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Die Hochburg der Drogenhändler

Bis aus Dresden kommen Kunden nach Zittau oder Löbau, um sich hier mit Rauschgift zu versorgen. Die Grenznähe macht das Geschäft für die Dealer lukrativ.

Polizeieinsatz auf der Zittauer Lindenstraße: Nach Hinweisen und Durchsuchungen hat es Anfang Oktober mehrere Festnahmen in der Drogenhändlerszene gegeben.
Polizeieinsatz auf der Zittauer Lindenstraße: Nach Hinweisen und Durchsuchungen hat es Anfang Oktober mehrere Festnahmen in der Drogenhändlerszene gegeben. © xcitepress

Roger B. sitzt erst einmal in Untersuchungshaft. Anfang Oktober haben Polizeibeamte  den 34-Jährigen festgenommen. Der Tatverdacht dürfte  für eine mehrjährige Haftstrafe reichen. Der junge Mann aus Zittau ist den Ermittlern kein Unbekannter: B. ist bereits mehrfach vorbestraft. Aber er scheint wieder gut im Geschäft zu sein.

Ist den Drogenfahndern der Görlitzer Polizeidirektion mit B. der vielleicht größte Drogenhändler der Oberlausitz ins Netz gegangen? Christopher Gerhardi lehnt sich in seinem Schreibtischsessel zurück und runzelt die Stirn: "Das wissen wir nicht", sagt der Staatsanwalt aus Bautzen dann ganz nüchtern. "B. mag einer der Größeren im Geflecht des Drogenhandels sein, aber auch das Geflecht ist groß - und wir kennen nur einen Teil."

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Mit der Drogenszene sei das wie bei einer Hydra, diesem vielköpfigen Ungeheuer aus der griechischen Sage, zieht Christopher Gerhardi einen bildhaften Vergleich. "Wenn man einen Kopf abschlägt, wachsen zwei neue". Die Versorgungslücke nach so einer Festnahme sei stets sehr schnell wieder geschlossen.

"Hier in der Oberlausitz schließen sich die Lücken leider besonders schnell", weiß der Staatsanwalt. Nirgendwo in Sachsen scheint die Drogenhändlerszene größer zu sein als im Raum Löbau-Zittau an der Grenze zu Tschechien und Polen. Kunden kämen bis aus Dresden, um sich hier mit dem Stoff zu versorgen, sagt Gerhardi.

Der Bautzener Staatsanwalt Christopher Gerhardi ermittelt in der Drogenszene der Oberlausitz.
Der Bautzener Staatsanwalt Christopher Gerhardi ermittelt in der Drogenszene der Oberlausitz. © Steffen Unger

Beamte der Polizeidirektion Görlitz haben im letzten Jahr im Kreis Görlitz mehr als 800 Drogendelikte festgestellt. Und diese Zahl macht vermutlich nur einen Bruchteil des tatsächlichen Ausmaßes der Rauschgiftkriminalität in der Region aus. "Das Dunkelfeld ist hier riesig", sagt der Staatsanwalt.

Mit dem Fall B. hoffen die Ermittler jetzt allerdings, etwas mehr Licht in das Dunkel zu bringen. Zwar sei die Szene sehr verschwiegen, gebe kaum einer der Beschuldigten Namen und Wissen preis, und auch B. mache in seinen Vernehmungen keine Angaben, doch werde das Netz mit jeder Festnahme rissiger. "Wenn man einmal ein Knäuel in die Finger kriegt, kommt man den Enden der Fäden immer näher", umschreibt Gerhardi es wieder bildlich.  

Im Fall B. hatten die Beamten bei der Hausdurchsuchung große Mengen Extasy und Marihuana gefunden. "Da versteht der Gesetzgeber keinen Spaß", sagt der Staatsanwalt. Den Ermittlern eröffnet das nun auch die Möglichkeit, weiter an den Enden der Fäden zu ziehen. Es sind vor allem die Handykontakte, die Telefonüberwachung oder die Observation von Verdächtigen, die auf die Spuren weiterer Täter führen können. Es sind Whatsapp-Nachrichten wie "Kannst du drei Bier mitbringen", die den Ermittlern Hinweise liefern - zu Kunden, Zwischenhändlern, Geschäftspartnern.

So sind die Ermittler auch auf B. und seine Freundin gekommen. "Wir hatten das Pärchen schon länger in Verdacht", sagt Gerhardi. "Es kann sein, dass wir das Verfahren jetzt noch deutlich ausweiten können." Und möglicherweise lassen sich nun auch Verbindungen zu anderen Beschuldigten herstellen.

Welche Rolle B. selbst in dem Geflecht spielt, dazu will Gerhardi im Moment nichts sagen. Nur allgemein soviel, dass der Drogenhandel in der Oberlausitz größtenteils in einer Hierarchie funktioniert. Es gibt Kuriere, die die Drogen - größtenteils Extasy, Marihuana und Haschisch - aus Tschechien oder Polen holen, Depot-Halter, die den Stoff aufbewahren und Händler auf mehreren Ebenen.

17-Jähriger agierte als "Großhändler"

Aber es geht offenbar auch ganz im Alleingang und ohne große Vernetzung in der Szene, wie der Fall eines 17-Jährigen aus dem Oberland zeigt. "Der hat selbst unsere erfahrensten Ermittler überrascht", schildert Gerhardi.

Zwei Jugendliche, die von einer Polizeistreife mit 67 Gramm Marihuana in den Taschen erwischt worden waren, hatten in ihrer Vernehmung erzählt, von wem sie den Stoff gekauft hatten. Bei der anschließenden Hausdurchsuchung - der 17-Jährige wohnt noch bei seinen Eltern - fanden die Beamten im Kinderzimmer eine scharfe Waffe und 2,3 Kilogramm bestes Marihuana mit einem hohen Wirkstoffgehalt. 

Bei den derzeit üblichen Preisen von 7,50 Euro pro Gramm ist das ein Marktwert von 17.250 Euro. Der Jugendliche hatte sich das Rauschgift in Tschechien besorgt. "Da fragt man sich schon, warum das niemandem aufgefallen ist", sagt Gerhardi. Vor Kurzem ist der 17-Jährige nach Jugendstrafrecht zu einer Bewährungsstrafe verurteilt worden.

Vietnamesische Clans in mafiösen Strukturen

Mit Bewährung wird der 34-jährige mutmaßliche Drogenhändler aus Zittau nicht davonkommen. Dazu sind die Beweise, die die Ermittler bis jetzt zusammengetragen haben, zu erdrückend. "Wir gehen im Moment von einer Freiheitsstrafe nicht unter fünf Jahren aus", sagt der Staatsanwalt.

Der Hydra aber werden neue Köpfe wachsen, weiß Christopher Gerhardi - jedenfalls solange es die Hersteller in Tschechien gibt. An die vietnamesischen Clans, die in mafiösen Strukturen arbeiten, kommen die deutschen Ermittler so gut wie nicht heran. Es gebe zwar öfter auch Razzien in Tschechien, doch die großen Mengen würden die Kollegen dort meistens nicht finden. Die verschwinden im Dunkelfeld.

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