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Wie kommt ein Murmeltier in unsere Wälder?

Ein österreichischer Wildbiologe bestätigt: zwischen Großhennersdorf, Oderwitz und Ruppersdorf lebt ein Murmeltier. Das beweist auch ein Video.

Von Holger Gutte
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Eine Alpenmurmeltier-Mutter mit Jungtier im Hohe Tauern Nationalpark in Österreich. Dort, Hunderte Kilometer entfernt, liegt im Hochgebirge ihr natürlicher Lebensraum. Jetzt wurde eines mehrmals zwischen Großhennersdorf, Oderwitz, Ruppersdorf gesehen.
Eine Alpenmurmeltier-Mutter mit Jungtier im Hohe Tauern Nationalpark in Österreich. Dort, Hunderte Kilometer entfernt, liegt im Hochgebirge ihr natürlicher Lebensraum. Jetzt wurde eines mehrmals zwischen Großhennersdorf, Oderwitz, Ruppersdorf gesehen. © blickwinkel

Berry hat das Murmeltier zuerst entdeckt. Berry ist ein verspielter Labrador-Mischling. Anja Dutschke dreht jeden Morgen mit ihm Gassi-Runden in den Wald- und Feld-Gebieten zwischen Großhennersdorf, unterhalb vom Langen Berg in Richtung Ruppersdorfer Flur. An einem Wegrand scheuchte Berry vor Kurzem plötzlich ein Tier auf, das einem einheimischen Biber oder Nutria sehr ähnlich sah. Aber beides war es nicht.

Der Hund war wahrscheinlich mehr von ihm erschrocken, als umgekehrt. "Es rannte aufgeregt ein paar mal im Kreis um mich herum und verschwand dann wieder im hohen Gras", erzählt Anja Dutschke. Wieder zu Hause schilderte sie das Erlebte ihrem Vater. Hagen Dutschke ist Jäger.

Inzwischen gab es sogar ein Beweisfoto und ein Video. Das hat Björn Lange aus seinem Auto heraus gemacht, als er kurze Zeit nach Anja Dutschke einen anderen Weg in der Nähe lang gefahren war.

Hagen Dutschke konnte eigentlich anhand der Bilder gleich einen Biber oder Nutria ausschließen. "Die haben nicht so einen buschigen Schwanz", sagt er. Der Großhennersdorfer tippt vielmehr auf ein Murmeltier. Aber wie sollte das hier herkommen?

Murmeltiere leben in Hochgebirgen, wie den Alpen. Von daher kennen wir sie vom Urlaub in Österreich oder Bayern. In Gegenden wie der Oberlausitz kommen sie nicht vor, auch nicht im Zittauer Gebirge.

Wildbiologe fällt am Murmeltier einiges auf

SZ hat das Foto und das Video an einen Experten für Murmeltiere geschickt. Dr. Fredy Frey-Roos ist Wildbiologe an der Universität für Bodenkultur in Wien und dem Institut für Wildbiologie und Jagdwirtschaft in Österreich. Er kennt sich bestens aus mit Murmeltieren. Und er bestätigt, dass da zwischen Großhennersdorf, Oderwitz und Ruppersdorf eindeutig ein Murmeltier in freier Wildnis lebt.

"Die Frage ist nur, wie kommt es dahin?", sagt er. Möglich wäre, dass das Tier als "blinder Passagier" auf einen Transit-Lkw geklettert und von den Alpen bis in die Oberlausitz mitgefahren ist. Oder aber, es wurde ausgesetzt.

Fredy Frey-Roos tippt eher auf Letzteres. Dass ein Murmeltier über eine so lange Strecke mit einem Truck mitfährt, hält er für unwahrscheinlich. Viele Wildtierarten werden auch privat gehalten - legal oder illegal. "Bei Murmeltieren ist das aber schwierig. Sie sind Kolonie-Tiere - brauchen die Gemeinschaft", schildert der Wildbiologe. In der Kolonie schützen sie sich auch gegenseitig vor ihren natürlichen Feinden. Und die gibt es unter anderem mit Wolf, Marderhund, Fuchs und Adler auch in der Oberlausitz.

Bei der Videoanalyse ist Dr. Fredy Frey-Roos trotz der nur rund eineinhalb Minuten Länge einiges aufgefallen. Das Murmeltier scheuert sein Fell auf dem Boden. "Es wird voll von Zecken sein", vermutet er. In einer Kolonie verteilen die sich auf alle Tiere. Ein Einzeltier hat es da schwer. Aufgefallen ist dem Wildbiologen auch die spezielle Fellfärbung. "Das ist sehr wahrscheinlich kein Murmeltier aus den Alpen. So eine Fellfärbung haben die Murmeltiere in den Karpaten", sagt der Wildbiologe.

Dieses Murmeltier wurde jetzt von zwei Personen unabhängig voneinander zwischen Großhennersdorf, Oderwitz und Ruppersdorf entdeckt. Ein anerkannter österreichischer Wildbiologe bestätigt: "Es ist eindeutig ein Murmeltier.
Dieses Murmeltier wurde jetzt von zwei Personen unabhängig voneinander zwischen Großhennersdorf, Oderwitz und Ruppersdorf entdeckt. Ein anerkannter österreichischer Wildbiologe bestätigt: "Es ist eindeutig ein Murmeltier. © Björn Lange

Die zählen neben den Alpen nämlich genauso zu den natürlichen Lebensräumen der Murmeltiere wie noch die Hohe Tatra. Aber auch von den Karpaten ist es nicht näher zu dem Fundort zwischen Zittau und Löbau als von den Alpen. Und selbst da, wo der Mensch das Alpenmurmeltier noch angesiedelt hat - in den Regionen der Ostalpen, Pyrenäen und im Schwarzwald ist es weit bis hierher.

Murmeltiere sind hitzeempfindlich und exzellente Tunnelbauer. "Das Hauptproblem des bei Ihnen entdeckten Tieres ist, dass es wahrscheinlich allein und nicht in einer Kolonie lebt. Ihm werden auch die schönen Alpenkräuter fehlen", erzählt der Biologe.

Ausgebüxt aus dem Görlitzer Tierpark?

Vielleicht ist es aber auch aus einem Tierpark abgehauen, schildert der Experte. Und als Murmeltier-Fachmann weiß der Österreicher sogar, dass es im Tierpark in Görlitz Murmeltiere gibt. Und wirklich, in diesem Jahr sind dort schon zwei ausgebüxt. Nicht zum ersten Mal. "Wir haben sie aber immer wieder schnell eingefangen", berichtet die Kuratorin vom Naturschutz-Tierpark Görlitz Catrin Hammer.

Die Ausreißer sind aber nie weit abgehauen und meist nur im Tierpark-Gelände unterwegs gewesen. "Ein Murmeltier lässt sich leicht mit einer Kastenfalle einfangen, wenn man es mit Nüssen lockt", verrät sie. Ihr Tipp, falls ein Jäger das mit dem entdeckten Murmeltier vorhat. In Görlitz werden sechs Alpenmurmeltiere gehalten. Alle sind da, wie Catrin Hammer versichert.

Falls die Kolonie durch den Nachwuchs zu groß wird, gibt der Görlitzer Tierpark sie auch nicht an Privatpersonen ab, sondern an andere Tierparks oder Zoos. 2016 sind sogar mal welche aus der Neiße-Stadt in den Zoo in Innsbruck umgezogen.

Und auch aus dem Zittauer Tierpark stammt das entdeckte Murmeltier nicht. Dort werden sie nicht gehalten.

Die bayrische Wildbiologin und Journalistin Dr. Christine Miller wüsste auch gern, wo das in der Nähe des Zittauer Gebirges gesichtete Murmeltier herkommt. Wildbiologie war der Schwerpunkt ihres Studiums in München, Zürich und Wien. Sie hat an zahlreichen wissenschaftlichen Forschungsprojekten für Wildtiere und journalistisch für Fachzeitschriften und Bücher mitgewirkt.

Eine bayrische Wildbiologin hat noch eine andere These

Christine Miller stellt neben dem Aussetzen des Tieres noch eine andere These auf. Vor zwei Jahren sind Murmeltiere, etwa 60 Kilometer von den Alpen entfernt, gesehen worden. Murmeltiere sind keine großen Wanderer. Aber die Wildbiologin könnte sich durchaus vorstellen, dass über einen langen Zeitraum hinweg, Murmeltiere von den Karpaten oder der Hohen Tatra über die Gebirgsketten bis ins Erzgebirge oder zur Schneekoppe gewandert sind. "Gämsen haben den Weg von dort auch schon geschafft", schildert sie. Wenn das so wäre, könnte sich von da auch mal eines bis in das Gebiet zwischen Löbau und Zittau verirrt haben.

Das Video von Björn Lange kennt auch der Herwigsdorfer Willfried Mannigel. Der Weidmann aus Leidenschaft ist viele Jahre auch Vorsitzender des Kreisjagdverbandes Löbau-Zittau gewesen. Er tippte auch auf ein Murmeltier, als er die Aufnahme sah. Er kann sich nicht erinnern, dass hier in der Region schon mal ein Murmeltier in der Wildnis gesehen wurde. Das hätte sich unter den Jägern rumgesprochen.

"Fremde Tierarten sind bei uns sehr selten", erzählt er. Vor einigen Jahren gab es mal einen Luchs im Zittauer Gebirge. Aber der ist nur für eine kurze Zeit beobachtet worden. "Und im vergangenen Jahr ist ein nicht identifiziertes Tier auf der Kippe in Hagenwerder und bei Markersdorf gesehen worden. Es soll wahrscheinlich ein Goldschakal gewesen sein. Aber das ist nicht bewiesen", sagt Willfried Mannigel. Goldschakale haben sich allerdings schon ein paar mal in die Gegend vorgepirscht.

Anja Dutschke und auch Björn Lange sind mit ihren Hunden in dieser Woche natürlich weiter ihre Gassi-Runden durch Wald und Flur gegangen. Das Murmeltier haben sie aber nicht mehr gesehen.