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Warum in Waltersdorf vorerst keine Glocken mehr läuten

Am Mittwochvormittag wurden die alten Glocken vom Waltersdorfer Kirchturm geholt. Nun wird es lange still sein im Ort - auch wegen einer Naturschutz-Forderung.

Von Jana Ulbrich
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Ein bewegender Moment am Mittwochvormittag in Waltersdorf im Zittauer Gebirge: Die Kirchenglocken werden vom Turm geholt.
Ein bewegender Moment am Mittwochvormittag in Waltersdorf im Zittauer Gebirge: Die Kirchenglocken werden vom Turm geholt. © Matthias Weber/photoweber.de

Manchen Einwohnern stehen die Tränen in den Augen in diesem bewegenden Moment: Es ist Mittwochvormittag, kurz nach halb elf, als die große Kirchenglocke am Seil eines Krans hängt und ganz langsam vom Turm der Waltersdorfer Kirche herab zur Erde schwebt. Es ist der Moment, der die kommende Stille endgültig und fassbar macht.

Der großen, fast anderthalb Tonnen schweren Glocke aus Eisenhartguss werden an diesem Mittwoch auch noch die zwei kleineren Eisenguss-Glocken und die kleinste, die bronzene, folgen. Fast ein Jahr lang werden in Waltersdorf im Zittauer Gebirge nun erst einmal keine Kirchturmglocken mehr läuten, nicht zu den Gottesdiensten, nicht zu den vollen Stunden und auch nicht zu Weihnachten und zum Osterfest.

Auch für die kleinsten Waltersdorfer ist spannend, wenn ein großer Kran die Glocken vom Kirchturm holt.
Auch für die kleinsten Waltersdorfer ist spannend, wenn ein großer Kran die Glocken vom Kirchturm holt. © Matthias Weber/photoweber.de
Es ist geschafft: Die große Glocken ist am Boden - eine Meisterleistung von Glockenbauer Jürgen Ehrlacher aus Crostau bei Schirgiswalde und die Männer der Spezialfirma Förster aus Friedersdorf bei Neusalza-Spremberg:
Es ist geschafft: Die große Glocken ist am Boden - eine Meisterleistung von Glockenbauer Jürgen Ehrlacher aus Crostau bei Schirgiswalde und die Männer der Spezialfirma Förster aus Friedersdorf bei Neusalza-Spremberg: © Matthias Weber/photoweber.de
Viele Waltersdorfer sind gekommen, um das Abnehmen der alten Kirchenglocken mitzuerleben.
Viele Waltersdorfer sind gekommen, um das Abnehmen der alten Kirchenglocken mitzuerleben. © Matthias Weber/photoweber.de
Die alten Glocken aus Eisenguss werden einen Platz an der Kirche finden.
Die alten Glocken aus Eisenguss werden einen Platz an der Kirche finden. © Matthias Weber (Archiv)

"Das wird schon ganz schön schwer für uns werden - eine Kirche, ein Dorf ohne Glockenläuten", weiß Pfarrer Gerd Krumbiegel, der hier seit sieben Jahren der evangelische Gemeindepfarrer ist und der in diesem Moment ebenfalls mit einem Kloß im Hals vor der Kirche steht und zusieht, wie die Glocken eine nach der anderen zu Boden schweben.

Das ist Maßarbeit und eine großartige Meisterleistung von Glockenbauer Jürgen Ehrlacher aus Crostau bei Schirgiswalde und dem Kranführer der Spezialfirma Förster aus Friedersdorf bei Neusalza-Spremberg: Die große Glocke passt nur gerade so durchs Kirchturmfenster - nur absolut in Waage und mit nur anderthalb Zentimetern Platz rechts und links zwischen Glocke und Mauerwerk. Der Kran muss sogar aufwendig umgebaut werden, damit das Vorhaben auf dem Weg durchs Fenster überhaupt gelingt.

Die kleine Bronze-Glocke reist jetzt nach Innsbruck

Beim Gottesdienst am 10. Oktober haben die Waltersdorfer ihr Geläut zum letzten Mal erklingen lassen und es dann feierlich außer Betrieb genommen. Und eigentlich wurde das auch Zeit. Und eigentlich, sagt Pfarrer Krumbiegel, ist das Abnehmen der Glocken auch ein hoffnungsfroher Moment, der jetzt allen zeigt: Es geht los. Das alte Geläut hat ausgedient. In Innsbruck werden neue Bronze-Glocken für die Waltersdorfer Kirche gegossen.

Die ersten Glocken, erzählt der Pfarrer, musste die Kirchgemeinde 1917 für den 1. Weltkrieg abliefern, nur die kleinste durften die Waltersdorfer behalten. 1921 wurde das Geläut mit drei Glocken aus Eisenhartguss wieder vervollständigt. Im 2. Weltkrieg musste die Gemeinde auch noch ihre letzte bronzene Glocke hergeben. Doch zum Einschmelzen kam es nicht mehr. Nach Kriegsende wurde die kleine Waltersdorfer Glocke auf dem Glockenfriedhof in Hamburg gefunden - und kam wieder auf den Turm.

Nun reist sie nach Innsbruck, damit die neuen Bronze-Glocken nach ihrem Klang ausgerichtet und dem Klangbild angepasst werden können. Die drei Eisenguss-Glocken werden an der Kirche aufgestellt. "Von innen sehen sie aus wie Tilsiter Käse", beschreibt Gerd Krumbiegel ihren Zustand. Der Rost hat in den Jahren viele Löcher ins Metall gefressen. Die große Glocke durfte aus Sicherheitsgründen schon seit zwei Jahren nicht mehr läuten, die beiden kleineren waren kurz davor.

Im Kirchturm wohnen Fledermäuse

Jetzt freuen sich die Waltersdorfer auf ihr neues Geläut. Die evangelische Landeskirche, die Gemeinde Großschönau und ein großer Einzelspender, ein ehemaliger Waltersdorfer, haben Geld dazugegeben. 35.000 Euro, die noch gebraucht werden, will die Kirchgemeinde über Spenden sammeln. Ein Spendenkonto ist eingerichtet. Im nächsten September, so hofft Pfarrer Krumbiegel, soll das neue Geläut dann feierlich aufgezogen werden. Und dann soll es in Waltersdorf endlich wieder läuten.

Warum aber dauert das so lange? Der Pfarrer holt tief Luft, ehe er zu einer Erklärung ansetzt. "Die Arbeiten auf dem Turm dürfen nur in einem bestimmten Zeitfenster stattfinden", sagt er, "und zwar nur im Winter". Das hat der Naturschutz so vorgegeben. Der Grund: Im Kirchturm leben Fledermäuse. Die notwendigen Zimmererarbeiten am Glockenstuhl sollen jetzt erfolgen, damit sich die Fledermäuse für ihren Winterschlaf ein Ausweichquartier suchen können.

Ab Ende April muss dann für den Rest des Frühjahrs und den Sommer über Ruhe auf dem Kirchturm herrschen. Die Fledermäuse sollen dann dort oben in Ruhe ihre Wochenstube einrichten können. Pfarrer Krumbiegel will das nicht bewerten. "Es gibt ja nicht mehr viele Lebensräume für Fledermäuse", sagt er. "Kirchtürme sind ja fast ihre letzten Refugien. Da wollen wir nicht schuld daran sein, dass sie womöglich aussterben."

In der Waltersdorfer Kirchgemeinde will man die Forderung der Naturschützer deshalb zähneknirschend akzeptieren. "Wir denken über eine Lösung nach, damit die stille Nacht in diesem Jahr keine allzu stille Nacht wird", verspricht Gerd Krumbiegel. Er sucht gerade nach einer Möglichkeit, eine Glocke auszuleihen, die in oder vor der Kirche aufgestellt werden kann. Zur Not könnte es auch das alte Geläut tun: Das ist auf einer CD verewigt und für die Nachwelt erhalten. Wer die CD kauft, spendet damit für die neuen Glocken.