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Corona-Test bei den Kaninchenzüchtern

Warten in eisiger Kälte, Tests an skurrilen Orten: Hunderte Menschen in Löbau-Zittau brauchen jetzt täglich ihr Negativ-Zertifikat. Das verlangt vielen viel ab.

Von Jana Ulbrich
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Brit Kögler aus Großschönau ist geimpft. Sie braucht den Test für einen Arztbesuch.
Brit Kögler aus Großschönau ist geimpft. Sie braucht den Test für einen Arztbesuch. © Rafael Sampedro/foto-sampedro.de

Der kleine Felix muss jetzt tapfer sein: Schüchtern sitzt der Zweijährige an diesem Montagmorgen auf Papas Schoß. Eine Frau in einem riesigen Kittel schiebt dem Kind ein Tupferstäbchen in den Mund. Wenn das gut klappt, sagt der Papa, dann darf Felix wieder raus. Fast eine ganze Woche hat der Kleine als "Kontaktperson" in Quarantäne verbringen müssen. Heute darf er sich "frei-testen" - im Vereinshaus der Kaninchenzüchter in Großschönau.

"Die Situation hat schon etwas Skurriles", muss Anita Lück-Lange zugeben. Eigentlich ist die couragierte Frau Quartiersmanagerin bei der Johanniter-Unfallhilfe im Neubaugebiet Ebersbach-Oberland. Seit heute aber leitet sie wieder das Testzentrum der Johanniter in Großschönau. Seit früh um sieben hat es geöffnet - und arbeitet pausenlos. Der kleine Felix ist schon der 26. Kunde an diesem Morgen.

Im Vereinshaus der Kaninchenzüchter ist es spartanisch - und kalt. Die Kollegin hinter der Plexiglasscheibe im "Empfangsraum" und die Testerin im Nebenraum schieben sich abwechseln einen 20 Jahre alten Ölradiator zu. Seit Donnerstag haben sie versucht, die Räume warm zu bekommen, erzählt Anita Lück-Lange. Keine Chance. Hier in den spartanischen Räumen der Kaninchenzüchter werden sie nicht bleiben können, soviel steht schon mal fest.

Kerstin Rokitta, die Chefin der Johanniter in Großschönau, sucht bereits fieberhaft nach einer anderen Lösung. "Im Lockdown im Frühjahr hatten wir das Testzentrum in der Jahn-Turnhalle eingerichtet", erzählt sie. "Das geht aber jetzt nicht mehr, weil ja diesmal Sportunterricht und Kindertraining stattfinden können." Andere angemessene Räume im Ort zu finden, sei sehr schwierig, sagt sie. Bis zum Nachmittag aber wird sie geklärt haben, dass das Großschönauer Testzentrum in den ehemaligen Schlecker-Drogeriemarkt an der Bahnhofstraße umziehen kann. Vielleicht ist das ja angenehmer. Am Mittwoch soll es also dort mit dem Testen weitergehen.

Anstehen für den Test bei Wind und Wetter

Aber in den kalten Räumen der Großschönauer Kaninchenzüchter sitzen der kleine Felix und sein Papa wenigstens trocken - im Gegensatz zu den Männern und Frauen, die an diesem Morgen in eisiger Kälte und Graupelschauern vor dem schicken Glascontainer auf dem Zittauer Hochschul-Campus stehen. Immer nur zwei dürfen rein. Der Rest muss draußen warten. Der Zehnte in der Reihe ist ein Mittfünfziger aus Zittau. Er arbeitet in einem Metallbaubetrieb in der Nähe und kommt jeden Tag in der Frühstückspause, um sich die Testbescheinigung für den nächsten Tag zu holen, erzählt er. Wer nicht geimpft ist, braucht sein tägliches offizielles Negativ-Zertifikat.

Der Mittfünfziger zieht die Mütze tiefer ins Gesicht. Er werde sich trotzdem nicht impfen lassen, sagt er im Brustton der Überzeugung. Lieber lässt er sich jeden Tag testen. Zwei Tests pro Woche bezahlt der Chef. In seiner Firma seien es "eine ganze Menge Leute", die sich testen müssen, erzählt er. Sonntags holt er sich den Test am Container vor dem Zittauer Obi-Markt, dem einzigen Testpunkt weit und breit, der auch sonntags offen hat.

Vor dem Corona Testcontainer auf dem Zittauer Hochschul-Campus müssen Kunden bei Wind und Wetter draußen warten.
Vor dem Corona Testcontainer auf dem Zittauer Hochschul-Campus müssen Kunden bei Wind und Wetter draußen warten. © Rafael Sampedro/foto-sampedro.de

Vor dem Container am Obi-Markt ist die Warteschlange an diesem Montagmorgen ebenfalls lang. Als nächstes sind die beiden Männer in den weißen Arbeitsanzügen dran. Sie sind beide geimpft, sagen sie. Trotzdem müssen sie sich jeden Tag testen. Sie arbeiten bei einer Firma für Innenausbau. Bevor sie auf Baustellen zu Kunden fahren, müssen sie sicher sein, dass sie negativ sind, erklären sie. Eine Viertelstunde später sind sie sicher. Bis jetzt, sagt die Testerin mit dem polnischen Akzent, sind fast alle negativ. Zwischen 200 und 300 Kunden hat sie jeden Tag an ihrem Container. Am Sonntag war ein Test positiv. Das hat sie dem Gesundheitsamt gemeldet.

Der kleine Felix aus Großschönau ist negativ - und darf wieder raus. Der Zweijährige strahlt. Brit Kögler ist auch negativ. Die 58-Jährige ist ins Großschönauer Vereinshaus gekommen, weil sie nach einer Zahn-OP zum Fädenziehen muss. Es gibt auch für Geimpfte viele Gründe, sich testen zu lassen.

Und weil es so viele Gründe gibt, gibt es auch immer mehr Testzentren. 3,50 Euro bezahlt die Kassenärztliche Vereinigung (KV) in Sachsen für das Testmaterial, acht Euro pro Test bekommen die Tester. Das scheint sich zu rechnen. Neben Apotheken, Ärzten, Zahnärzten und Wohlfahrtsverbänden testen inzwischen sogar Baumarktmitarbeiter wie beispielsweise im Sonderpostenbaumarkt in Oderwitz. Eine Kollegin hat sich dort kurzerhand als Testerin ausbilden lassen. Sie arbeitet nach Terminvergabe in einem Durchgangsraum zum Warenlager. Am Montagmorgen sind ihre Termine für den Tag schon ausgebucht. In Seifhennersdorf bietet die Firma Wagner-Digitaldruck einen Drive-In-Test auch für Betriebsfremde an.

29 Testmöglichkeiten gibt es inzwischen in der Region Löbau-Zittau, nicht in allen Orten, und nicht alle öffnen rund um die Uhr. Die meisten arbeiten nach Terminvergaben. Eine täglich aktualisierte Übersicht gibt es auf der Internetseite des Landkreises.