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Diese Schlachterei will es anders machen

Sachsens letzte Großschlächterei setzt auf Festangestellte, Region und Transparenz. Akkordarbeit gibt es hier nicht. Aber ein Bewusstsein, das übers Filet hinausgeht.

Der Schlachtbetrieb Färber beschäftigt fast 100 Mitarbeiter aus der Region und produziert pro Woche 160 Tonnen Schweine- und 40 Tonnen Rindfleisch.
Der Schlachtbetrieb Färber beschäftigt fast 100 Mitarbeiter aus der Region und produziert pro Woche 160 Tonnen Schweine- und 40 Tonnen Rindfleisch. © SMWA/Ronald Bonß

Von Katja Solbrig

Belgern-Schildau. Marcel Gliemann könnte eine Liste der Reizwörter aufschreiben, die ihn beruflich umtreiben. Tönnies würde sehr weit oben stehen. Dicht gefolgt von Lebensmitteleinzelhandel, Afrikanischer Schweinepest und Leiharbeit. Diese Wörter bedeuten für ihn eine Mischung aus Bedrohung, von Unwissen zeugender Gleichsetzung, unfairem Wettkampf und bedeutendem finanziellen Mehraufwand. Und doch muss sich Marcel Gliemann all diesen Themen stellen, immer wieder. Er ist Geschäftsstellenleiter bei der Emil Färber Großschlächterei in Belgern-Schildau in Nordsachsen.

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Alle 100 Mitarbeiter bei Färber sind fest angestellt, die meisten gehören schon lange zum Betrieb, sie alle wohnen in der Region. Leiharbeiter aus Osteuropa? Fehlanzeige. „Pro Woche verarbeiten wir hier zwischen 140 und 160 Tonnen Schweinefleisch und etwa 60 Tonnen Rindfleisch“, berichtet Marcel Gliemann anlässlich eines Besuches von Wirtschaftsminister Martin Dulig. Der SPD-Politiker machte Ende September auf seiner Gute-Arbeit-Tour, auf der sächsische Unternehmen vorgestellt wurden, die sich durch vorbildhafte Arbeitsbedingungen auszeichnen, auch in Belgern-Schildau Station. „Arbeitsschutz ist eine Chance zu zeigen, wie es anders gehen kann, gerade im Vergleich zu Tönnies“, sagte Dulig.

Die Pandemie als Chance

Nicht die schwarzen Schafe dürften das Bild der Branche prägen, „schon allein deshalb, um zu zeigen, dass Arbeits- und Gesundheitsschutz mit zum wirtschaftlichen Erfolg gehören und einen Wert an sich haben“, betonte der Wirtschaftsminister. Der Fleischkonzern Tönnies kommt wegen wiederholter Corona-Infektionsausbrüche immer wieder in die Schlagzeilen.

Die Covid-19-Pandemie war und ist auch für die Schlachterei Färber eine große Herausforderung. Aber Gliemann begreift sie als Chance: „Es hat deutlich gemacht, wie fragil das System ist und hat uns gezeigt, was wir in unserer Struktur noch verbessern können.“

Corona bedeutet aber auch einen enormen finanziellen Mehraufwand für das Unternehmen. Und nun steht die Schweinepest quasi vor der Haustür, Brandenburg ist nur einen Steinwurf weit entfernt, keine Entfernung für ein Wildschwein, und eine große Gefahr, sollte der Erreger trotz aller weiterer Vorsichtsmaßnahmen doch den Weg über einen Zulieferer finden.

Gliemann findet den Umgang in Brandenburg mit der Schweinepest „nicht so glücklich“, er wünscht sich eine Art Sonderkommission der Bundesländer, die übergreifend agieren. „Ich will nicht bewerten, ich würde mich nur freuen, wenn wir probieren, es besser zu machen.“ Auch die zusätzlichen Schutzmaßnahmen wegen der Schweinepest schlagen gehörig ins Kontor, doch der Geschäftsführer will nicht jammern.

Nischen gefunden

Der Lebensmitteleinzelhandel, noch so ein Reizwort. „Die wollen immer nur noch die Edelteile der Tiere“, so Gliemann. Aber ein Tier besteht nun mal nicht nur aus Filet und Bratenstücken. „Was ist mit dem Schweinekopf, was ist mit dem Eisbein? Wir schlachten hier ganze Tiere, nicht nur Edelteile.“ Vor sechs Jahren haben sie bei Färber, der letzten verbliebenen Großschlächterei in Sachsen, einen neuen Weg eingeschlagen. Gliemann umschreibt das mit seinen Worten, die er stets sorgsam wählt, so: „Wir haben im Lebensmitteleinzelhandel keinen Partner mehr gesehen. Aber wir wollen nicht einfach nur Kunden, wir wollen Partner auf Augenhöhe.“ 

Übersetzt: Die ewige Preisspirale nach weiter unten konnte und wollte man in Belgern nicht mehr mitmachen, mit Tönnies und Co. konnte man sowieso nicht mithalten und wollte das auch ganz bewusst nicht mehr. Färber hat Nischen gefunden. In Belgern und dem zweiten Standort in Neuruppin schlachten sie vor allem für Metzger, für Bioanbieter und für kleine Bauern, die das Fleisch noch selbst weiterverarbeiten. „Wir haben eine Idee von Transparenz und Regionalität und die möchten wir leben. Tiertransporte sind eine Wahrheit, die schon ganz lange zum Fleischgeschäft gehört. Aber niemand wollte das ändern“, so Gliemann. Und freut sich, mit der Agrargenossenschaft im zehn Kilometer entfernten brandenburgischen Mühlberg einen guten, verlässlichen Partner gefunden zu haben.

Die meisten Kunden sind in einem Umkreis von 60 Kilometern ansässig, bis Dresden sind es 80 Kilometer, auch dorthin hat man jetzt einen guten Kontakt geknüpft. „Vorher wurden die Tiere von Dresden nach Hof transportiert.“ Nun ist der Weg gut 100 Kilometer kürzer. Auch für das, was die hiesigen Verbraucher übrig lassen, hat Färber einen Abnehmer gefunden. Mit Knochen und anderen, in Deutschland weniger geliebten Teilen wird ein großer Asiamarkt in Leipzig beliefert.

„Wir sind die Zukunft“

Beim Rundgang durch die Schlachterei weist er stolz auf das große Geschick und die Kraft der Kollegen hin. Man sieht: Tiere zerlegen, ist kein Aushilfsjob, es ist ein Handwerk. „Wir machen hier keine Akkordarbeit, die Kollegen tauschen immer nach einer Weile komplett durch.“ Die meisten Mitarbeiter sind schon lang mit dem Betrieb verwurzelt, aber auch bei Färber weiß man, was Nachwuchssorgen bedeuten. Man bemüht sich nach Kräften, geht an Schulen, spricht gezielt Studienabbrecher an, gibt auch Geflüchteten Arbeitsmöglichkeiten.

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„Es ist immer noch eigener Hände Arbeit, die hier verrichtet wird, und die Familien ernährt. Das muss auch entsprechend entlohnt werden. Da rede ich nicht von verdienen.“ Marcel Gliemann betont immer wieder: „Ich will nicht bewerten, ich will auch Tönnies nicht bewerten. Wir wollen einfach probieren, es anders, hoffentlich besser zu machen.“ Und damit erreichen, dass sich die Branche in eine andere Richtung bewegt, dass die Arbeit mit dem Fleisch wertgeschätzt wird. Sowohl, was den Ruf der Branche angeht, als auch die monetäre Wertschätzung der darin Arbeitenden. Es wird wohl noch ein langer Weg sein bis dahin. „Aber wir sind jung, wir sind die Zukunft, wer, wenn nicht wir!“

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