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Wolfgang Clement - schon immer ein Querkopf

Berlin - Angst vor heißen Eisen hat Wolfgang Clement nie gehabt, Konflikte regelrecht gesucht. Nach dem Motto „viel Feind, viel Ehr“, brachte der Mann aus dem Ruhrpott seine Partei, die SPD, immer wieder gegen sich auf.

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Von Günther Voss

Berlin - Angst vor heißen Eisen hat Wolfgang Clement nie gehabt, Konflikte regelrecht gesucht. Nach dem Motto „viel Feind, viel Ehr“, brachte der Mann aus dem Ruhrpott seine Partei, die SPD, immer wieder gegen sich auf. Genossen rauften sich die Haare, wenn er wieder einmal querschoss, sich für Atomkraft, weniger Kündigungsschutz, mehr Zeitarbeit oder gegen Mindestlöhne positionierte. Die indirekte Aufforderung, die hessische SPD mit ihrer Spitzenkandidatin Andrea Ypsilanti nicht zu wählen, war nur noch der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte.

Clements Stern als Ministerpräsident in Nordrhein-Westfalen war schon am Sinken, als ihn 2002 der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder mit einem Überraschungscoup in Berlin zum Ressortchef für Wirtschaft und Arbeit machte. Als Super-Minister verkörperte er fortan in einer Person das - später gescheiterte - „Bündnis für Arbeit“.

Sein Kampf galt dabei eher - zum Wohlgefallen der Arbeitgeber und zum Missfallen des DGB - der Flexibilisierung und Deregulierung des Arbeitsmarktes statt der Verteidigung sozialer Rechte. Seine Minijob- Regelung las sich wie ein Vorschlag aus dem Rezeptbuch der Union, mit der er im politischen Tagesgeschäft häufig liebäugelte. Clement hat die Hartz-Reformen für den Arbeitsmarkt mit solcher Vehemenz umgesetzt, dass die SPD daran noch heute leidet.

Mit seinem Namen verbunden ist der Nachkriegsrekordstand bei den Arbeitslosenzahlen mit 5,2 Millionen im Februar 2005. Ein Ergebnis der jahrelang schwächelnden Konjunktur. Die Früchte seiner Arbeit, den Aufschwung am Arbeitsmarkt, hat er nicht mehr ernten können: Mit dem Antritt der großen Koalition im Herbst 2005 war Clement - auf Betreiben des damaligen SPD-Partei- und Fraktionschefs Franz Müntefering - als Ressortchef abgemeldet.

Menschen, die mit ihm zusammengearbeitet haben, erinnern sich an einen cholerischen Hitzkopf mit autoritärem Führungsstil. „Er war ein unglaublicher Wüterich und Egomane, der kaum einen Rat angenommen hat“, sagt ein früherer Mitarbeiter. „Und er war ein Schreck jedes Planungsstabs, weil er sofort vor jede Kamera rannte.“ Viele denken noch mit Schrecken zurück, dass der „Workaholic“ fast täglich mit neuen Plänen im Regierungsviertel für Unruhe sorgte. Nichts war ihm heilig, weder die Mitbestimmung noch der Meisterbrief oder der Ladenschluss.

Der drahtige 68-Jährige - heute als Lobbyist für Energie und Zeitarbeit tätig - hat viele Ecken und Kanten: Journalisten stauchte er - früher selbst Journalist - schon mal für „dusselige Fragen“ zusammen. Wutausbrüche vor laufender Kamera waren nicht selten. Im Foto dokumentiert ist, wie Clement den „Stinkefinger“ zeigt. Dabei hat der bekennende VfL-Bochum-Fan und passionierte Jogger und Frühsportler auch ganz andere Seiten: Wenn er auf seine fünf Töchter zu sprechen kommt, nennt er sie liebevoll „meine Clementinen“.

Der Querköpfige hat der SPD mit seinen politischen Gratwanderungen manche Zerreißprobe zugemutet. Umgekehrt hat ihm auch die Partei das Leben schwer gemacht, ohne dass Clement freilich darunter sichtlich gelitten hätte. Jetzt riss seinem Landesverband Nordrhein-Westfalen der Geduldsfaden. Die Genossen beschlossen, nicht nur zu rügen, sondern ihn ganz aus der SPD auszuschließen. Einen ähnlich prominenten Parteiausschluss hat es zuletzt 1917 gegeben: Damals musste Hugo Haase, bis 1916 noch SPD-Vorsitzender, sein Parteibuch zurückgeben. Haase zählte zu den Mitbegründern der USPD, einer linken Abspaltung der Mehrheits-SPD. (dpa)