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Ob Opas Goldener Meisterbrief aufs Grab darf?

Jürgen Heidenreich aus Olbersdorf ist ganz plötzlich gestorben - drei Tage nach seiner Frau. Dabei wollte der bekannte Kfz-Elektriker doch eines unbedingt erleben.

Von Jana Ulbrich
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Tim Wagner will den Goldenen Meisterbrief seines Großvaters in Ehren halten. Jürgen Heidenreich, den weithin bekannten Kfz-Elektriker aus Olbersdorf, hat die seltene Auszeichnung leider nicht mehr erreicht.
Tim Wagner will den Goldenen Meisterbrief seines Großvaters in Ehren halten. Jürgen Heidenreich, den weithin bekannten Kfz-Elektriker aus Olbersdorf, hat die seltene Auszeichnung leider nicht mehr erreicht. © Matthias Weber/photoweber.de

Am liebsten, sagt Tim Wagner, würde er seinem Opa diese wunderschöne Urkunde aufs Grab stellen. "Eine kleinere Kopie in einem schönen Holzrahmen - das müsste doch gehen", überlegt der 20-Jährige. Seine Mutter muss lächeln bei dem Gedanken. Und Anja Wagner versucht auch gar nicht erst, die Tränen wegzuwischen, die sie sowieso nicht zurückhalten kann, wenn sie an ihre Eltern denkt: Gudrun und Jürgen Heidenreich sind beide sehr überraschend im Januar gestorben.

"Meine Mutter an Corona und mein Vater am Kummer", so drückt es Anja Wagner aus. Wie das eben nicht selten vorkommt bei Ehepaaren, die ein Leben lang zusammen durch dick und dünn gegangen sind: Gudrun Heidenreich ist am 11. Januar nach einer Infektion mit dem Corona-Virus gestorben. Sie war erst 65 Jahre alt. Ihr Mann Jürgen ist ihr dann nur drei Tage später, am 14. Januar, gefolgt. Er wäre jetzt 76 geworden.

"Wir haben es immer noch nicht richtig verkraftet", sagt Anja Wagner. "Unsere Eltern waren Familienmenschen. Wenn uns das zu Weihnachten jemand gesagt hätte, wir hätten es nicht für möglich gehalten. Zu Weihnachten war die Welt noch ganz in Ordnung." Und dann, wenige Tage später, sei alles ganz schnell gegangen.

50 Jahre lang Kraftfahrzeug-Elektriker

Jürgen Heidenreich war sehr bekannt - nicht nur in Olbersdorf, seinem Heimatort. Das hatte vor allem mit seinem Beruf zu tun: Der Olbersdorfer war Kfz-Elektrikermeister. 1971, als erst 26-Jähriger, hatte er seine Meisterprüfung bestanden und danach 20 Jahre lang in der damaligen PGH-Autowerkstatt am Zittauer Töpferberg gearbeitet. Es gibt noch ein frühes Foto aus dieser Zeit, das ihn an seinem Arbeitsplatz zeigt.

Jürgen Heidenreich auf einem Foto aus den 1970er Jahren. Der Kfz-Elektrikermeister war weithin bekannt. Am 26. Oktober 1971 hatte der Olbersdorfer die Meisterprüfung bestanden - und hat seitdem in seinem Handwerk gearbeitet bis zu seinem überraschenden To
Jürgen Heidenreich auf einem Foto aus den 1970er Jahren. Der Kfz-Elektrikermeister war weithin bekannt. Am 26. Oktober 1971 hatte der Olbersdorfer die Meisterprüfung bestanden - und hat seitdem in seinem Handwerk gearbeitet bis zu seinem überraschenden To © Matthias Weber/photoweber.de

Gleich nach der Wende hat sich Jürgen Heidenreich mit einer eigenen Werkstatt in Olbersdorf selbstständig gemacht - ein Ein-Mann-Betrieb, drei Jahrzehnte lang. Seinen Meisterbrief von 1971 hat er über die Werkbank gehängt. Dort hängt er immer noch. "Die Arbeit war sein Leben", erzählt Anja Wagner. "Mein Vater hat eigentlich nicht aufgehört zu arbeiten. Als er 65 war, haben wir gesagt: Komm Opa, genieße die Rente! Aber er wollte partout nicht." Er werde wenigstens noch so lange arbeiten, bis er den Goldenen Meisterbrief hat, so habe er immer gesagt.

Mit einem Goldenen Meisterbrief ehrt die Handwerkskammer Meister im Handwerk nach 50 (!) Arbeitsjahren. Es ist eine Auszeichnung für ein Lebenswerk. In diesem Jahr wurde sie im ganzen Landkreis Görlitz nur 27 Meisterinnen und Meistern zuteil. Auch Jürgen Heidenreich, der am 26. Oktober 1971 seinen Meisterabschluss geschafft hatte, hätte die Urkunde entgegennehmen dürfen. "Von diesem Goldenen Meisterbrief hat er immer gesprochen", erzählt sein Enkel Tim. "Er war richtig stolz darauf, dass er so lange durchgehalten hat, und dass er diese Auszeichnung in diesem Jahr bekommen würde."

Dafür hat Jürgen Heidenreich auch noch durchgehalten, als er schon nicht mehr gut laufen konnte. Bis zuletzt, erzählt seine Tochter, hat er noch Lichtmaschinen, Anlasser und Dieseleinspritzpumpen repariert. Er habe ja auch nie Nein sagen können. Erst nach seinem Tod im Januar hat Anja Wagner das Geschäft ihres Vaters bei der Handwerkskammer offiziell abgemeldet.

Und was sagt die Friedhofsverwaltung?

Doch in der Abteilung, die die Verleihung der Goldenen Meisterbriefe organisiert, war das offenbar nicht angekommen. Im April steckte die Einladung zur Meisterfeier in Jürgen Heidenreichs Briefkasten. "Ich hab bei der Handwerkskammer in Dresden angerufen und gesagt, dass mein Vater leider nicht mehr kommen kann, dass er gestorben ist", erzählt Anja Wagner. Aber der Goldene Meisterbrief war da schon ausgestellt. "Wollen Sie ihn trotzdem haben?", hat die Mitarbeiterin der Handwerkskammer gefragt.

Natürlich wollte Anja Wagner die Urkunde haben, auf die ihr Vater so stolz gewesen wäre. Vor Kurzem kam der große Briefumschlag mit dem Dokument bei Familie Wagner in Hörnitz an. "Wir werden bei uns im Haus einen schönen Ehrenplatz dafür finden", versichert die 43-Jährige.

Und dürfte Opas Goldener Meisterbrief denn auch aufs Familiengrab? "Da ließe sich bestimmt drüber reden", sagt Andreas Hultsch vom Olbersdorfer Bauhof, der auf dem Friedhof arbeitet. Auf privaten Grabstellen lässt die Olbersdorfer Friedhofsordnung den Angehörigen auch die Freiheit, die Gräber weitgehend nach ihren Wünschen zu gestalten. "Es soll ja immer auch zu dem Menschen passen, die hier begraben ist", sagt Andreas Hultsch, der natürlich Jürgen Heidenreich auch gekannt hat und geschätzt hat. Da müsste Opas Enkel Tim jetzt also nur noch den Rest der Familie überzeugen.