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Zeitzeugen, meldet euch

Einst befand sich auf der Festung Königstein ein Jugendwerkhof. Doch wer erinnert sich noch daran?

© Norbert Millauer

Von Katharina Klemm

Königstein. Ein streng geregelter Tagesablauf, körperliche Arbeit und eine Erziehung im Sinne des Sozialismus. Das war Programm in den Jugendwerkhöfen der ehemaligen DDR. Auch auf der Festung Königstein gab es eine solche Einrichtung. Von 1949 bis 1955 waren dort straffällig gewordene Jugendliche und solche, die politisch unbequem waren, untergebracht. Oft reichten schon kleine Delikte, um in einem solchen Heim zu landen. Eine Beschwerde der Nachbarn oder der Schule bei der DDR-Jugendhilfe war manchmal schon genug, um in einen Jugendwerkhof eingewiesen zu werden. Die Jugendlichen zwischen 14 und 18 Jahren waren nicht selten der Willkür der Erzieher und Aufseher ausgesetzt.

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In einer geplanten Sonderausstellung soll dieses Kapitel der Festung nun aufgearbeitet werden. Diese soll zwar erst 2019 eröffnen, die verantwortliche Museumspädagogin Maria Pretzschner muss aber frühzeitig mit der Recherche beginnen. „Wir benötigen noch viel Material“, sagt sie. „Und ganz besonders wichtig sind für uns Zeitzeugen.“ Sie bittet daher alle, die sich an die damalige Zeit in Königstein und auf dem Jugendwerkhof erinnern, sich bei ihr zu melden.

Aufgabe der Jugendwerkhöfe in der DDR war es, die Jugendlichen zu „sozialistischen Persönlichkeiten“ zu erziehen. Die Jugendlichen mussten einem streng geregelten Tagesablauf folgen. Wer als Wasserholer eingeteilt war, musste halb vier aufstehen. Die anderen folgten dann um sechs Uhr. Anschließend traten die Jugendlichen zum gemeinsamen Frühsport an. Nach dem Frühstück fand der Morgenappell auf dem Platz vor der Magdalenenburg statt. Dort wurde der Tagesablauf bekannt gegeben. Danach ging es dann in die Schule, zu Arbeitseinsätzen oder in die Werkstatt.

Im neuen Zeughaus war eine Schlosserwerkstatt untergebracht, in der Magdalenenburg die Tischlerei. Dort wurden die Jugendlichen ausgebildet. Sie erhielten einen Ausbildungsvertrag und eine kleine Entlohnung. Diese wurde ihnen auf ein Konto eingezahlt, welches vom Jugendwerkhof verwaltet wurde. Die Jugendlichen mussten davon ihre Unterkunft sowie auch Kleidung bezahlen. Zeitweise gab es auch andere Ausbildungsmöglichkeiten wie zum Beispiel zum Gärtner. Die Schule befand sich in der alten Kaserne. Die Inventarliste der Schulbibliothek weise jedoch sehr wenige schulische Bücher auf, sagt die Museumspädagogin.

Insgesamt konnten etwa 300 Jugendliche auf dem Werkhof untergebracht werden. Zeitweise waren sogar Mädchen einquartiert. Doch das habe zu Problemen geführt, erklärt Maria Pretzschner. Denn einige der Mädchen sollen versucht haben, Beziehungen zu den Erziehern einzugehen.

Bis jetzt kommt das meiste, was Maria Pretzschner über die damalige Zeit weiß, aus Unterlagen. „Wir können uns noch kein allgemeingültiges Bild vom Jugendwerkhof machen“, sagt Maria Pretzschner. „Wir sind auf die Berichte aus der Bevölkerung, der Angestellten und auf die der damaligen Jugendlichen angewiesen.“ Bis jetzt hat sie hauptsächlich administrative Unterlagen auf ihrem Schreibtisch liegen, wie Inventarlisten, die offiziellen Regelwerke, Ausgehkarten.

Doch auch ein paar Zeitzeugenberichte befinden sich darunter. Eine sehr ausführliche Schilderung eines einstigen Insassen beschreibt das Leben im Jugendwerkhof. Auch ein paar Berichte von Erziehern hat Maria Pretzschner bereits. Bis jetzt einfach zu wenig. Wichtig ist ihr eine umfassende Betrachtung. „Wir wollen weder verharmlosen noch anprangern, sondern alles kritisch betrachten“, sagt sie. Dafür müssen sich allerdings noch mehr Zeitzeugen äußern. Aber auch Fotos, Dokumente oder originale Objekte, wie Möbel, die in der Tischlerei für umliegende Unternehmen produziert wurden, können helfen, die damalige Zeit besser zu verstehen.

Kontakt: Maria Pretzschner, Tel: 035021 64516, [email protected]