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Pirna hat jetzt die erste Fahrradgarage

Am Busbahnhof finden Radler 16 abschließbare Boxen, vor allem für hochpreisige Räder. Der ADFC fordert eine solche Anlage schon seit Langem.

Selbsttest an der neuen Fahrradgarage: Pirnas Bürgermeister Markus Dreßler bugsiert sein Rad in eine der oberen Boxen - was mit technischer Hilfe mühelos gelingt.
Selbsttest an der neuen Fahrradgarage: Pirnas Bürgermeister Markus Dreßler bugsiert sein Rad in eine der oberen Boxen - was mit technischer Hilfe mühelos gelingt. © Daniel Schäfer

Das neue Parksystem, das Pirna seit Neuestem bereichert, geht zurück auf einen eher schmerzlichen Verlust materieller Art. Steve Winter studierte vor ein paar Jahren in Chemnitz, zur Uni fuhr er meist mit dem Rad. Doch irgendwann klauten Diebe zuerst die Laufräder, wenig später war dann das gesamte Rad mit den nachgerüsteten Rädern weg.

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Das war sehr ärgerlich, Winter ersetzte aber seinen alten Drahtesel rasch durch ein E-Bike. Das teure Gefährt mochte er aber keineswegs irgendwo draußen vor der Uni anschließen. An diebstahlsicheren Unterstellmöglichkeiten mangelte es allerdings.

So schleppte er das schwere E-Bike jedes Mal mit in den Hörsaal, wo es unter seiner Aufsicht stand. Eine Lösung konnte das auf Dauer nicht sein – aber der Grundstein für eine Geschäftsidee.

Premiere in Pirna

Mit seinem Kompagnon Patrick Rabe gründete er die "RWC Factory GmbH", die beiden begannen als Start-up in Chemnitz, bekamen ein Gründer-Stipendium und entwickelten in dreieinhalb Jahren etwas Neuartiges: Eine Fahrradgarage, ein- oder doppelstöckig, eine Art übergroßes Schließfach für Drahtesel, mobil, überall platzierbar, leicht zu bedienen. Das Modell trägt den Namen "Velobrix".

Für eine Pilotphase stand ein solcher Container schon mal eine Weile am Bahnhof in Coswig, doch der ist inzwischen wieder abgebaut. Und so kommt Pirna in dieser Geschichte nun eine wichtige Rolle zu: In der Elbestadt gibt es nun eine erste Fahrradgarage, es ist das erste dauerhaft aufgestellte Modell dieser Firma im gesamten Verbundraum des Verkehrsverbundes Oberelbe (VVO).

Die Abstellanlage steht auf einer ehemaligen Grünfläche neben dem Pirnaer Busbahnhof, die auch unmittelbar am Durchgang zum Bahnhof liegt. Pirna hatte das Areal bereits im Frühjahr herrichten und pflastern lassen, zudem installierten Monteure einen Elektroanschluss. Der ist wichtig für das angeschlossene Bedienfeld – sowie für die acht Ladestationen für E-Bikes, die sich in den unteren Schließfächern befinden.

16 abschließbare Stellplätze

Das doppelstöckige containerbasierte Radparksystem am Busbahnhof bietet 16 voneinander abgegrenzte, stabile, beleuchtete, abschließbare, gebührenpflichtige Stellplätze für Radler, die auf den oder vom öffentlichen Nahverkehr umsteigen möchten. "Die Anlage schützt gleichermaßen vor Diebstahl, Vandalismus und Wetter", sagt Winter.

Darüber hinaus ist das Modul mit den 16 Drahtesel-Schließfächern mobil. So kann es beispielsweise im Fall eines Hochwassers ohne allzu großen Aufwand vom jetzigen Standort entfernt und anschließend wieder aufgestellt werden.

Der metallene Kasten kommt zudem nicht eintönig und grau daher. Die Fronten sind bunt beklebt, man sieht Blumenwiese und Fahrradmotive, dazu Hinweise zum Nahverkehr. "Dieses Parksystem ist ja irgendwie auch Stadtmobiliar", sagt Winter, "und das muss schon nach was aussehen."

Neue Fahrradgarage zwischen Busbahnhof und Bahnhof: Sie schützt gleichermaßen vor Diebstahl, Vandalismus und Wetter.
Neue Fahrradgarage zwischen Busbahnhof und Bahnhof: Sie schützt gleichermaßen vor Diebstahl, Vandalismus und Wetter. © Daniel Schäfer

Miese Noten vom Fahrrad-Club für Pirna

Der Einzug des zweigeschossigen Radparksystems wurde durch verschiedene Umstände ausgelöst. Zum einen will die Stadt umweltfreundliche Mobilität fördern, indem sie Anreize schafft – beispielsweise für den Radverkehr, um das Umsteigen vom Auto aufs Rad attraktiver zu machen. Dieser Umbruch ist bereits vielerorts zu spüren: Nicht zuletzt durch die Corona-Pandemie hat das Radfahren eine ungeahnte Renaissance erlebt. "Das Parksystem ist nun ein weiter Mosaikstein dafür, die Bedingungen für Radfahrer zu verbessern", sagt Pirna Bürgermeister Markus Dreßler (CDU).

Zum anderen resultiert die Fahrradgarage aus einer Studie des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs (ADFC) Sachsen mit einem wenig schmeichelhaften Ergebnis für Pirna: Die Stadt erhielt lediglich die Note vier. Der ADFC hatte von 2018 bis 2019 die Fahrradabstellanlagen an allen sächsischen Bahnhöfen untersuchen lassen. Das Fazit: Zwar verfüge Pirna über 240 überdachte Rad-Stellplätze am Bahnhofsvorplatz. Allerdings mangele es an diebstahlsicheren Drahtesel-Parkplätzen. "Eine abschließbare Abstellmöglichkeit fehlte in der Tat", sagt Pirnas Klimaschutzmanager Thomas Freitag. Gemeinsam mit dem VVO habe man aber nun eine gute Lösung gefunden.

Hinzu kommt: Nach Aussage von Steve Winter hätten sich bislang die Besitzer von teuren Fahrrädern oft gescheut, damit zum Bahnhof zu fahren, aus Angst, dass es ihnen dort unfreiwillig abhandenkommt. "Daher war unser Ziel, eine anschließbare Anlage auf den Markt zu bringen", sagt er.

Hydraulik hebt das Rad mit an

Bedienen lässt sich die Anlage recht einfach über ein Terminal, dass sich mit den Fingern steuern lässt. Drückt man auf das Feld "Einstellen", öffnet sich eine der Türen – immer nach dem Zufallsprinzip, damit alle Boxen gleichermaßen belegt werden und sich nicht eine mehr abnutzt als die anderen.

In den unteren Boxen lässt sich eine gerade Schiene herausziehen, dort wird das Rad drauf- und alles dann zusammen ins Schließfach geschoben. Auch bei den oberen Boxen lässt sich eine Schiene herausziehen. Sie kann per Knopfdruck entriegelt werden, dann zeigt sie schräg nach unten. Einfach Fahrrad draufschieben, zwei Bürsten halten das Rad hinten fest. Wieder den Entriegelungsknopf drücken und die Schiene nach oben heben. Das geht recht einfach, weil ein Hydraulikzylinder das Anheben unterstützt - und man so nicht das ganze Gewicht des Rades allein nach oben stemmen muss.

Bezahlt wird ebenfalls am Terminal, man kann zwischen zwei Zeiträumen wählen. Für vier Stunden kostet das Abstellen 80 Cent, der Tagestarif liegt bei 1,50 Euro. Jeder Radler kann die Abstellanlage einfach so benutzen. Die Entwickler verzichteten zunächst bewusst auf ein aufwendiges Vorab-Registrierungsverfahren – damit die Hemmschwelle nicht zu hoch ist, die Boxen auch tatsächlich zu benutzen.

Auf der Pirnaer Internetseite findet sich ein kurzes Erklär-Video zur Funktionsweise der Fahrradgarage unter www.pirna.de/leben-in-pirna/mobilitaet-verkehr/pirna-zu-fuss-oder-mit-dem-rad/. Am Container selbst lässt sich die Bedienung per QR-Code herunterladen.

Garage kostet 75.000 Euro

In das Radparksystem investierte Pirna 75.000 Euro, das Vorhaben wird zu 90 Prozent vom VVO gefördert. Perspektivisch will die Stadt neben der Fahrradgarage auch eine Servicestation errichten lassen, an der Radfahrer ihr Gefährt warten und reparieren können. Möglicherweise kommen später auch noch weitere abschließbare Fahrradboxen hinzu, beispielsweise auf dem – allerdings erst in fernerer Zukunft geplanten – neuen P+R-Parkplatz in Bahnhofsnähe.

Für die Entwickler von der RWC Factory geht es hingegen derzeit Schlag auf Schlag. "Die Anfragen häufen sich bei uns", sagt Winter, "in Kürze liefern wir beispielsweise vier Fahrradgaragen nach Berlin."

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