merken
PLUS Zittau

Harte Stunden auf der Covid-Station

Schwester Marion erlebt hautnah, was das Corona-Virus anrichtet. Im Zittauer Krankenhaus kämpft sie jeden Tag um Menschenleben - oft bis zur Erschöpfung.

Marion Mittenzwei ist die leitende Stationsschwester auf Station 4 im Zittauer Krankenhaus. Seit Oktober werden hier ausschließlich Corona-Patienten behandelt und gepflegt.
Marion Mittenzwei ist die leitende Stationsschwester auf Station 4 im Zittauer Krankenhaus. Seit Oktober werden hier ausschließlich Corona-Patienten behandelt und gepflegt. © Matthias Weber/photoweber.de

Allein an diesem Morgen haben sie drei Patienten an die Sauerstoffversorgung anschließen müssen. Normalerweise, erzählt Marion Mittenzwei, kommt das auf der internistischen Station, auf der sie seit 15 Jahren arbeitet, höchstens ein- oder zweimal im Monat vor. Inzwischen aber ist nichts mehr normal hier auf Station 4 im Zittauer Krankenhaus. Jetzt liegen hier die Corona-Patienten. Und fast alle brauchen sie Sauerstoff.

Schwester Marion hat ihre erste Runde unter Vollschutz hinter sich. Zwei Stunden, viel länger ist das nicht auszuhalten. Vorsichtig setzt die 38-Jährige das Visier ab und zieht die Schutzkleidung aus: Haube, Kittel, Überzieher, Handschuhe. Es sind zwei paar Einweg-Handschuhe übereinander, der erste unter, der zweite über dem Ärmel des Kittels. Kein Millimeter Haut darf rausgucken.

Einkaufen und Schenken
Nur einen Klick entfernt
Nur einen Klick entfernt

Hier erhalten Sie nützliche Tipps und die aktuellsten Neuigkeiten rund ums Thema Einkaufen und Geschenke aus Ihrer Region.

Die Hände unter den Handschuhen sind feucht. Die beschichtete Schutzkleidung lässt nichts durch. Schwester Marion ist am ganzen Körper schweißgebadet. Sie setzt sich in den Pausenraum. Ein paar Minuten verschnaufen. "Zwei Stunden unter Vollschutz fühlen sich an wie ein ganzer Arbeitstag", sagt sie, als ob sie sich für die kurze Pause entschuldigen müsste.

Es ist eine körperliche und seelische Schwerstarbeit, die die Stationsschwester und ihr Team hier auf der 4 gerade leisten. "Wir haben auf der internistischen Station ja schon immer viele ältere und schwerkranke Patienten", erzählt Marion Mittenzwei, "aber jetzt sind es schwerstkranke. Sie haben starke Luftnot und zum Teil sehr hohes Fieber. Selbst die jüngeren Patienten kommen kaum aus dem Bett, können sich nicht alleine waschen oder zur Toilette gehen."

Viele können sich überhaupt nicht bewegen. Die Schwestern helfen ihnen, sich aufzurichten oder im Bett zu drehen. "Das schaffen wir oft nur zu zweit", sagt Schwester Marion. Deswegen gehen sie auch zu zweit in die Patientenzimmer. "Die Patienten brauchen ständige Betreuung und Überwachung - Fiebermessen, Frischmachen, Essen reichen, Blutwerte nehmen, Medikamente geben, umlagern - nahezu rund um die Uhr."

Körperliche Schwerstarbeit

Wenn die Pflegekräfte einmal in ihrer Schutzkleidung im Isolierzimmer sind, können sie nicht mehr hinaus, ohne sich wieder umzuziehen. "Wir müssen uns deshalb immer ganz genau überlegen, was wir in den nächsten zwei Stunden alles brauchen, welches Material, welche Medikamente", erklärt Schwester Marion. Aus dem Patientenzimmer mal schnell auf Toilette? Geht nicht.

In der Schutzkleidung ist das Arbeiten zudem noch um einiges schwieriger, sagt die Stationsschwester. "Mit den zwei paar Handschuhen und dem Visier, durch das man schlechter sieht, wird da sogar Blut abnehmen und Kanülen legen zu einer Herausforderung. Für manche Arbeiten, die normalerweise zehn Minuten dauern, brauchen wir jetzt eine Dreiviertelstunde."

Vorhin haben sie einen über 80 Kilo schweren Patienten, der am High-Flow-Sauerstoffgerät hängt, vom Rücken auf den Bauch gedreht, weil das seine Lungen entlastet. "Das war richtig Schwerstarbeit", sagt Schwester Marion. Bei einer älteren Patientin war es dann kaum möglich, den Sauerstoffschlauch in die Nase zu bekommen. "Sie hat überhaupt nicht verstanden, was mit ihr passiert", erzählt die Stationsschwester. "Wenn mit Druck Luft durch die Nase gepustet wird, ist das ja auch sehr unangenehm. Und dann sind da nur vermummte Leute um sie herum, die sie nicht erkennt."

Doppelt so hoher Personalbedarf

21 Corona-Patienten liegen an diesem Tag auf Station 4, zwölf Verdachtsfälle sind es auf der zweiten Zittauer Covid-Station, 25 aktive und neun Verdachtsfälle auf den beiden Covid-Stationen in Ebersbach, auf den beiden Intensivstationen des Klinikums werden an diesem Tag 13 Corona-Patienten und sieben Intensivpatienten mit anderen Krankheiten behandelt.

Station 4 hat jetzt doppelt so viele Mitarbeiter als normalerweise nötig wären: Acht bis neun arbeiten in der Frühschicht, fünf bis sechs in der Spätschicht, drei in der Nacht. Damit das geht, sind andere Stationen geschlossen und die Mitarbeiter versetzt worden. Und es helfen Soldaten vom medizinischen Dienst der Bundeswehr. Drei sind es auf der Station 4. "Sie sind für uns eine Riesenhilfe, gerade auch in der Nacht- und Spätschicht", sagt Schwester Marion.

"Für das Klinikum ist das alles ein Kraftakt", sagt Andrea Zelyk, die Pflegedirektorin, die gekommen ist, um mit der Stationsschwester die aktuelle Personalsituation zu besprechen. "Es ist unglaublich, wie bisher alle mitgezogen haben", sagt die Pflegedirektorin. "Ohne den großartigen Einsatz der Mitarbeiter wäre das hier nicht zu stemmen gewesen. Da sind wir allen sehr dankbar." Auch Andrea Zelyk weiß, was das hier für eine große Anstrengung ist. Viele Kollegen waren und sind noch selbst erkrankt oder in Quarantäne. "Im Dezember hatten wir Tage, an denen der Dienstplan eine Haltbarkeit von einer halben Stunde hatte", erzählt sie.

Jetzt im Januar werde es langsam ruhiger. Aber nicht, weil die Zahl an Patienten zurückgeht - sie ist nach wie vor noch genauso hoch wie im November und Dezember, sondern weil sich die Handgriffe und Abläufe einspielen, die für alle neu und ungewohnt waren. "Wir hatten bisher zwar mal eine größere Grippewelle oder einen Norovirus", sagt Schwester Marion, aber noch nie diese Menge an so schwer kranken, infektiösen Patienten, die nicht mal alleine die Kaffeetasse halten können."

Große seelische Belastung

Marion Mittenzwei wird nachdenklich. "Ich habe auch noch nie so viel davon mit nach Hause genommen", sagt sie leise. Die Arbeit ist für sie und ihre Mitarbeiter auch eine große seelische Belastung. "Es sind noch nie so viele Patienten bei uns gestorben", sagt sie. "Wenn jemand im Sterben liegt, dann halten wir normalerweise die Hand, streichen übers Gesicht, geben dem Menschen das Gefühl, nicht allein zu sein. Wir tun das auch jetzt. Aber jetzt steht da jemand im Vollschutz und mit Gummihandschuhen am Bett. Das ist bedrückend."

Aber wenigstens können sie da sein. Meistens jedenfalls. Doch manchmal eben auch nicht. Als sie heute früh zum Dienst kam, war ein Mann gestorben, um den sie sich tagelang gekümmert hatte und den alle schon auf dem Weg der Besserung glaubten. "Das war ein richtiger Schock für mich", sagt Schwester Marion. "Dabei denkt man doch, das gehört zur Arbeit, das muss man doch gewöhnt sein."

Aber diese Situation mit diesen vielen so schwer kranken Menschen, die ist nicht gewöhnlich. Und noch ist auch keine Entspannung abzusehen. Vielleicht im März? Schwester Marion holt tief Luft. "Das können wir nur hoffen", sagt sie. "Aber wenigstens haben wir die Lage jetzt ganz gut im Griff."

Sie ist aufgestanden, streckt sich kurz und schließt das Fenster. Kurze Pause beendet. Gleich wird sie sich wieder die Schutzkleidung anziehen für die zweite Runde an diesem Tag. Vier- bis fünfmal machen das die Pflegekräfte in einer Schicht. Schwester Marion wird zu einem Patienten gehen, der im Sterben liegt. Sie wird ihm die Hand halten. Sie hofft, dass er spürt, dass jemand da ist - auch durch Maske, Visier und die zwei paar Handschuhe.

Mehr Nachrichten aus Löbau und Umland lesen Sie hier.

Mehr Nachrichten aus Zittau und Umland lesen Sie hier.

Weiterführende Artikel

Corona-Dienst im Krankenhaus

Corona-Dienst im Krankenhaus

Oberfeldwebel Robert Staatz war als Sanitätssoldat schon in Mali und in Afghanistan. Nirgendwo aber war der 35-Jährige dem Tod näher als in Zittau.

Mehr Sauerstoff für Corona-Patienten

Mehr Sauerstoff für Corona-Patienten

Die Situation auf den Covid-Stationen im Klinikum Oberlausitzer Bergland ist immer noch dramatisch. Jetzt kommt eine großartige Hilfe von den Rotariern.

Sie wollen schon früh wissen, was gerade zwischen Oppach und Ostritz, Zittauer Gebirge und A4 passiert? Dann abonnieren Sie unseren Newsletter "Löbau-Zittau kompakt".

Wer uns auf Social Media folgen will:

Mehr zum Thema Zittau