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Wo die Siebenschläfer wohnen

Eine junge Familie will die alte Jugendherberge in Königstein wiederbeleben. Und Kinder in den Wald locken.

© Norbert Millauer

Von Marie-Therese Greiner-Adam

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Königstein. Was von der Elbe aus durch das herbstliche Blätterdickicht noch nicht zu sehen ist, ragt in seiner ganzen romantisch-verfallenen Schönheit vor den Augen auf, wandert man in Halbestadt Richtung Lilienstein den Berg hinauf: die alte Jugendherberge. Blickt man gen Elbe, springt einem die Festung ins Auge, auf der anderen Seite grüßt das Eingangsschild zum Nationalpark.

Zusammen mit seiner Familie will Christian Kubat einmal in der alten Herberge wohnen. Bis dahin muss hier aber noch einiges passieren. Einen Schlüssel zu haben, mit dem man die Tür zum vor Kurzem gekauften Haus öffnen könnte, wäre zum Beispiel ein Anfang. Nachdem der 32-jährige Geograf die Tür aufgeschraubt hat und ins Innere bittet, erübrigt sich die Frage, weshalb er einen Akkuschrauber zum Rundgang mitgebracht hat.

Als Christian Kubat das Haus zum ersten Mal betrat, kam es ihm vor, als sei die Zeit stehengeblieben. Natürlich waren vor ihm schon andere hier gewesen. Das Haus stand zwar viele Jahre leer, der eine oder andere muss hier aber gelegentlich doch gehaust haben, meint der gebürtige Berliner. Die aktuellen Bewohner sind Siebenschläfer. Manchmal trifft Kubat einen, wenn er durch das Haus geht. In den Zimmern stehen noch die alten Betten mit Matratzen, an den Fenstern hängen die alten Gardinen und an den Wänden klebt die hübsche gemusterte Tapete, die über die Jahre nur ein wenig ihrer Strahlkraft verloren hat. Die Tapete wird Kubat nicht erhalten können, vielleicht ja aber die rosafarbenen Waschbecken. Einst als Wohnhaus gebaut, übernahm in den 1920er-Jahren der Verein für Jugendwohl Dresden das Gebäude, es wurde zur Jugendherberge. In den 60er-Jahren nutzte es die Stadt als Hort, später erwarb ein Baubetrieb das Haus und nutzte es bis 1990 als Ferienheim.

Der schönste Weg zum Lilienstein

Verliebt hat sich der frisch gebackene Königsteiner in die Herberge bereits vor sechs Jahren. Damals absolvierte er im Rahmen seines Geografiestudiums in Halle an der Saale ein Praktikum im Nationalpark Sächsische Schweiz. Dafür wohnte er ein halbes Jahr im Wald, wie er sagt – genauer: in der Bildungsstätte Sellnitz. Im Praktikum lernte der heute 32-Jährige die Sächsische Schweiz noch auf eine andere Weise kennen – mit den Augen der Kinder und Jugendlichen, mit denen er im Wald auf Spurensuche ging.

„An der alten Jugendherberge bin ich immer vorbeigelaufen, wenn ich die Kinder von der Fähre abgeholt habe“, erzählt der Geograf. In der Arbeit mit den Jugendlichen im Nationalpark hat Kubat damals seine Berufung gefunden. Und hier kommt die ehemalige Herberge ins Spiel.

Kubat möchte sie wieder mit Leben füllen, die Zimmer wieder ihrer ursprünglichen Bestimmung zuführen. Viele Umbauten braucht es dafür nicht, sind sie doch schon so angelegt, dass Schüler hier zusammen mit ihren Betreuern übernachten können. Einer Schulklasse soll das Haus Platz bieten, jeder Lehrer bekommt ein eigenes Zimmer.

Während der junge Geograf mit den Kindern spielerisch den Wald erkunden möchte, kümmert sich seine Partnerin Irina Krupper um den künstlerischen Teil der Klassenfahrt. Die 27-Jährige, die in Köttewitz, einem Ortsteil von Dohna, aufgewachsen ist, hat ein Händchen für Handarbeit. Mit den Kindern möchte sie malen, mit den Dingen, die sie im Wald finden, basteln und ihre kreative Ader herauskitzeln. „Die Gruppen, die hier einmal ankommen, wollen wir familiär aufnehmen, ihnen eine gute Atmosphäre schaffen“, sagt Kubat. Das junge Paar will mit den Kindern klettern gehen, Kräuter sammeln, Lagerfeuer machen, auch einmal einen Städtetrip nach Dresden unternehmen. „Außerdem möchten wir uns mit den Leuten vor Ort zusammentun“, sagt Kubat. So zum Beispiel mit der Wollscheune, wo Kinder das Spinnen, Filzen und Färben erlernen können oder mit dem Steingut, wo sie Esel streicheln, aber auch einmal den Stall mit ausmisten können.

Christian Kubat und Familie wollen dann als Herbergseltern im Dachgeschoss wohnen. Im Moment leben sie eine Gehminute von der alten Herberge entfernt, können sie vom Wohnzimmerfenster aus sehen. Zu klein sei Kubat Halbestadt nicht – im Gegenteil, dank der S-Bahn fühle sich Königstein sogar ein bisschen an wie Berlin, scherzt er. Außerdem kommen hier viele Touristen aus den verschiedensten Gegenden vorbei. „Sie fragen immer, welcher der schönste Weg zum Lilienstein ist“, erzählt der Geograf. Wenn einmal keine Schulklasse zu Gast im Haus ist, sollen es sich auch andere Gruppen hier gemütlich machen – Wanderer, Vereine oder Studenten auf Uniexkursion.

Dass die junge Familie das Haus vor dem Verfall rettet, das danken ihr auch die Nachbarn. „Die Leute finden es gut, dass mit dem Haus etwas passiert. Sie freuen sich, dass eine Familie hier herzieht“, erzählt Kubat. Wenn alles gut läuft, und das Projekt gefördert wird, will er im nächsten Jahr anfangen, zu bauen. Die erste Schulklasse könnte dann 2018 einziehen.

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