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Impfpflicht: 250 Pflegekräfte würden ihren Beruf aufgeben

In einem offenen Brief sprechen sich Mitarbeiter aus Gesundheitswesen und Pflege in Löbau-Zittau gegen die Corona-Impfpflicht aus. Sie treibt große Sorge um.

Von Jana Ulbrich
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Über 250 Mitarbeiter aus dem Klinikum Oberlausitzer Bergland, aus Arztpraxen, Pflegeeinrichtungen und dem Rettungsdienst im Raum Löbau-Zittau haben sich bisher einem offenen Brief gegen die Impfpflicht in ihren Berufen angeschlossen.
Über 250 Mitarbeiter aus dem Klinikum Oberlausitzer Bergland, aus Arztpraxen, Pflegeeinrichtungen und dem Rettungsdienst im Raum Löbau-Zittau haben sich bisher einem offenen Brief gegen die Impfpflicht in ihren Berufen angeschlossen. © Christoph Soeder/dpa

Die Initiative kommt von fünf Krankenschwestern aus dem Klinikum Oberlausitzer Bergland, fachlich hervorragend ausgebildet, immer mit vollem Einsatz für die schwer kranken Patienten auf ihren Stationen. "Es ist mein Traumberuf, die Vorstellung, dass ich ab 16. März keine Krankenschwester mehr sein darf, ist grauenhaft", sagt eine der Initiatorinnen. Aber genau das wird die Konsequenz sein: Ab dem 16. März greift das neue Gesetz zur Impfpflicht für alle Mitarbeiter in Pflege- und Gesundheitsberufen. Doch die Schwestern sind nicht geimpft - und wollen sich auch nicht zum Impfen zwingen lassen.

Aber sie wollen aufmerksam machen auf diese, ihre Not. Und eben nicht nur ihre Not! Gemeinsam haben sie einen offenen Brief verfasst und zuerst über den Messengerdienst Telegram verbreitet, weil der auch Anonymität zulässt. Über 250 Betroffene - aus dem Klinikum Oberlausitzer Bergland, vom DRK-Rettungsdienst, aus Arztpraxen und Pflegeheimen und von Pflegediensten aus der Region Löbau-Zittau - haben sich dem offenen Brief bisher angeschlossen. Statt mit einer Unterschrift weisen sie sich mit Urkunden und Zeugnissen ihrer Berufsabschlüsse aus.

Der Brief im Wortlaut.
Der Brief im Wortlaut. © SZ-Montage

Sie alle sehen für sich nur diese einzige Konsequenz: "Wenn es kein Einlenken der Verantwortlichen gibt, werden wir schweren Herzens unserem Beruf den Rücken kehren", so kündigen die Unterzeichner an. "Wir arbeiten gern in unseren Berufen und wollen das auch weiterhin gern tun", sagt die Initiatorin. "Für die Menschen, die unsere Hilfe, unsere Fürsorge, unsere Fachkenntnisse und unsere Professionalität brauchen". Die Versorgung dieser Menschen aber sei ab dem 16. März gefährdet.

Die Krankenschwester, Anfang 40, weiß aus ihrem täglichen Berufsalltag nur zu gut, was das Coronavirus anrichten kann. "Wir sind keine Corona-Leugner oder Verschwörungstheoretiker", sagt sie. "Wir sind gut ausgebildetes medizinisches Personal." Und schon deshalb seien sich die Unterzeichner sehr wohl bewusst, welche Konsequenzen es für sie selbst haben kann, wenn sie sich nicht impfen lassen. "Aber das ist unsere eigene Verantwortung. Und jeder muss das auch für sich selbst entscheiden dürfen", sagt die Klinikum-Mitarbeiterin.

"In den letzten zwei Jahren haben wir alle hautnah erlebt, was die Auswirkungen von Covid 19 bedeuten und erleben es noch immer", heißt es in dem Brief. "Vor einem Jahr, als noch keine Impfstoffe zugelassen waren, haben wir uns um die Erkrankten gekümmert, obwohl die Mehrbelastung uns alle an unsere Grenzen brachte. Gemeinsam haben wir es durchgestanden und sind stolz darauf!" Viele Menschen hätten damals geklatscht. Heute aber sehe das anders aus.

Jetzt würden die Mitarbeiter gezwungen, sich impfen zu lassen, was einige von ihnen aber aus verschiedenen Gründen nicht wollen. "Es wird uns mit Berufsverbot gedroht, wir werden ausgegrenzt und als unsolidarisch bezeichnet", schreiben die Initiatoren.

Zwei von vielen Urkunden, auf denen sich Mitarbeiter des Gesundheitswesens sichtbar gegen die Impfpflicht stellen.
Zwei von vielen Urkunden, auf denen sich Mitarbeiter des Gesundheitswesens sichtbar gegen die Impfpflicht stellen. © SZ-Repro

Eine Gefahr für Patienten oder Pflegeheimbewohner sehen die Unterzeichner nicht: "Wir sind jeden Tag getestet, tragen Schutzkleidung, viele von uns haben Antikörper. Wir wissen, wie wir uns zu verhalten haben", erklärt die Krankenschwester. Ihre große Hoffnung sei es deswegen immer noch, dass sich an dieser Gesetzesregelung und den Durchführungsbestimmungen bis zum Stichtag noch etwas ändert. Andernfalls müssten die Arbeitgeber am 16. März alle Mitarbeiter ohne Impfschutz an das Gesundheitsamt des Landkreises melden. Das Gesundheitsamt müsste ihnen Betretungsverbote zu ihrem Arbeitsplatz erteilen - was einem Berufsverbot gleichkäme. Die Arbeitgeber müssen in dem Fall auch keine Löhne mehr zahlen.

Ob der Landkreis in dieser Härte reagieren wird oder möglicherweise doch noch einen Spielraum hat, steht noch nicht fest. Im Gesundheitsamt wartet man dazu noch auf eine Stellungnahme des Freistaates Sachsen. "Es liegt uns bisher noch keine Handlungsempfehlung vor", so sagte es eine Sprecherin am Dienstag. Aus dem sächsischen Sozialministerium hieß es am Dienstag, dass "dazu im Moment Abstimmungsprozesse laufen."

Sowohl der Görlitzer Landrat Bernd Lange (CDU) als auch der Oderwitzer CDU-Landtagsabgeordnete Stephan Meyer hatten das per Gesetz geplante rigorose Vorgehen kritisiert. Beide äußern die Befürchtung, dass es im Fall von Kündigungen ab März zu massiven Problemen bei der Versorgung von kranken und pflegebedürftigen Menschen kommt. "Man kann natürlich fragen: Warum dieser Bereich und nicht andere", so sagte es Bernd Lange. Manche Bedenken der Betroffenen könne er zumindest nachvollziehen. Aus Stephan Meyers Sicht braucht es Regelungen für Ausnahmen, wenn eine Überlastungssituation durch den Wegfall von Beschäftigten droht.