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"Plötzlich lag ich am Boden"

Polizisten überwältigen auf dem Zittauer Stadtring einen Demonstranten. Der Lage angemessen, sagt die Polizei. Der SZ erzählt der Mann jetzt seine Sicht.

Polizisten drücken gewaltsam einen Mann zu Boden. Diese Szene vom "Spaziergang" auf dem Zittauer Stadtring sorgt für Diskussionen.
Polizisten drücken gewaltsam einen Mann zu Boden. Diese Szene vom "Spaziergang" auf dem Zittauer Stadtring sorgt für Diskussionen. © Rafael Sampedro/foto-sampedro.de

Er sitzt auf der Gartenbank und knetet die Hände. Der 58-Jährige wirkt immer noch aufgewühlt. Wenn er spricht, versagt ihm manchmal die Stimme. Seinen Namen möchte der Mann nicht mehr nennen. Und am liebsten würde er auch die Fotos und Videoaufnahmen, die ihn und sein Gesicht bei seiner Festnahme durch mehrere Polizeibeamte zeigen, aus Netz und Netzwerken entfernen. Doch das geht nicht. Über alle möglichen Plattformen haben sich die Bilder seit Montagabend rasend schnell verbreitet.

An diesem Montagabend sind auch der 58-Jährige und seine Frau zum nicht angemeldeten "Spaziergang" gegen die Corona-Maßnahmen nach Zittau gekommen. "Ich bin gar kein Corona-Leugner", sagt er. "Und auch kein Verschwörer. Ich finde nur diese Maßnahmen und dieses ganze Hin und Her in weiten Teilen überhaupt nicht mehr nachvollziehbar. Was da jetzt alles kaputt geht, da könnte ich heulen."

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Er sieht nicht aus wie einer, der auf Krawall aus ist, so wie er da jetzt auf der Gartenbank sitzt. Er erzählt von seiner Mutter im Betreuten Wohnen, die er mit Schnelltests endlich wieder besuchen konnte. Aber seit Kurzem müsste er für die Tests zu bestimmten Zeiten am Nachmittag da sein, aber das schaffte er oft nicht, wenn er außerhalb auf einer Baustelle ist.

Der Frust und die Enttäuschung sitzen tief, das merkt, wer den Handwerksmeister reden hört. Erst recht, als er beginnt, diese Szene vom Montagabend aus seinem Erleben zu schildern: Es stimmt, er habe keine Maske getragen, aber er habe auf Abstand zu den anderen geachtet, sagt er. Es sei ja keine angemeldete Demonstration gewesen, da bestehe ja auch keine Maskenpflicht. Die gültigen Allgemeinvorschriften sagen das anders. Der Mann nickt müde. Dann erzählt er.

Er solle sich auf dem Revier beschweren

"Als wir auf dieses große Polizeiaufgebot gegenüber vom Gymnasium zugelaufen sind, haben wir gesehen, dass da viele junge Leute richtig eingekesselt waren, auch eine Frau mit Kind. Ich habe zu den Beamten gerufen: Was macht Ihr denn da? Was werft ihr den Leuten denn vor? Klar, die Stimmung war gereizt und wurde immer gereizter."

Die Polizisten hätten ihm dann zugerufen, er solle sich doch auf dem Revier beschweren. Mit einem Freund sei er daraufhin rüber zum Revier gelaufen, aber auf ihr Klingeln habe niemand geöffnet. "Dann bin ich zurück zu meiner Frau, die wollte schnellstmöglich nach Hause." Und dann sei es eskaliert. Er habe plötzlich eine Hand auf seiner Schulter gehabt - ein Beamter vor und einer hinter ihm, dann noch ein dritter.

"Ich soll 'Ihr Penner' gerufen haben. Ich kann mich nicht erinnern. Es ging ja alles ganz schnell. Plötzlich lag ich am Boden. Die drei Polizisten haben mich festgehalten. Natürlich habe ich dann am Boden versucht, mich zu wehren. Es tat weh, ich wollte aus dieser Umklammerung raus und mich auch nicht fesseln lassen." Eine Polizeisprecherin schildert später, er soll bei seiner Gegenwehr nach den Beamten getreten und sogar versucht haben, sie zu beißen. Der Mann dementiert das. "Ein Polizist hat auf meinen Beinen gekniet, wie sollte ich denn da treten", sagt er und schluckt erst mal, bevor er weiterredet.

Er habe dann auf einmal gehört, wie einer der Beamten seinen Kollegen "Ohrdruck" zugerufen hat. "Ein Polizist hat mir daraufhin den Daumen am Hals direkt unter dem Ohrläppchen gegen den Kiefer gedrückt. Das ist ein Druckpunkt, da ist man völlig wehrlos." Er habe so eine Härte und überhaupt so eine Situation noch nie in seinem Leben erlebt, sagt der Mann. Später sei er bäuchlings über die Straße getragen und auf der anderen Seite mit dem Kopf unter ein Polizeiauto gedrückt worden.

Am Ende sei es dann aber friedlich ausgegangen. Die Polizisten hätten ihn in einen Verwahrraum gesteckt, bis seine Frau zu Hause seinen Ausweis geholt und vorgezeigt hat. Dann hätte er gehen dürfen. Erst spätabends im Bett habe er dann gemerkt, wie ihm alles weh tat. Am nächsten Morgen habe er sich im Nacken kaum mehr bewegen können. Er hat die letzten beiden Nächte nicht geschlafen. Und er hat sich einen Anwalt genommen, der Strafanzeige gegen die beteiligten Polizisten gestellt hat. Die Polizeidirektion Görlitz beurteilt das Verhalten der Polizisten als "verhältnismäßig und angemessen".

Zittauer AfD-Fraktion fordert Sonderstadtrat

Mitglieder der AfD-Fraktion im Zittauer Stadtrat haben unterdessen eine Sondersitzung gefordert, der den Polizeieinsatz während des Zittauer Stadtspaziergangs thematisieren soll. Der Oderwitzer Landtagsabgeordnete Stephan Meyer fordert eine interne Prüfung des Einsatzes innerhalb der Polizeidirektion.

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