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Roter Teppich für den Ministerpräsidenten

Michael Kretschmer hat der Olbersdorfer Kokosweberei einen nicht alltäglichen Auftrag erteilt. Er bezahlt ihn privat. Nur wozu?

Kokosweber Mario Hilger und der Rote Teppich für Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU).
Kokosweber Mario Hilger und der Rote Teppich für Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU). © Rafael Sampedro/foto-sampedro.de

Das große Stück passt kaum in die kleine Werkstatt: Mario Hilger muss erstmal umräumen, damit er den 15 Meter langen Läufer aus karminrotem Kokosgarn überhaupt auf die Nähmaschine bekommt. 

Er wuchtet den schweren Läufer an die robuste Maschine - so eine, wie sie Sattler zum Nähen von Leder benutzen. Hilger ist kein Sattler, er ist einer der letzten Kokosweber in ganz Deutschland, seine kleine Manufaktur in Olbersdorf  ist eine der beiden letzten, die es bundesweit überhaupt noch gibt.

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Mit der anderen, einer Manufaktur in der Nähe von Trier in der Eifel, arbeitet Hilger seit 2015 in einer Kooperation zusammen. Weil dort mehr Platz ist, wurde der Läufer dort gewebt. Jetzt muss ihn der Textilingenieur aus Olbersdorf noch mit einem schönen Baumwollband einfassen. Zwei Stunden, schätzt Hilger, wird er dafür brauchen. Dann ist dieser Auftrag fertig: ein Roter Teppich vom Feinsten.

Es ist wieder mal ein sehr besonderer Auftrag: "Für den Ministerpräsidenten persönlich", verrät Mario Hilger hinter vorgehaltener Hand, "aber für ihn privat." Für den Ministerpräsidenten privat? Was will Michael Kretschmer denn mit einem roten Teppich?

Der Ministerpräsident macht daraus überhaupt kein Geheimnis: Er will den Läufer verschenken! "Ich möchte damit die Sanierung der alten Dorfkirche in Niederschindmaas unterstützen", erklärt er. Niederschindmaas ist ein kleiner Ort im Kreis Zwickau, die Bauarbeiten an der schönen Dorfkirche waren dringend notwendig, aber auch dementsprechend teuer und aufwendig.

Kretschmer schätzt Olbersdorfer Handarbeit

Bei einem Besuch im Frühjahr 2018 hatte Kretschmer den Einwohnern versprochen, einen Läufer für das neue Kirchenschiff zu spenden. Jetzt - zweieinhalb Jahre später - sind die Bauarbeiten fast fertig, und der Ministerpräsident löst sein Versprechen ein.

Dass er für die Kirche ausgerechnet einen Kokosläufer in Olbersdorf bestellt, das habe für ihn außer Frage gestanden. "Diese Manufaktur ist ein beeindruckender Ort und das dortige Angebot etwas ganz Besonderes", findet Kretschmer. Die faszinierende Handwerkstradition und die langlebige Handarbeit aus der Region schätze er persönlich sehr.

Da darf an dieser Stelle sicher auch verraten werden, dass in Kretschmers Umgebindehaus in Waltersdorf ebenfalls Kokosläufer aus Olbersdorfer Handwerkskunst liegen. Die kleine Kirche in Niederschindmaas wird sich mit dem neuen Kokosläufer übrigens in eine ganze Reihe namhafter Referenzobjekte der Olbersdorfer Manufaktur einreihen können:

Mario Hilger hat für die Zittauer Johanniskirche gearbeitet, für die Dorfkirche in Jonsdorf oder den großen St.-Petri-Dom in Bautzen. Für eine kurfürstliche Residenz in Hessen hat er die Läufer sogar mit dem kurfürstlichen Wappen bedruckt. Er habe auch namhafte Auftraggeber, erzählt der 59-Jährige, deren Namen er nicht nennen dürfe. Manchen muss er das sogar unterschreiben.

Die Kokosfasern kommen aus Indien

Die Kokosfasern für ihre Garne beziehen Hilgers direkt aus Indien. Jedes Frühjahr reisen Mario Hilger und seine Frau dafür zur Domotex, der Weltleitmesse für Teppiche und Bodenbeläge, nach Hannover. "Das ist die einzige Gelegenheit im Jahr, unsere indischen Produzenten zu treffen", erzählt Mario Hilger. Auf der Messe geben sie gleich ihre Bestellung für die ganze Jahresproduktion ab: 26 Tonnen Kokosfasern in Natur, senfgelb, dunkel- und karminrot.

"Wir können inzwischen ganz gut abschätzen, was wir übers Jahr so brauchen", sagt Hilger, die die Weberei vor 30 Jahren übernommen hat. Gut, dass er auch an reichlich karminrot gedacht hat.

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