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Wo ist das Schland-Gefühl?

Sind es die Hooligans, die Terroristen, AfD und Pegida? Oder ist es einfach das Wetter? Irgendetwas stimmt nicht.

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© dpa

Von Caroline Bock

Was war das für eine Freude, als Michael Bruns gleich vier Karten für das EM-Finale in Paris ergattern konnte. Für den Bonner Oberarzt stand sofort fest, dass er drei Freunde mitnehmen würde – natürlich reagierten die begeistert. Doch mittlerweile hat Bruns eine herbe Enttäuschung erlebt: Nacheinander haben die Freunde abgesagt. Terrorangst, Hooligans, Demonstrationen – da hatten sie plötzlich keine Lust mehr. „Jetzt hab‘ ich wieder vier Karten“, sagt der 43 Jahre alte Mediziner. „Aber das passt ja zur Stimmung.“

Die Stimmung stimmt bisher nicht – das findet nicht nur Bruns. Viele Public-Viewing-Plätze werden nicht einmal halbvoll, und in so manchen Biergärten bekommt man selbst kurz vor Deutschland-Spielen noch einen Platz. Die Berliner Fanmeile war zumindest anfangs so klein, dass sie den Spitznamen „Fanmeilchen“ bekam. Im Laufe des Dienstags rund um das Spiel gegen Nordirland sollen nach Veranstalterangaben zwar um die 100 000 Leute dort gewesen sein. Es war aber noch viel Platz auf der langen Straße des 17. Juni.

Bei zwei vorigen Spielen fielen der Polizei auf der Fanmeile Männer auf, die den Hitlergruß zeigten. Solche Bilder passen ebenso wenig zu einem Sommermärchen wie randalierende Hooligans, egal welcher Nation, oder die Häme für die Sportjournalistin Claudia Neumann. Ihr Vergehen aus Sicht der Internet-Machos: Sie wagte es, als Frau Fußballspiele bei der Männer-EM zu kommentieren. Die Einschaltquoten bei den Übertragungen sind allerdings ungebrochen hoch – egal, ob Neumann oder jemand anders kommentiert.

Dennoch: Bei der Stimmung ist noch Luft nach oben, um im Sportjargon zu bleiben. Ein Grund dafür ist ganz banal: Das Wetter war bisher größtenteils sehr schlecht. Und auch spielerisch war das Turnier eher eine Enttäuschung. Dazu kommt die Terrorgefahr. Für den Politologen Tilman Mayer steht fest: „Die Terrorlage wirkt hemmend.“ Medienkritiker Stefan Niggemeier ist noch etwas anderes aufgefallen: „Ich hab mal eine Frage“, twitterte er. „Was ist aus den ganzen Deutschland-Flaggen an den Autos geworden? Sind die offiziell abgeschafft worden?“ Spiegel-Redakteur Markus Feldenkirchen bietet eine Erklärung an: „Je mehr Flüchtlingsheime bei uns brennen, je mehr Ausländer gejagt und geschlagen werden, desto geringer ist meine Motivation, mir schwarz-rot-goldene Schminke auf die Wangen zu pinseln.“

Es klingt zunächst einleuchtend, dass vielen Landsleuten die Lust an „Deutschland“-Rufen vergangen ist – und das berühmte „Schland“-Gefühl, das seit der Heim-WM 2006 zu den Spielen der deutschen Nationalmannschaft gehörte, deshalb nicht aufkommt. Doch Wissenschaftler halten solche Schlüsse für voreilig. Der Politologe Carsten Koschmieder verweist auf den Aufruf der Grünen Jugend Rheinland-Pfalz zum Fahnenboykott auf Facebook und Twitter: Die einhellige Ablehnung zeige deutlich, dass eine breite Mehrheit der Bevölkerung nach wie vor kein Problem mit der Flagge habe.

Vielleicht fehlen im Aufgebot von Joachim Löw diesmal einfach die großen Publikumslieblinge. Thomas Müller ist frech, Jérôme Boateng und Mats Hummels sehen zwar aus wie Modeblogger respektive Models. Aber zum Knuddeln – nein. Kein Vergleich zu den Jungspunden Bastian „Schweini“ Schweinsteiger und Lukas „Poldi“ Podolski von 2006. Der eine hat jetzt graue Schläfen, der andere sitzt auf der Bank. Und ob noch mal jemand so herzergreifend weinen wird wie Michael Ballack nach dem WM-Aus gegen Italien? (dpa)