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Wohnung mit Gleisanschluss

© Dietmar Thomas

Ein Chemnitzer ist neuer Besitzer des Roßweiner Bahnhofs. Er hat viele Pläne. Aber die Umsetzung kann Jahre dauern.

Von Cathrin Reichelt

Roßwein. Die Fenster sind teilweise mit Spanplatten vernagelt. Überall stehen mit Schutt gefüllte Eimer. In einem Raum liegen Rohre, in einem anderen ein Haufen Kabel. Der Roßweiner Bahnhof macht keinen einladenden Eindruck. Trotzdem hat ihn Toni Petrick gekauft. „Das war mein   Weihnachtsgeschenk“,   sagt   der 31-Jährige. Denn zwei Tage vor dem Fest hat der Chemnitzer 2016 beim Notar die nötigen Verträge unterschrieben. Anfang Juli ist nun auch der Grundbucheintrag erfolgt.

Nur wenige Details vom früheren Bahnhofsbetrieb sind übriggeblieben, wie das Schild „Warteraum.“ © Dietmar Thomas
ur noch ein- bis zweimal pro Woche kommt ein Zug am Roßweiner Bahnhof vorbei. © Tino Petrick

Dieser Tage musste Petrick immer wieder Wassereimer leeren. Gefüllt hatte sie der Regen, der an einigen Stellen durch das Dach tropft. Das in Ordnung zu bringen, sieht er für dieses Jahr als wichtigste Aufgabe an. Notdürftig hat er die schlimmsten Stellen schon mit Dachpappe abgedichtet. Auch die Vierraumwohnung, die er für sich selbst ausbaut, soll bis Dezember soweit fertig sein, dass er einziehen kann. Schon jetzt übernachtet er mehrfach pro Woche in Roßwein, um die Sanierung voranzubringen. Denn viele Arbeiten erledigt er selbst und achtet dabei darauf, Historisches zu erhalten.

Petrick will aber nicht nur selbst im Bahnhof wohnen. Er plant eine vielfältige Nutzung. Im Nachbarflügel des Hauptgebäudes könnte eine rund 200  Quadratmeter große Wohnung entstehen. Die sechs Räume würde er an eine Großfamilie vermieten.

In den Gebäudeteil, in dem sich auch die Wohnung des Besitzers befindet, wäre auch Platz für eine Kurzzeitpflege. Dazu käme ein Gemeinschaftsraum, der nicht nur den Pflegebedürftigen, sondern der Allgemeinheit zugänglich sein soll, für Buchlesungen, Ausstellungen und Ähnliches. Die ersten Gespräche mit einem Pflegedienst sind allerdings negativ verlaufen. Ihm fehle das Personal, um sich zu erweitern, so die Begründung. Jetzt will Petrick ein genaues Konzept erarbeiten und das dann einem weiteren Pflegedienst vorstellen.

Parallel zu den Vorhaben im Bahnhofsgebäude soll das Dach des Güterbodens auf der Ladestraße erneuert werden. „Es wäre schön, wenn ich einen Mieter finden würde, der das Gebäude selbst ausbaut, vielleicht eine Firma, die ihren Güterverkehr von der Straße auf die Schiene bringen will“, so der Chemnitzer.

Es wird einige Zeit dauern, bis er all seine Projekte umgesetzt hat. Der Anfang wird Tino Petrick in Roßwein nicht leicht gemacht. Davon zeugt ein Haufen mit Steinen aus dem Gleisbett, den er im Gebäude aufgeschichtet hat. Denn mit all diesen Steinen wurden Fensterscheiben eingeworfen. Immer wieder machen sich Unbekannte an dem Bahnhof zu schaffen. Es hat schon mehrere Einbrüche gegeben. Der Besitzer trifft ab und an auf Leute, die auf dem Gelände nichts zu suchen haben. Denn auch die Bahngleise sind gesperrt. Manche sind einsichtig, andere nicht. In diesen Fällen musste bereits die Polizei eingreifen.

Das Grundstück, das Petrick gekauft hat, ist rund 3 000 Quadratmeter groß. Von diesem Areal würde er einen Teil wieder verkaufen, falls die Strecke einmal wiederbelebt und Züge am Roßweiner Bahnhof halten würden. Diese Hoffnung hat der junge Mann noch nicht aufgegeben. Die Strecke habe Potenzial. „Dann könnte von der Brücke an der Bahnhofstraße eine Treppe als direkter Zugang zu den Bahnsteigen gebaut werden“, erklärt er. Zurzeit kommt nur ein- bis zweimal pro Woche ein Güter- oder Sonderzug vorbei.

Tino Petrick erfüllt sich mit dem Roßweiner Bahnhof einen Wunsch. „Ich wollte schon immer ein Bahngebäude haben“, sagt er. Und er wäre gern Lokführer geworden. Aber aus gesundheitlichen Gründen erfüllte sich dieser Traum nicht. Jetzt arbeitet er beim Landesjugendamt und ist Mitgesellschafter der Nossen-Riesaer-Eisenbahn-Compagnie (NRE), die auch Bahnhöfe in Nossen, Starbach und Lommatzsch besitzt.

Bereits seit der Kindergartenzeit ist er Eisenbahnfan. Damals wohnte er in Großenhain. „Mein Bruder hat in Berlin eine Spezialschule besucht. Wenn er dorthin gebracht wurde, durfte ich manchmal mit dem Zug mitfahren“, erzählt er. Außerdem habe seine Großmutter direkt an der Bahnstrecke Berlin-Dresden gewohnt. Dort fuhr eine Werkbahn, die Getreide und Kaolin transportiert hat. Auf deren Lok wurde der Jugendliche ebenfalls öfter mitgenommen. Eine Erinnerung an diese Zeit hat er sich bewahrt. Ein Kilometerstein, der nach der Streckensanierung nicht mehr benötigt wurde, findet seinen Platz künftig am oder im Roßweiner Bahnhof.