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Wo der Harzbulle schnauft

Modellbahn geht auch ohne Plastebäumchen. Bei Dippoldiswalde fahren die Züge durch eine lebendige Landschaft mit Teich und Alpengipfel.

© Egbert Kamprath

Von Jörg Stock

Der Tischler Thomas Drechsel nennt sich selbst einen Pedanten. Wenn er einen Termin macht, so in zwölf bis fünfzehn Wochen, dann kommt er auch, und zwar auf Tag und Stunde. Mitunter ist die Kundschaft regelrecht schockiert, dass er, ohne noch mal anzurufen, tatsächlich auf der Matte steht. Mit dieser Auffassung von Pünktlichkeit hätte er auch Eisenbahner werden können. Ist er ja irgendwie auch geworden. Modelleisenbahner. Nur dass seine Bahn nicht im Hobbyraum verkehrt, sondern im Vorgelände seiner Werkstatt. Nichts da mit Kunstrasen und Plastebäumchen. „Meine Bahn lebt.“

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Und sie spricht sogar. „Werte Fahrgäste! Bitte steigen Sie jetzt zu! Der Zug fährt in wenigen Minuten ab!“ So schallt es am Bahnsteig unter der Blaufichte. Im Bahnhofsgebäude hat Thomas Drechsel ein altes Kofferradio versteckt, aus dessen Lautsprecher nun die Durchsagen plappern. Alle Geräusche sind Originalaufnahmen, die genau zum jeweiligen Zug passen, so auch zu dem, der sich nun in Bewegung setzt, ein Zug der Brockenbahn. Nach Herzenslust darf die vorgespannte Lok, von Kennern als „Harzbulle“ gekost, schnaufen und zischen und pfeifen.

Es war Mitte der 1990er-Jahre, als der studierte Möbelbauer Thomas Drechsel, gebürtiger Görlitzer, im Gewerbegebiet Reinholdshain nahe Dippoldiswalde sein Wohn- und Werkstatthaus errichtete. Um ihn her wurde auch gebaut, mit dem Resultat, dass neben seinem Betriebshof ein etwa dreißig Meter langer und sieben bis acht Meter breiter, sachte ansteigender Erdwall übrig blieb. Der wüste Fleck brachte Thomas Drechsel auf die Idee, die Eisenbahnplatte, an der er als Kind gefriemelt hatte, neu zu erschaffen, in einem Garten.

Wie beim Modellbahnbau üblich, installierte er zuerst die Gleise. Die Unterlage aus Sperrholz montierte der 54-Jährige auf Kunststoffrohren, die aus dem Boden lugten. Dann füllte er die Zwischenräume, formte die Bahndämme. Dutzende Fuhren Mutterboden ließ er ankarren. Er las Steine am Feldrain auf, befestigte damit Böschungen und puzzelte sich Stützmauern zusammen. Schließlich fuhren die ersten Züge, Spurweite G, 45 Millimeter. Doch ringsherum stand nur Gras. Stück um Stück musste nun wachsen, was einmal eine Landschaft werden sollte.

Der Spaß ging verloren

Landschaft und Technik, das ist die Verbindung, die Thomas Drechsel reizt. Die Eisenbahn hat ihn immer schon fasziniert. Als kleiner Junge stand er an der Hand des Vaters am Bahnsteig, staunte über die zwei Meter hohen Treibräder schwerer Schnellzugloks, spürte die Kräfte der Maschinen, gezwängt in Kessel und Zylinder, „wie ein Ross, das kurz vor dem Durchgehen ist“.

Doch er mochte auch die stille Beschäftigung im Kleingarten seiner Eltern. Er half ihnen gern bei der Arbeit. „Das fand ich irgendwie toll.“ Der Kleingarten ist inzwischen aufgegeben. Aber etliche Pflanzen von dort wachsen weiter, neben Thomas Drechsels Modellzügen. Der Boden in des Tischlers Minilandschaft ist – trotz der Verbesserungsversuche – größtenteils steinig und karg. Daher reisen die Plastikpassagiere in den Personenwagen vielfach an robustem Bewuchs entlang, etwa an Steinrosen und Mauerpfeffer, Bärenfellschwingel oder auch mannshohen nordamerikanischen Palmlilien. Auch Enzian kann besichtigt werden.

Nahe bei der Straße liegt das Feuchtbiotop. Der von Schilfrohr, Funkien und Taglilien umringte Teich ist mit Seerosen bedeckt. Zwischen den Blättern sieht man hin und wieder einen Molch rudern. Bis zu zehn Stück hat Thomas Drechsel schon gezählt. Frösche gibt es auch.

Grün wie die Seerosenblätter rollt die Weißeritztalbahn über die Teichbrücke, mit der Sächsischen IV K als Zugpferd. Die Brücke ist schon über zwanzig Jahre im Dienst. Sie stammt noch aus den ersten Tagen von Drechsels Eisenbahnwelt. Diese Welt hatte zwischenzeitlich fast aufgehört zu existieren. Der hölzerne Unterbau war aus der Form geraten. Die Züge schaukelten wie Schiffe auf hoher See, sodass Perfektionist Drechsel keinen rechten Spaß mehr an der Sache fand. Die Gleise verfielen. Da trat Saskia auf den Plan.

Bahnschienen für Igel verboten

Thomas Drechsels Tochter Saskia, damals um die 13 Jahre alt, ist verrückt nach Technik. „Kindliche Fehlprägung“, scherzt der Vater. Das Mädchen drängelte ihn, die Bahn zu reaktivieren. Er hatte keine Lust. Aber sie fing einfach an, pulte Schienen aus dem Dreck, katalogisierte das Material, schob Schubkarren, schaufelte Erde. Gerackert hat sie wie eine Irre, sagt Thomas Drechsel. Und da erwachte auch bei ihm wieder die Bahnbaulust.

Die alte Strecke war etwa 150 Meter lang. Höchstens die Hälfte, so dachte Thomas Drechsel, würde man erneuern. „Aber es machte auf einmal so einen Spaß“, sagt er. Mittlerweile ist das Schienennetz länger als je zuvor. Am oberen Gartenende haben Vater und Tochter einen Tunnel in den Hang gegraben, acht Meter lang und einen Meter dreißig tief. Dank eingebauter LEDs lässt sich die Röhre sogar beleuchten. Bahnchef Drechsel hofft, dass das die Igel davon abhält, hineinzukrauchen. Im kleinen Tunnel, der nur zwei Meter misst, ist es schon vorgekommen, dass die Stacheltiere Züge zum Entgleisen brachten.

Mit dem Aushub vom Tunnelbau haben die Drechsels gleich noch eine Alpenzinne aufgetürmt, ganz stilecht, mit Gipfelkreuz. Eine Almhütte würde dazu passen, und eine Seilbahn, sinniert Thomas Drechsel. Schließlich muss er auch seinen Hochgebirgszügen von der Rhätischen Bahn eine passende Kulisse bieten. Vor zwei Jahren hat er die Strecke, ein Stück Weltkulturerbe im Schweizer Kanton Graubünden, zum ersten Mal in echt erlebt, mit Tunneln, Viadukten und Bergpanoramen vor den deckenhohen Wagenfenstern. „Eine geniale Bahn“, schwärmt er immer noch.

Die Gartenbahn ist nur nach Anmeldung zu besichtigen: 0351 3361306.