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GDL-Chef Weselsky rechnet mit der Bahn ab

Nach der Kriegserklärung an die EVG legt Claus Weselsky nach und greift die Deutsche Bahn an. Rückendeckung bekommt er vom Beamtenbund.

„Hier wird Geschichte gemacht“, wird GDL-Chef Claus Weselsky während der Pressekonferenz im Chat gefeiert. Andere schreiben: „Es riecht nach Streik.“
„Hier wird Geschichte gemacht“, wird GDL-Chef Claus Weselsky während der Pressekonferenz im Chat gefeiert. Andere schreiben: „Es riecht nach Streik.“ © imago

Lange war es relativ ruhig bei der Deutschen Bahn, gingen Tarifrunden, wenn auch mit Schlichterhilfe, geräuscharm über die Bühne. Doch nach der gescheiterten Schlichtung mit der Lokführergewerkschaft GDL und ihrem Nein zum mit der Gewerkschaft EVG vereinbarten Corona-Solidarbündnis brechen alte Wunden auf, erinnern Drohungen und Umgangston an Zeiten, als Lokführer mit wochenlangen Streiks die Republik lahmgelegt hatten.

Die Bahn hatte die GDL vor deren Pressekonferenz am Donnerstag der Lüge bezichtigt. Sie habe nie verlangt, dass die Gewerkschaft ihre Autonomie abgeben und der EVG unterwerfen solle, heißt es. Auch habe sie die Schlichtung nicht erzwungen. GDL-Chef Claus Weselsky wiederholte seine Darstellung vor der Presse. Schon im Mai habe man das ,Bündnis für unsere Bahn‘ abgelehnt, auch die Aufforderung zu vorgezogenen Tarifverhandlungen.

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„Wir sind nicht bereit, dass das Zugpersonal einen Sanierungsbeitrag in einem maroden Konzern leistet, der an allen Ecken der Welt auf Hochzeiten tanzt, die nichts mit dem Eisenbahnsystem in Deutschland zu tun haben“, sagt der Vorsitzende. Zudem habe die Bahn gedroht, 2021 das Tarifeinheitsgesetz anzuwenden. Demnach gilt in einem Betrieb nur noch der Tarifvertrag der dort mitgliederstärksten Gewerkschaft. Die GDL werde in ihrer Existenz bedroht, „weil wir der Stachel im Fleisch sind“.

Generalabrechnung mit der Bahn

Vor dem Hintergrund hatte Weselsky bereits am Donnerstag im SZ-Interview der konkurrierenden EVG, aus seiner Sicht „Wasserträger des Managements“, den Krieg erklärt. „Wir werden ihre Tarifverträge verdrängen und die nötigen Mitglieder zum Zeitpunkt der Zählung haben“, kündigt der gebürtige Dresdner an. Die GDL habe 34.000 Beitragszahler und vertrete 80 Prozent der Lokführer. Bei den meist nicht organisierten Zugbegleitern seien es 40 Prozent, „also auch die Mehrheit“.

Die Berufsgewerkschaft will ihre „selbst auferlegte Zurückhaltung aufgeben, sich für alle systemrelevanten Berufsgruppen“ der DB öffnen und auch für Fahrdienstleiter und Mitarbeiter in Werkstätten und Infrastruktur Verträge erarbeiten. Längst würden bessere GDL-Abschlüsse auf alle Eisenbahner angewendet, so Weselsky.

Sein Auftritt, der online von über 500 Teilnehmern verfolgt wird, gerät zur Generalabrechnung mit der Bahn, die 30 Milliarden Euro Schulden habe und „völlig falsch aufgestellt ist“. Sie verpulvere Steuermilliarden am anderen Ende der Welt und habe zuletzt zwei Automotive-Töchter gekauft, kritisiert er. Das habe nichts mit Eisenbahn zu tun – wie auch Flugtaxis an ICE-Bahnhöfen. „Um das Herzstück der Bahn in Deutschland zukunftsfähig zu machen, braucht es weder einen DB-Konzern in dieser Form, noch 700 Beteiligungsunternehmen“, sagt das GDL-Sprachrohr zur SZ. Die Gewerkschaft wolle endlich Ordnung im System, sich einbringen und investieren.

Rückendeckung vom Beamtenbund

Während die Bahn nicht auf die Attacke reagiert, erklärt die EVG, weiter im Interesse aller Eisenbahner zu handeln. Die GDL sei nicht durchsetzungsfähig, ihr Vorstand handle „offensichtlich in Panik“, heißt es.

Nach dem Ende der Friedenspflicht im Februar sei alles offen, sagt Weselsky. Die GDL werde in der Tarifrunde ihre Forderungen ausbauen. Er drohe nicht mit Streiks, „jeder weiß, dass wir das können", und setze auf Vernunft, nicht beim Management, aber „bei jenen, die als Eigentümer Verantwortung tragen“, dem Bund.

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Weselsky bekommt Rückendeckung vom Beamtenbund. Sein Bundesvorsitzender Ulrich Silberbach zitiert aus dem Koalitionsvertrag der Regierung. Demnach steht „bei der Bahn nicht Gewinnmaximierung im Vordergrund, sondern die sinnvolle Maximierung des Verkehrs“. Dennoch werde Wettbewerb über Personalkosten geführt und die Tarifeinheit gezogen. Wer versuche, eine Mitgliedsgewerkschaft in den Abgrund zu stoßen, lege sich auch mit dbb Beamtenbund und Tarifunion an, droht er. „Wer Wind sät, wird Sturm ernten.“

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