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Ab Mittwoch: Zweitägiger Streik im Personenverkehr

Die GDL ruft die Lokführer zum Arbeitskampf auf. Am Mittwoch und Donnerstag fallen drei Viertel der Fernzüge aus.

Es ist wieder Zeit für Anzeigetafeln, die reihenweise Zugausfälle ankündigen – wie hier auf dem Dresdner Hauptbahnhof. Das Foto entstand bei einem früheren Lockführerstreik.
Es ist wieder Zeit für Anzeigetafeln, die reihenweise Zugausfälle ankündigen – wie hier auf dem Dresdner Hauptbahnhof. Das Foto entstand bei einem früheren Lockführerstreik. © Robert Michael

Die Wut der GDL-Mitglieder auf die Deutsche Bahn (DB) muss gewaltig sein. Selten gab es ein eindeutigeres Votum bei einer Urabstimmung: 95 Prozent Zustimmung für einen Streik, bei 70 Prozent Wahlbeteiligung erinnern an Wahlen zu DDR-Zeiten – nur ohne Tricks.

Demnach wird im Güterverkehr seit Dienstag, 19 Uhr, gestreikt. Im Personenverkehr soll nach dem Willen der mächtigen Spartengewerkschaft von Mittwoch, 2.00 Uhr, bis Freitag, 2.00 Uhr, nichts mehr gehen. Mit dem Zeitfenster will die GDL „den Ferien- und Wochenendverkehr nicht zu stark beeinträchtigen“, wie es heißt.

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Die Bahn reagiert mit einem Ersatzfahrplan. Im Fernverkehr wird das Angebot für Mittwoch und Donnerstag auf rund ein Viertel reduziert. Ziel ist ein zweistündliches Angebot auf ausgewählten Hauptachsen. Dennoch kann die DB nicht garantieren, dass alle Reisenden wie gewünscht an ihr Ziel kommen. Sie rechnet am Freitag wieder mit einem regulären Betrieb.

Die Wettbewerber sind vom Streik nicht betroffen. Die Deutsche Bahn hat in den vergangenen Jahren zahlreiche Regionalverbindungen an Konkurrenten wie die Mitteldeutsche Regiobahn und die Ostdeutsche Eisenbahngesellschaft verloren. Sie betreibt im Freistaat noch 23 Strecken, darunter je drei Linien der Dresdner S-Bahn und im Elbe-Spree-Netz, die Nationalparkbahn durch die Sächsische und die Böhmische Schweiz, den Wanderexpress Bohemica, den Saxonia-Express Dresden–Leipzig.

Bahn bietet „maximale“ Kulanz an

Der Konzern verspricht „maximale“ Kulanz. Gebuchte Fernverkehrstickets könnten bis 20. August flexibel genutzt werden, die Zugbindung bei Sparpreisen und Supersparpreisen sei aufgehoben, zur Weiterfahrt könnten RE, RB, IRE und S-Bahn genutzt werden, heißt es. Ungenutzte Tickets würden erstattet. Im Regional- und S-Bahnverkehr solle „ein Grundangebot für Schüler, Berufspendler und Zubringer zu Fernzügen und Flughäfen“ beibehalten werden.

Das Abstimmungsergebnis habe seine hohen Erwartungen noch übertroffen, sagt GDL-Chef Claus Weselsky. „Während sich die Führungskräfte mit Altersversorgungssystemen bis zu 20.000 Euro monatlich genehmigen, sollen den Lokomotivführern von ihren 150 Euro Betriebsrente auch noch 50 Euro weggenommen werden“, schimpft er. Diese Ungerechtigkeit werde die GDL nicht zulassen. Der Dresdner führt die mit 154 Jahren älteste Gewerkschaft Deutschlands seit 2008 und hatte mit seinen 37.000 Mitgliedern wiederholt und zuletzt 2015 das ganze Land lahmgelegt – was ihm neben Anerkennung auch den Ruf des „meistgehassten Deutschen“ einbrachte.

GDL-Chef Claus Weselsky hat selten so viel Zustimmung zu einem Streikaufruf erfahren.
GDL-Chef Claus Weselsky hat selten so viel Zustimmung zu einem Streikaufruf erfahren. © Archiv/Oliver Berg/dpa

Die Eisenbahner seien wütend auf ei-nen Arbeitgeber, der ihnen eine Minusrunde verordne und seinen Führungskräften im Homeoffice die Taschen mit Boni fülle, sagt der Bundesvorsitzende – und: „Gemessen an der Stimmung könnte der Streik gar nicht lange genug dauern.“

Der Bahnvorstand nennt den Ausstand „unnötig und völlig überzogen“, die GDL-Spitze eskaliere „zur Unzeit“. Personalvorstand Martin Seiler kritisiert, dass die GDL entgegen der Ankündigung, den Kunden ausreichend Vorlauf zu lassen, sehr kurzfristig agiere. „Gerade jetzt, wenn die Menschen wieder mehr reisen und die Bahn nutzen, macht die GDL-Spitze den Aufschwung zunichte, den wir in Anbetracht der massiven Corona-Schäden dringend brauchen“, so der Manager. Er hält eine Einigung über die materiellen Forderungen für möglich und appelliert an die GDL, an den Verhandlungstisch zurückzukehren.

Kaum noch was rollt ab Mittwoch: Bahnhof Görlitz bei einem früheren Bahnstreik.
Kaum noch was rollt ab Mittwoch: Bahnhof Görlitz bei einem früheren Bahnstreik. © nikolaischmidt.de

Die Bahn hatte ihr Angebot zuletzt erweitert: 1,5 Prozent mehr Lohn zum 1. Januar 2022 und 1,7 Prozent zum 1. März 2023 mit einer Laufzeit bis 30. Juni 2024, ferner zusätzlichen Kündigungsschutz, Tausende Neueinstellungen und eine Altersvorsorge, mit der sie branchenführend sei, heißt es. Weselsky spricht von einem „Scheinangebot“, das noch unter dem Schlichtungsergebnis vom Herbst läge.

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Die GDL fordert den Tarifvertrag des öffentlichen Dienstes mit 1,4 Prozent Lohnplus per 1. April 2021, mindestens aber 50 Euro mehr, und eine Corona-Beihilfe von 600 Euro. Zum 1. April 2022 müsse es eine weitere lineare Erhöhung von 1,8 Prozent geben. „Unabdingbar“ sei die Fortsetzung der betrieblichen Altersversorgung zum Erhalt der Kleinstrenten der Eisenbahner.

Der Ersatzfahrplan für den Fernverkehr und Kulanzregelungen stehen auf bahn.de und in der App DB Navigator, eine kostenlose Hotline unter Tel. 08000 99 66.

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