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Zinstief und Börsenhoch - wie passt das zusammen?

Am Freitag überraschte der deutsche Börsenindex Dax mit dem höchsten Schlussstand in der Geschichte, obwohl ein richtiger Konjunkturaufschwung noch in weiter Ferner scheint. Die Zinsen sind auf historischen Tiefständen. Wie passt das zusammen?

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© dpa

Von Alexander Missal

Berlin. Seit Ausbruch der Finanzkrise 2008 ist an den internationalen Märkten nichts mehr, wie es einmal war. Am Freitag überraschte der deutsche Börsenindex Dax mit dem höchsten Schlussstand in der Geschichte, obwohl ein richtiger Konjunkturaufschwung noch in weiter Ferner scheint. Die Zinsen sind auf historischen Tiefständen. Wie passt das zusammen?

Wie kommt es, dass der Dax auf ein Rekordhoch geklettert ist?

Hauptverantwortlicher ist der Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB), Mario Draghi. Sein Versprechen im vergangenen Sommer, dass die Notenbank alles tun werde, um den Euro retten, sorgte für Entspannung in der Eurokrise und einen Aufwärtstrend an den Börsen. Das i-Tüpfelchen setzte die EZB am Donnerstag, als sie den ohnehin schon historisch tiefen Leitzins für die Eurozone weiter senkte.

Warum beflügeln niedrige Zinsen die Aktienmärkte?

Derzeit tun die großen Notenbanken weltweit alles, um die Wirtschaft wieder anzukurbeln. Niedrige Leitzinsen sollen Unternehmen motivieren, mehr zu riskieren, günstig neue Kredite aufzunehmen und zu investieren. Das wird als positiv für die Gewinnerwartungen und damit die Börsenkurse gesehen. Außerdem werden dadurch normalerweise Investitionen in Anleihen, die andere große Anlageform, unattraktiver.

Aber Staatsanleihen aus Deutschland oder den USA sind doch derzeit trotz der niedrigen Zinsen sehr gefragt?

Das ist der große Widerspruch auf den Finanzmärkten. Die Staatsanleihen von Ländern, die als „sichere Häfen“ gelten, sind nach wie vor bei Investoren beliebt. Und das, obwohl die Rendite - also die Kombination aus Zinskupon und aktuellem Kurs - der zehnjährigen deutschen Bundesanleihe in den vergangenen Jahren immer tiefer sank und derzeit bei nur 1,24 Prozent liegt. Aber auch die Papiere aus Krisenländern wie Spanien und Italien finden neuerdings wieder mehr Abnehmer.

Wie ist das zu erklären?

Darauf gibt keine einfache Antwort. Auch zu diesem Trend leisten die Notenbanken ihren Beitrag: In den USA und Japan kaufen sie jeden Monat selbst für Milliardensummen Staatsanleihen, im Euroraum hat die EZB zugesagt, im Notfall und unter bestimmten Bedingungen die Papiere von Krisenländern ohne Begrenzung zu erwerben. Hinzu kommt etwa im Fall von deutschen Staatspapieren womöglich auch eine nach wie vor vorhandene Unsicherheit auf den Märkten, dass die Finanz- und Schuldenkrise doch noch nicht ausgestanden ist - und Bundesanleihen daher trotz Mini-Zinsen den besten Kapitalschutz bieten.

Was soll der Privatanleger tun?

Es ist derzeit so, dass Spar- oder Tagesgeldkonten, aber auch deutsche Staatspapiere wegen des niedrigen Zinsniveaus nur wenig abwerfen. Wenn die Inflation höher als der Zins liegt - historisch gesehen ein ungewöhnliches Phänomen - verliert der Sparer unterm Strich sogar Geld. Aktien sind daher eine attraktive Alternative, denn sie bieten neben der Chance auf Kursgewinne auch die Möglichkeit, mit Dividenden laufende Erträge zu erzielen.

Sind Aktien also eine sinnvolle Investition?

Das lässt sich pauschal nicht so sagen. Die Kurse von einzelnen Unternehmen, aber auch von Indizes wie dem Dax können stark schwanken, hohe Verluste sind möglich. Wenn die Börsen bereits auf einem so hohen Niveau wie jetzt stehen, sollte man sich als Privatanleger gründlich überlegen, ob ein Einstieg noch sinnvoll ist. Außerdem birgt der große Einfluss der Notenbanken auf die Aktienmärkte auch Gefahren.

Welche Gefahren sind das?

Wenn sich die Konjunktur zum Beispiel in den USA oder der Eurozone doch einmal wie gewünscht erholt, werden die Notenbanken ihre „Politik des billigen Geldes“ beenden und auch die Leitzinsen wieder anheben. Der genaue Ablauf dieses Prozesses ist ein Drahtseilakt, selten waren die Zentralbanken weltweit mit einer so kniffligen Aufgabe konfrontiert. Schon kleine Andeutungen eines Richtungswechsels etwa aus Kreisen der US-Notenbank Fed können dann für Erschütterungen an den Aktien- oder auch an den Anleihemärkten sorgen. Denn derzeit sind diese Märkte abhängig von den Entscheidungen der Notenbanken und weniger von fundamentalen Wirtschaftsdaten - das billige Geld wirkt wie eine Droge. (dpa)