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Was soll die Mauer auf dem Markt?

Hinter der Installation in Zittau steckt ein Projekt, das sich um die Themen Flucht und Ankommen dreht. Ein Ort, der heute zum Leben erwacht.

Die Mauer steht mitten auf dem Zittauer Markplatz.
Die Mauer steht mitten auf dem Zittauer Markplatz. ©  Matthias Weber

Verwundert bleiben vereinzelt Menschen vor der Mauer stehen, die gerade über den Zittauer Marktplatz laufen. Dort steht sie. Mittendrin. Ohne Erklärung. 

Die geben an diesem Freitag ab 19 Uhr andere. Vier Frauen haben die Mauer errichtet und machen diese zum Erlebnisort ihrer Lebensgeschichten: Sie stammen aus drei Generationen und zwei Ländern. Die einen lebten schon immer in Sachsen und erlebten, wie die DDR – ihr Geburtsort – auf einmal nicht mehr da war. Die anderen flüchteten vor dem Krieg in Syrien und versuchen sich jetzt in Sachsen ein neues Leben aufzubauen. Eine weitere Vorstellung gibt es am Sonnabend um 19.30 Uhr zur Kulturnacht, wie das Zittauer Museum berichtet.

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Der Hamburger Regisseur Georg Genoux reist seit drei Jahren durch Sachsen. Er will ein Land kennenlernen, das zwar seine Heimat Deutschland ist, in dem er aber auf viele fremde Dinge trifft. Dabei entstand mit Anastasia Tarkhanova das interdisziplinäre Film- und Theaterprojekt "Das Land, das ich nicht kenne". 

Es ist Teil der Ausstellung "Entkommen - das Dreiländereck zwischen Vertreibung, Flucht und Ankunft" im Zittauer Museum. Bei beiden Projekten geht's um Flucht und Ankommen: Während das eine das 17. Jahrhundert, die Zeit der Vertreibung nach 1945 und das aktuelle Geschehen betrachtet, fokussiert sich das andere auf die letzten drei Jahrzehnte und nimmt dabei vor allem Ostdeutsche in den Blick, die ihre Heimat auf andere Art und Weise verloren.

Dabei geht's um Fragen wie: Fühlen sich manche Ostdeutsche auch wie Geflüchtete oder eher wie vom eigenen Land Verlassene? Wie kann man den an verschiedenen Orten aufflammenden Fremdenhass erklären? Werden dadurch nicht neue Mauern und Grenzen errichtet, wo 1989 ostdeutsche Menschen ihr Leben riskierten, diese Mauern und Grenzen friedlich einzureißen und zu überwinden? Könnten die Einwohner entdecken, wie ähnlich sie den Geflüchteten sind, haben ihre Schicksale und Verlusterfahrungen doch Ähnlichkeiten? Sind die neuen Einwohner eine Chance, gemeinsam eine neue Heimat zu gestalten?

Für Zittau ist das aktuelle Geschehen nicht die erste Erfahrung mit Geflüchteten und deren Integration in die Stadtgesellschaft: Schon 1622 waren evangelische böhmische Glaubensflüchtlinge in die Region gekommen. Auch im Juni 1945 wurden etwa 24.000 Bewohner aus dem "Zittauer Zipfel" aufgenommen. Und 1991 kamen wieder Geflüchtete, diesmal zunächst Flüchtlinge vor dem Bürgerkrieg auf dem Balkan, später aus Tschetschenien, Afghanistan, Irak, Eritrea oder Syrien. Vor diesem historischen Hintergrund möchte das Projekt "Entkommen" mit Einwohnern der Stadt Fluchterfahrungen in den verschiedenen Jahrhunderten in den Blick nehmen. Noch bis 18. Oktober ist die gleichnamige Ausstellung im Kulturhistorischen Museum Franziskanerkloster in Zittau zu sehen.

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