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Was ein Strom-Blackout für die Wasserversorgung bedeutet

Experten fürchten wegen der Energiewende flächendeckende Stromausfälle. Der Wasserversorger Sowag nimmt dieses Risiko sehr ernst.

Von Markus van Appeldorn
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Felix Heumer hat mit seiner Diplomarbeit für seinen Arbeitgeber Sowag eine Risikoanalyse zur Trinkwasserversorgung erstellt.
Felix Heumer hat mit seiner Diplomarbeit für seinen Arbeitgeber Sowag eine Risikoanalyse zur Trinkwasserversorgung erstellt. © Markus van Appeldorn

Atomkraft, nein danke und Schluss mit der Kohleverstromung - im Sinne einer umweltfreundlichen Energiegewinnung geht Deutschland beide Schritte gleichzeitig. Doch für die Stabilität des Stromnetzes ist es erforderlich, dass der Strom genau dann erzeugt wird und fließt, wenn er auch tatsächlich verbraucht wird - und nicht etwa dann, wenn gerade der Wind weht oder die Sonne scheint. Weil erneuerbare Energien in Deutschland oft nicht grundlastfähig sind, fürchten viele Experten nach Abschalten konventioneller Kraftwerke einen Infarkt im Stromnetz - einen Blackout, flächendeckenden Stromausfall. Und dieses Szenario macht auch dem regionalen Wasserversorger Sowag in Zittau ernsthafte Sorgen.

Bei der jüngsten Sitzung des Zweckverbands "Oberlausitz Wasserversorgung" brachte es Sowag-Geschäftsführer Michael Kuba auf den Punkt: "Bei einem auch nur kurzzeitigen flächendeckenden Stromausfall würde die Wasserversorgung innerhalb kürzester Zeit zusammenbrechen." Denn Wasser fließt in den Leitungen nicht von alleine. Es wird als Grundwasser etwa mit elektrischen Pumpen aus fünf bis 100 Metern Tiefe gefördert. Die Aufbereitung im Wasserwerk benötigt Strom. Wegen der hügeligen Topografie des Südkreises müssen etliche elektrische Pumpen dafür sorgen, dass das Wasser stets mit dem ausreichenden Druck in den Leitungen zur Verfügung steht - damit es aus dem Hahn nicht bloß tröpfelt. "Die Sowag hatte im vergangenen Jahr einen Stromverbrauch von 2,3 Millionen Kilowattstunden", erklärt Kuba die Dimension des Bedarfs.

Die Trockensommer waren eine Warnung

Deshalb betreibt die Sowag seit geraumer Zeit Vorsorge, wie man das Risiko eines Blackouts abfedern könnte - unter anderem mit wissenschaftlicher Herangehensweise. "Die Trockensommer 2018 und 2019 haben uns darüber nachdenken lassen, wie wir die Versorgungssicherheit erhöhen können", sagt Kuba. Damals sei das Versorgungssystem an seine Grenzen gelangt. Aber neben Trockenheit gibt es noch andere Risiken für die Wasserversorgung. Darüber hat die Sowag eine Studie erstellen lassen, die Grundlage für auch bereits eingeleitete Schutzmaßnahmen ist.

Erstellt hat diese Studie der Sowag-Mitarbeiter Felix Heumer 2019 als Diplomarbeit für seinen Abschluss als Ingenieur an der Hochschule für Technik und Wirtschaft Dresden (HTW). Für diese Studie hat er eine wissenschaftliche Risikoanalyse mit Rechenmodellen für die 21 Versorgungsgebiete der Sowag erarbeitet und dabei fünf Szenarien herangezogen: Trockenheit, extremes Hochwasser, Einleitung von Gefahrstoffen, Atomschlag und eben den Blackout. Diese Szenarien belegte Heumer rechnerisch mit einer Eintrittswahrscheinlichkeit und dem Grad der Verwundbarkeit, den so ein Eintritt für das Wasserversorgungssystem hätte. Berechnungen wie sie etwa Versicherungen zur Prämienermittlung seit je her anstellen: Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass sich ein Risiko verwirklicht, wie hoch der dann tatsächliche Schaden - sei es für Orkan, Hochwasser, Einbruch oder Autounfall? In der Wasserversorgung dagegen sind solche Rechnungen relativ neu. "Eine solche wissenschaftliche Risikoanalyse haben bundesweit bislang nur sehr wenige Wasserversorger vorgenommen, da sind wir Vorreiter", sagt Heumer.

Was gegen den Blackout hilft

"Was den Blackout betrifft, rechen wir mit einer Eintrittswahrscheinlichkeit von einmal in 100 Jahren", sagt er. All das bringt nichts, wenn das 100. Jahr ausgerechnet morgen eintrifft und tatsächlich sei diese Annahme zur Eintrittswahrscheinlichkeit sehr vage, weil im Gegensatz zu anderen Szenarien wie Hochwasser statistische Daten dazu fehlten. Die Folge jedenfalls wäre dramatisch. "Bei einem flächendeckenden Blackout würde die Wasserversorgung ohne Schutzmaßnahmen innerhalb eines Tages zusammenbrechen und die Stromversorger bräuchten eine Woche, um das Netz wieder zu stabilisieren", sagt Heumer. "Flächendeckend" meint aber eine wirklich große Fläche. "Mindestens sachsenweit, wenn nicht gar europaweit", sagt Heumer.

"Die Risikoanalyse hat Erkenntnisse gebracht, wie Systeme reagieren und welche Maßnahmen man treffen kann", sagt Felix Heumer. Und im Falle des Blackout-Risikos waren das gar nicht so aufwändige. "Wir haben für ein Zwischenpumpwerk ein Notstromaggregat angeschafft", sagt er. Dieses Pumpwerk versorgt die Fernwasser-Achse aus Sdier. "Dadurch wären wir sofort in der Lage, zwei Drittel der Einwohner mit Wasser zu versorgen", erklärt Heumer. Ein weiteres Pumpwerk erhalte noch ein Notstromaggregat. Freilich müsse man auch organisieren, genügend Treibstoff für diese Aggregate vorzuhalten, um einen genügenden Zeitraum überbrücken zu können. Die Gesamtinvestition der Maßnahmen beziffert Heumer auf rund 200.000 Euro.

Auch mit Trockenheit befasst sich Heumers Risiko-Analyse. "Ein Prognosemodell beschreibt bis zum Jahr 2100 einen 80-prozentigen Rückgang der Grundwasserneubildung", sagt er. Aufgrund dieser Erkenntnis habe man geprüft, ob nicht auch die verbleibenden 20 Prozent für die Wasserversorgung ausreichen könnten. "Wir wollen auch mehr Erkenntnisse über unsere Wasservorkommen gewinnen", sagt er. Heumer sieht einen großen Wasserverbund in der Region als glücklichen Umstand. "Das Wasservorkommen in Sdier wird bei weitem nicht ausgeschöpft", sagt er. Dort würden täglich nur 10.000 Kubikmeter Wasser gewonnen - zu DDR-Zeiten waren es bis zu 60.000 Kubikmeter.