Dresden. Sachsens Stärke seien individuellere Lösungen. Wie das sogenannte Edge Computing, das auch bei Robotron zum Einsatz kommt.  

Unsichere Daten landen nicht in der Cloud, also irgendwo im Netz, sondern werden vor Ort verarbeitet. Diese Form des Arbeitens mit Algorithmen sei wie geschaffen für die IT-Branche in Sachsen, die vor allem Hardware produziert, meint Schenk. Gerade ländliche Regionen in Sachsen könnten profitieren. 

"Auch Firmen in der Pampa hätten mit Edge Computing gute Arbeitsmöglichkeiten", sagt Urland. Doch bisher stößt Künstliche Intelligenz beim sächsischen Mittelstand nicht gerade auf Gegenliebe. Das Fraunhofer Institut hat im Februar eine Studie zum Stand von KI in Sachsen herausgegeben und dafür mit Unternehmen im ganzen Bundesland gesprochen. 

Paul Balzer, Regionalleiter Ost beim Bundesverband K.I. beobachtet, dass sächsische Unternehmen im Verband deutlich unterrepräsentiert sind.
Paul Balzer, Regionalleiter Ost beim Bundesverband K.I. beobachtet, dass sächsische Unternehmen im Verband deutlich unterrepräsentiert sind. © Christian Juppe

Das Ergebnis: Es fehlt an Fachkräften aus dem In- und Ausland, Wirtschaft und Forschung tauschen sich zu wenig aus, viele Unternehmer und Kunden haben Angst vor Kontrollverlusten durch Künstliche Intelligenz.

Sebastian Lindner, der das Referat für Künstliche Intelligenz der Sächsischen Staatskanzlei leitet, sieht dafür keinen Grund. "Solange Amazon Alexa mit echten Gesprächen trainieren muss, brauchen wir uns keine Sorgen zu machen", sagt er.

Um die Vorteile der doch nicht so schlauen, aber durchaus nützlichen Algorithmen in Sachsen besser zu nutzen, will der Freistaat in den nächsten Monaten eine KI-Strategie entwickeln. Parallel dazu startet das Fraunhofer Institut ein Projekt zum Thema, das für Firmen aus allen Branchen offen ist.

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Sächsische Unternehmer sollen dabei ein realistisches Bild von künstlicher Intelligenz erhalten - und lernen, was sie schon heute umsetzen können. Es muss ja nicht gleich ein Roboter sein, der die Welt erobert. "Wir müssen uns auch mit 80 Prozent zufrieden geben", sagt Balzer. 

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