merken
PLUS Zittau

Wie die Stasi für eine Partnerschaft sorgte

30 Jahre Wiedervereinigung: 1990 ist die junge Eckartsberger Bürgermeisterin in den Westen gefahren, um eine Freundschaft zu gründen - die bis heute hält.

Ein Prost auf die Einheit. Die Bürgermeisterin von Eckartsberg, Birgit Pfennig, stößt 1990 zum Tag der Einheit mit dem damaligen Dischinger Bürgermeister Bernd Hitzler an.
Ein Prost auf die Einheit. Die Bürgermeisterin von Eckartsberg, Birgit Pfennig, stößt 1990 zum Tag der Einheit mit dem damaligen Dischinger Bürgermeister Bernd Hitzler an. © privat

30 Jahre ist es jetzt her, als sich Birgit Pfennig, ohne eine D-Mark in der Tasche, gen Westen aufmachte. Mit noch nicht mal 30 Jahren war die Agrar-Ingenieurin damals eine der jüngsten Bürgermeisterinnen im Landkreis und hatte dennoch schon für die damalige Zeit eine wichtige Mission.

Noch ein paar Monate zuvor wäre es undenkbar gewesen, dass sie mit einem "Staatsfeind" im Auto von Eckartsberg nach Baden-Württemberg fährt. Am Steuer saß Werner Röllig. Ihr ehemalige Nachbar. Beide hatten zu DDR-Zeiten eine Mietswohnung in Radgendorf.

Anzeige
Eine Automatikuhr für Sammler und Kenner
Eine Automatikuhr für Sammler und Kenner

Die sportlich elegante 29er Casual aus dem Hause Mühle-Glashütte gibt es ab sofort in der auf 300 Stück limitierten Sonderedition „30 Jahre Deutsche Einheit“.

"In den 1980er Jahren standen plötzlich Männer mit langen Mänteln bei uns auf dem Hof", erinnert sie sich. Die Stasi nahm Werner Röllig mit. Erst Monate später erfuhr seine Frau Erika, dass er in Dresden im Gefängnis sitzt. 1985 wurde er dann von der Bundesrepublik freigekauft. Im Juni 1985 durften auch seine Frau und ihr Kind in die BRD ausreisen. "Innerhalb eines Tages mussten sie die Wohnung auflösen, den Inhalt ihres Koffers angeben und am Dresdner Bahnhof stehen. Das war schlimm", erzählt Birgit Pfennig. Weil man das von anderen mitbekam, saßen sie deshalb quasi wochenlang auf gepacktem Koffer.

Wie versprochen: Als die Dischinger Hauptamtsleiterin Martha Kragler ihren Mann Stefan 2014 heiratet, stellt ihre Mittelherwigsdorfer Amtskollegin das Hochzeitsauto - einen 500er Trabi.
Wie versprochen: Als die Dischinger Hauptamtsleiterin Martha Kragler ihren Mann Stefan 2014 heiratet, stellt ihre Mittelherwigsdorfer Amtskollegin das Hochzeitsauto - einen 500er Trabi. © privat
Ein Trabi passt auch im Westen überall rein - erst recht bei einer Hochzeit.
Ein Trabi passt auch im Westen überall rein - erst recht bei einer Hochzeit. © privat
Die Fahne von Mittelherwigsdorf weht ab dem 5. Oktober auch in Dischingen. Vier alte und neue Bürgermeister bekräftigen das im Bild hinten, die beiden Begründer der Partnerschaft -  Bürgermeister a.D. Bernd Hitzler und Birgit Pfennig sowie vorn die aktuellen Bürgermeister Markus Hallmann und Alfons Jakl.
Die Fahne von Mittelherwigsdorf weht ab dem 5. Oktober auch in Dischingen. Vier alte und neue Bürgermeister bekräftigen das im Bild hinten, die beiden Begründer der Partnerschaft -  Bürgermeister a.D. Bernd Hitzler und Birgit Pfennig sowie vorn die aktuellen Bürgermeister Markus Hallmann und Alfons Jakl. © privat
Der Auftritt des „Bauernballett Demmingen“, einem Ortsteil von Dischingen 2017 in Oberseifersdorf zur 750-Jahr-Feier. Der Seierschdurfer Faschingsclub hat sich dafür im letzten Jahr mit einem Auftritt zum 40. Stadlfest in Demmingen bedankt. 
Der Auftritt des „Bauernballett Demmingen“, einem Ortsteil von Dischingen 2017 in Oberseifersdorf zur 750-Jahr-Feier. Der Seierschdurfer Faschingsclub hat sich dafür im letzten Jahr mit einem Auftritt zum 40. Stadlfest in Demmingen bedankt.  © privat
Mit dabei bei der 700 Jah-rfeier von Eckartsberg waren auch die "Original Jungpfälzer Musikanten" aus Dischingen.
Mit dabei bei der 700 Jah-rfeier von Eckartsberg waren auch die "Original Jungpfälzer Musikanten" aus Dischingen. © privat
Beim Umzug zur 700 Jahr-Feier von Eckartsberg und 70 Jahre Ortsfeuerwehr durften auch die Kameraden aus der Partnergemeinde nicht fehlen.
Beim Umzug zur 700 Jahr-Feier von Eckartsberg und 70 Jahre Ortsfeuerwehr durften auch die Kameraden aus der Partnergemeinde nicht fehlen. © privat
Die Bürgermeisterin von Eckartsberg, Birgit Pfennig, pflanzt am Tag der Einheit 1990 mit dem damaligen Dischinger Bürgermeister, Bernd Hitzler eine Eiche in Eckartsberg.
Die Bürgermeisterin von Eckartsberg, Birgit Pfennig, pflanzt am Tag der Einheit 1990 mit dem damaligen Dischinger Bürgermeister, Bernd Hitzler eine Eiche in Eckartsberg. © privat

Werner Röllig nahm zu Birgit Pfennig wieder Kontakt auf. Er bat sie, ihm seine geliebten DDR-Zigaretten zu schicken. Sie trafen sich auch heimlich in Hradek (Grottau). Ins Nachbarland durften beide ja reisen. Pfennigs luden ihren Trabi dann voll mit Zigaretten.

Dann kam die Wende. Und 1990 standen Rölligs plötzlich wieder auf dem Hof in Radgendorf, wo sie einst wohnten. Es gab viel zu erzählen. Und als Birgit Pfennig erfuhr, dass sie jetzt in Dischingen in Baden-Württemberg wohnen, war das die Nachricht für sie.

Birgit Pfennig gehörte zum "Runden Tisch" in Eckartsberg, an dem viele Leute saßen, die etwas im Ort voranbringen wollten. Sachsen wollte sich beim Aufbau der Verwaltungen an Baden-Württemberg orientieren. Birgit Pfennig war vom "Runden Tisch" beauftragt, dort eine Partnergemeinde für Eckartsberg/Radgendorf zu suchen. 

Also fuhr sie mit Familie Röllig einfach mit nach Dischingen. "Ich wollte meinen Mann nicht mit den zwei Kindern allein lassen, deshalb habe ich meine große Tochter mitgenommen", erzählt sie. 

Am nächsten Tag ging sie dort ins Gemeindeamt, stellte sich dem damaligen Dischinger Bürgermeister Bernd Hitzler vor und berichtete von ihrem Anliegen. Der zeigte sich nicht abgeneigt von einer Partnergemeinde im Osten Deutschlands. Ein zweites Treffen wurde vereinbart. "Bringen sie noch zwei Leute von ihrem 'Runden Tisch' mit, aber keinen Roten", hatte Bernd Hitzler ihr mit auf dem Weg gegeben.

Birgit Pfennig fuhr daraufhin mit Peter Donath und Frank Heidrich erneut nach Dischingen. "Das war gar nicht so einfach. Wir hatten ja noch kein Westgeld, sondern nur DDR-Mark", sagt sie. Aber Peter Donath war Auto-Schlosser. Heimlich baute er in seinen Lada einen zweiten Tank ein. 60 Liter gingen rein. Sie wurden herzlich aufgenommen, nahmen an einer Gemeinderatssitzung teil und lernten viele Leute kennen.

Wo plötzlich 18 Westler unterbringen?

Zur Wiedervereinigung hatten sie die Dischinger nach Eckartsberg eingeladen. Doch dann kamen gleich 18 Leute. Also mussten schnell Unterkünfte besorgt werden. Ein paar Zimmer konnten noch im Hotel Dreiländereck in Zittau gebucht werden. Die meisten aber wohnten im Wohnhaus auf dem LPG-Stützpunkt in Eckartsberg. Dort wurde natürlich auch ein Frühstück für die Gäste organisiert. Aber die Dischinger dachten wahrscheinlich, im Osten gibt es nicht viel zu Essen. Sie hatten sich fast alles mitgebracht - sogar ein Bierfass und Gläser.

Der erste Stadtrundgang in Zittau war etwas für die Ewigkeit. Als sie die Bautzener Straße hoch liefen, kam ihnen der damalige  Landrat Heinz Eggert entgegen, den Birgit Pfennig kannte. Als er merkte, wen sie da im Schlepptau hatte, lud er sie alle auf ein Bier ins "Dreiländereck" ein. Noch heute erzählen sich die Dischinger, dass sie spontan von Sachsens späteren Innenminister eingeladen wurden.

Birgit Pfennig freut sich, dass Dischingen bis heute nicht nur eine Partnergemeinde ist, weil es halt vor 30 Jahren so gewollt war. In vielen anderen Orten sind die damals entstandenen Ost-West-Partnerschaften allmählich eingeschlafen. Zwischen Eckartsberg und Dischingen ist sie immer mehr gewachsen.

Noch heute profitiert die Gemeinde Mittelherwigsdorf, dessen Ortsteil Eckartsberg nun ist, von der Hilfe in der Verwaltungsarbeit der ersten Stunden. Zittau hatte beispielsweise beim Gewerbegebiet hinter der Weinau die Eckartsberger Flächen gleich mit überplant. Der Ortsbaumeister von Dischingen half, für Eckartsberg bessere Konditionen auszuhandeln, als vorgesehen war. Auch beim Planen und Umsetzen des Abwassernetzes und vielen anderen Projekten half die Partnergemeinde.

Aber das war nur die eine Seite. Von Anfang an wird die Gemeindepartnerschaft zwischen den Vereinen, der Feuerwehr und zig Leuten im privaten Bereich bis heute mit Leben erfüllt, jedes Jubiläum zusammen gefeiert.

Und als die Dischinger Hauptamtsleiterin Martha Kragler heiraten wollte, erinnerte sie sich daran, was ihr ihre Oberlausitzer Amtskollegin Birgit Pfennig mal versprochen hatte. "Ich hatte mir zu meinem 50. Geburtstag einen 500er Trabi gekauft und gesagt, wenn sie mal heiratet, dann wird das ihr Hochzeitsauto."

Das Hochzeits-Versprechen mit dem alten Trabi

Und darauf kam Martha Kragler zurück. Birgit Pfennig war inzwischen nach der Gründung der Einheitsgemeinde von Mittelherwigsdorf Hauptamtsleiterin. Ihr Mann Thomas sagte sofort zu. Und so fuhren sie 2014 mit ihrem Ford und dem alten gelben Trabi, Baujahr 1962, nach Dischingen zur Hochzeit.

Weil Marthas Mann Stefan Kragler aber sehr groß ist und das Baby mit ins Auto sollte, wollte er gern selber das Kult-Auto des Ostens fahren. Nach einer kleinen Proberunde klappte das auch super. So führte zur Hochzeit der gelbe Trabi in Dischingen einen Autokorso von etwa 30 Fahrzeugen durch das Dorf an.

Dischingen ist zur Partnergemeinde von ganz Mittelherwigsdorf geworden. Die freundschaftlichen Beziehungen sind von Eckartsberg auf alle vier Ortsteile übergesprungen. Am Donnerstag begrüßte Bürgermeister Markus Hallmann (Freier Wählerverein) seinen Dischinger Amtskollegen Alfons Jakl. Logisch, dass sein  Amtsvorgänger und viele alte und neue Freunde mit dabei sind. Bis Sonntag werden sie bleiben.

Sie wollen schon früh wissen, was gerade zwischen Oppach und Ostritz, Zittauer Gebirge und A4 passiert? Dann abonnieren Sie unseren Newsletter "Löbau-Zittau kompakt".

Mehr Nachrichten aus Löbau und Umland lesen Sie hier.

Mehr Nachrichten aus Zittau und Umland lesen Sie hier.

Mehr zum Thema Zittau