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Pirnaer Chemiewerk will wachsen

Die Firma Schill & Seilacher plant eine neue Produktionsstätte und neue Arbeitsplätze. Denn die Auftragslage ist trotz Corona bestens.

Sommer 2019: Anlagenfahrer und Chemikant David Adolph nimmt bei Schill & Seilacher die neue Anlage P 1 in Betrieb.
Sommer 2019: Anlagenfahrer und Chemikant David Adolph nimmt bei Schill & Seilacher die neue Anlage P 1 in Betrieb. © Archiv: Daniel Förster

Der Sommer 2019 markiert einen wichtigen Zeitpunkt für das Pirnaer Chemiewerk Schill & Seilacher. Im August vor anderthalb Jahren ging am Standort Neundorf die neue Chemikalien-Mischanlage P 1 in Betrieb.

Das Aggregat ist das Herzstück der Fabrik, es ist hoch kompliziert, 300 verschiedene Chemikalien lassen sich damit herstellen. Doch lange war unklar, ob es eine solche Technik jemals wieder in Neundorf geben wird.

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Die frühere P-1-Anlage war am 1. Dezember 2014 bei der Probe-Produktion eines Flammschutzmittels explodiert. Bei der Katastrophe starb ein Produktionsleiter, vier Arbeiter wurden zum Teil schwer, mindestens 15 leicht verletzt. Trümmerteile flogen in die angrenzenden Wohngrundstücke. Die Produktion fand vorerst ein jähes Ende.

Neundorf hätte heute eine Industrie-Ruine

Angesichts des Ausmaßes blieb zunächst ungewiss, ob Behörden eine Nachfolge-Anlage in Neundorf - wo Werksgelände und Wohnhäuser inzwischen sehr nahe aneinandergerückt sind - jemals wieder genehmigen würden.

Doch mithilfe des Landes, des Landkreises Sächsische Schweiz-Osterzgebirge, der Stadt Pirna und nicht zuletzt mit völlig neu entwickelten Sicherheitsstandards gelang es, nach einem fünfjährigen Genehmigungsprozess die neue P-1-Anlage in Gang zu setzen. Ohne diese Technik hätte es düster ausgesehen für den Betrieb.

Ein Dauerausfall hätte zweifelsohne das Aus für das Neundorfer Werk bedeutet. "Ohne diese Anlage wäre dieser Standort wirtschaftlich nicht zu betreiben", sagt Rüdiger Ackermann, Geschäftsführer der gesamten Unternehmensgruppe. Wäre die Anlage P 1 nicht wieder aufgebaut worden, hätte Neundorf heute eine Industrie-Ruine.

Eine Spezialanlage reicht bald nicht mehr aus

Doch nun läuft das neue Aggregat seit anderthalb Jahren, zunächst testweise, seit einem reichlichen halben Jahr im Vollbetrieb.

Wie bedeutsam die Anlage für das Pirnaer Werk ist, verdeutlichen die rasant steigenden Produktionszahlen. Derzeit ist die Anlage zu 60 bis 70 Prozent ausgelastet. Steigen aber die Nachfrage nach Produkten und die Zahl der Aufträge weiter wie bisher, dann ist sie spätestens Ende dieses Jahres voll ausgelastet.

Und mehr noch sogar: Inzwischen zeichnet sich ab, dass eine P-1-Anlage in Zukunft nicht mehr ausreichen wird, um die wachsende Nachfrage nach Produkten zu befriedigen. Daher kommt möglicherweise bald ein weiteres solches Aggregat hinzu.

Neue Produktionsstätte, neue Abfüllanlage

Das Unternehmen Schill & Seilacher plant, den sächsischen Standort in Kürze zu stärken. "Wir wollen noch einmal kräftig investieren und unsere Produktionskapazitäten ausbauen", sagt Ackermann. Gerade angesichts der Corona-Krise sei eine solche Nachricht besonders wichtig.

Die Entscheidung, zu investieren, fiel auch deswegen, weil das Chemiewerk sein Sortiment erweitern will. Laut Ackermann gelte es, eine ganz neue Generation von Produkten auf den Markt zu bringen, für deren Herstellung es neuer Technologien bedürfe.

Doch auch unabhängig von der P-1-Anlage muss der Betrieb weiter wachsen. Ebenfalls in Planung ist eine neue Abfüllanlage. "Wir produzieren ja viele Stoffe in großen Mengen, daher muss der Abfüllprozess weiter automatisiert werden", sagt Oliver Schulze-Dobbert, Geschäftsführer des Neundorfer Werkes.

Stete Suche nach Fachkräften

Mit dem geplanten Ausbau sollen auch weitere Arbeitsplätze entstehen. Es ist zugleich auch ein Dank an die bestehende Belegschaft in Pirna. "Unsere Mitarbeiter engagieren sich sehr für den Betrieb und arbeiten auch am Wochenende, wenn es nötig ist", sagt Schulze-Dobbert. Daher sei es eine gute Entscheidung, in diesen Standort zu investieren.

Rund 140 Mitarbeiter beschäftigt das Neundorfer Werk derzeit, künftig sollen weitere hinzukommen - wenn sie sich denn finden lassen. Auch der Chemiebetrieb leidet unter dem Fachkräftemangel, Spezialisten werden daher ständig gesucht.

Um aber auch Nachwuchs aus den eigenen Reihen zu rekrutieren, bildet der Betrieb seit Jahren kontinuierlich aus. Momentan gibt es elf Azubis - vorwiegend Chemikanten und Lageristen. "Wir versuchen alles, um sie auch nach der Lehre im Betrieb zu halten", sagt der Geschäftsführer.

Pirna setzt sich als Ausbau-Standort durch

Wo genau Schill & Seilacher investieren will, steht noch nicht abschließend fest. Das Werk betreibt in Pirna den Standort Neundorf und nutzt zudem die ehemaligen Margon-Hallen in Burkhardswalde für Hauptlager und Versand. Doch gerade in Neundorf sind die Ausbaukapazitäten aufgrund der beengten Lage sehr begrenzt.

Sicher ist aber: Pirna hat sich bei der innerbetrieblichen Konkurrenz der verschiedenen Schill & Seilacher-Standorte durchgesetzt, vor allem gegen Hamburg. "Die geplante Investition fließt auf alle Fälle in den Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge", sagt Ackermann. Und der neue Standort liege an der Peripherie des bisherigen.

Ausschlaggebend für die Invest-Entscheidung sind zum einen die guten Erfahrungen, die das Unternehmen bislang in der Region gemacht hat. "Wir sind hier in den schwierigen Zeiten des P-1-Wiederaufbaus sehr gut unterstützt worden", sagt Ackermann. Nun zeige man sich dafür mit dem Standortausbau erkenntlich.

Zum anderen war ausschlaggebend, dass die Firma bislang unbeschadet durch die Corona-Krise ging - und viele Produkte in der Pandemie stärker nachgefragt wurden denn je.

Chemiewerk in Pirna-Neundorf mit neuer P-1-Anlage: Die Ausbaumöglichkeiten auf dem Gelände sind eher begrenzt.
Chemiewerk in Pirna-Neundorf mit neuer P-1-Anlage: Die Ausbaumöglichkeiten auf dem Gelände sind eher begrenzt. © Archiv: Daniel Förster

Steigende Umsätze trotz Corona

Laut Ackermann sei das gesamte Unternehmen bisher gut durch die Pandemie gekommen, was sich auch positiv auf den Ertrag auswirkte. Schill & Seilacher ließ keine Gewerbesteuer stunden, sondern zahlte sie für 2020. Auch Staatshilfen nahm der Betrieb nicht in Anspruch, Kurzarbeit war kein Thema.

Trotz der vielerorts eingebrochenen Wirtschaft verzeichnet das Unternehmen keine Umsatzeinbußen. Zwar sei das Geschäft in einigen Sparten, beispielsweise jene für die Automobilindustrie, leicht rückläufig.

Doch in weiten Bereichen registriert die Firma steigende Umsätze, so zum Beispiel bei Zusatzstoffen für die Kosmetikbranche und ganz enorm bei Stabilisatoren - unter anderem für Bauschaum und Matratzenschaum. Der Zuwachs liegt hier zwischen 20 und 30 Prozent.

Die Unternehmensgruppe stellt insgesamt 3.000 verschiedene Produkte her, 400 davon am Standort Pirna. Nach Aussage des Neundorfer Werkleiters Dr. Uwe Dittrich beliefert das Neundorfer Werk 15 Hauptindustriezweige, die Waren gehen in über 100 Länder. Hauptabsatzmarkt ist Asien.

Nebenbei Desinfektionsmittel hergestellt

Das trotz Corona-Krise gut laufende Geschäft ermöglichte es Schill & Seilacher auch, sich über die Maßen hinaus solidarisch zu zeigen. "Das Unternehmen gehört ja einer gemeinnützigen Stiftung, so sind wir als Firma dem Gemeinwohl in besonderer Weise verpflichtet", sagt Ackermann.

Beispielsweise kaufte das Unternehmen in vergangenen Jahr für 400.000 Euro Schutzmasken und spendete sie unter anderem an den Freistaat Sachsen, verschiedenen Städten und auch dem Berliner Krankenhaus Charité.

Darüber hinaus schaufelte das Pirnaer Werk Produktionskapazitäten frei, um zwischendurch Desinfektionsmittel herzustellen. 2020 produzierten die Neundorfer zehn Tonnen Saxol DMI, hergestellt nach der von der Weltgesundheitsorganisation WHO empfohlenen Rezeptur. Verdient hat das Werk daran nichts, laut Dittrich gab man das Mittel zum reinen Produktionspreis beispielsweise an Landratsamt, Stadt, Hausärzte, Altenheime und Kitas ab.

Danach ruhte diese Produktion zeitweise, doch nun hat sie das Werk abermals hochgefahren, kürzlich entstanden weitere zwei Tonnen Desinfektionsmittel. "Als die Corona-Zahlen jetzt wieder stiegen", sagt Dittrich, "hielten wir es für klug, noch einmal nachzuproduzieren."

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