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Eine Villa mit bewegender Geschichte

Die Villa Schillerstraße 7 in Zittau war Gärtnerhaus, Fabrikantenvilla und Medischule. Wie es dazu kam.

Von Heike Schwalbe
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Die Villa an der Schillerstraße in Zittau, die früher einmal Freudengasse hieß.
Die Villa an der Schillerstraße in Zittau, die früher einmal Freudengasse hieß. © Heike Schwalbe

Was für eine schöne Adresse: Zittau, Freudengasse. Allerdings gibt es sie heute nicht mehr, denn Haus und Straße tragen inzwischen andere Namen. Doch das Gebäude, von dem hier die Rede sein soll, ist dennoch sehr bekannt.

Es befand sich einst nördlich von Zittau auf einem weitläufigen Grundstück mit der Nummer 771. Hier betrieb Karl Herrmann Fröhlich eine Gärtnerei. Obwohl die Straße dorthin wohl nicht mehr als ein besserer Feldweg war, nannte man sie damals Freudengasse. Fröhlich ließ sich hier 1868 ein Haus errichten, einfach und einem Gärtner angemessen. Schon zwei Jahre später erhielt die Freudengasse den Namen, den sie heute noch trägt: Schillerstraße. Die Grundstücke wurden neu durchnummeriert, auch das von Karl Herrmann Fröhlich. Nach dessen Tod wurde 1901 der Grottauer Fabrikant Johannes Röbel als neuer Besitzer der nun mit „Schillerstraße, Nummero 7“ benannten Gemarkung ins Grundbuch eingetragen.

Röbel wollte das einfache Haus durch eine repräsentative Villa ersetzen. Seinem Bauantrag gab der Zittauer Stadtrat mit Auflagen statt. Das alte Gärtnerhaus wurde abgebrochen und an seiner Stelle das nach damaligen Gesichtspunkten modern konzipierte Einfamilienhaus errichtet. Aber schon im November 1903 wird Wilhelm Heinrich Otto Moras als neuer Eigentümer beurkundet. Das Warum bleibt im Dunkel der Geschichte. Der 1871 in Zittau geborene Fabrikbesitzer hatte 1899 seine erste Firma gegründet, die später zu den größten deutschen Textilunternehmen gehörte. Moras baute die Villa zu einem Zweifamilienhaus um.

Die große Wirtschaftskrise Ende der zwanziger, Anfang der dreißiger Jahre konnte der sozial denkende und handelnde Zittauer Industrielle erfolgreich überwinden, indem er seine Textilfabrik in die „Gebrüder Moras Aktiengesellschaft“ umwandelte. Dadurch rettete er seine Textilfabrik. 1934 schlug sich das auch in seinem Hause nieder, denn Moras ließ anbauen und modernisieren, die Villa erhielt ihr heutiges Aussehen. Im Zeiten Weltkrieg verlor Otto Moras beide Söhne. Er starb im Februar 1945 an Herzmuskelschwäche.

Nachdem die übrige Familie nach Kriegsende in den Westen gegangen war, übernahm das Zittauer Krankenhaus die Moras-Villa. Ab 1960 wurden auf allen Etagen Krankengymnastik und Physiotherapiebehandlungen angeboten. Hinzu kam ab Anfang der siebziger Jahre die ambulante geburtshilfliche und gynäkologische Betreuung. Dazu zählte man nicht nur die Schwangeren- und Mütterberatung, sondern auch Geburtsvorbereitungskurse und Übungsgruppen für die Gymnastik danach. Als 1974 der Schornstein des Hauses erneuert werden musste, geschah das bei vollem Betrieb der Einrichtung.

Dann kam das Jahr 1989. Die ehemalige Moras-Villa verlor zum Glück nicht Funktion und Nutzer und entging dem Schicksal eines unkontrollierten Dauerleerstandes. Nur zwei Jahre später zog mit der „Medizinischen Bildungsakademie“ eine staatlich anerkannte Fachschule für Physiotherapie ein. Noch einmal zwei Jahre später wurde der ganze Komplex umfassend modernisiert und erweitert. Jetzt gab es für die Ausbildung drei Klassenzimmer und mehrere schuleigene Behandlungsräume. Als nach 28 Jahren Lehrtätigkeit der „Internationale Bund“ (IB) als Träger dieser Einrichtung 2019 aufhörte, blieb das Glück dem Haus treu. Noch im selben Jahr zogen die „Medischulen Ost“ ein. Wie schon der Vorgänger bietet eine gemeinnützige Unternehmergesellschaft dreijährige Ausbildungsplätze in einer Schule für Physiotherapie.

Dank gilt den „Medischulen Ost“ für die Unterstützung.