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Alarmierend: Turow gräbt Zittau das Wasser ab

Eine neue wissenschaftliche Studie zeigt wesentlich stärkere Auswirkungen der Tagebau-Erweiterung auf die deutsche Seite auf als bisher bekannt.

Eine am Montag veröffentlichte Studie macht erstmals gefährliche Auswirkungen der geplanten Tagebauerweiterung auf das Zittauer Becken deutlich.
Eine am Montag veröffentlichte Studie macht erstmals gefährliche Auswirkungen der geplanten Tagebauerweiterung auf das Zittauer Becken deutlich. ©  Matthias Weber (Archiv)

Die geplante Erweiterung des Tagebaus Turow wird sich noch weitaus stärker und schwerwiegender auf die deutsche und tschechische Seite auswirken als bisher bekannt. Das ist das Ergebnis einer neuen wissenschaftlichen Studie, die am Montag in Zittau vorgestellt worden ist. 

Die tschechische Frank Bold Stiftung und die Umweltorganisation Greenpeace hatten den bekannten deutschen Hydrogeologen Ralf Krupp beauftragt, die grenzüberschreitenden Auswirkungen der polnischen Erweiterungspläne für die Grube Turow zu untersuchen. 

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Der Kraftwerks- und Tagebaubetreiber PGE, ein polnischer Staatskonzern, plant eine Fortführung des Braunkohleabbaus bis zum Jahr 2044. Die Grube wird dann eine Tiefe erreicht haben, die unter dem Meeresspiegel-Niveau liegt. Schon heute gräbt der Tagebau zahlreichen Anwohnern auf tschechischer Seite das Wasser ab, sind zahlreiche Brunnen ausgetrocknet. In Zukunft werden Zehntausende vom sinkenden Grundwasserspiegel betroffen sein, so die Ergebnisse der Studie.

Krupp kommt zu dem Schluss, dass die Bergbauarbeiten erhebliche Risiken für die Stadt Zittau und die umliegenden Ortschaften mit sich bringen werden. Neben der Grundwasserabsenkung seien das vor allem langwierige Belastung mit sauren Grubenwässern und Bodensenkungen im Zittauer Stadtgebiet von mehreren Zentimetern - im schlimmsten Fall sogar ein Durchbruch der Neiße in das Tagebaugebiet.

Zittaus Oberbürgermeister Thomas Zenker (Zkm) hatte die Studie von unabhängigen Fachleuten auf ihre Plausibilität hin prüfen lassen. Es habe dabei keine Einwände gegeben, so der OB. "Ich bin deshalb sehr besorgt um die Zukunft Zittaus, sollte auch nur ein Teil dieser Prognosen eintreffen", sagte Zenker am Montag auf einer Pressekonferenz im Rathaus. Aus Zittauer Sicht hätten bisher weder die deutschen Fachbehörden noch der polnische Betreiber derart drastische Folgen im Genehmigungsverfahren diskutiert, so der OB.

Erhebliche Absenkung des Grundwassers und des Bodens

Die neue Studie zeigt unter anderem eine erhebliche Grundwasserabsenkung auf: um bis zu 20 Meter. Für die Stadt Zittau und die umliegenden Orte, die im Senkungstrichter liegen, bedeutet das auch eine weitgehend irreversible Absenkung des Bodens, die in Grenznähe bis zu einem Meter betragen könnte. In der Zittauer Innenstadt wird mit einer Zunahme der Bodensenkung auf 36 bis 72 Zentimeter gerechnet. Schwere Schäden an Gebäuden sind demnach nicht auszuschließen. 

Chemische Gewässerverschmutzung der Neiße

Saure Grubenabwässer werden sich laut Studie auch auf die Wasserqualität der Neiße auswirken. Es wird schon heute eine deutlich höhere Sulfat-Konzentration gemessen, der Trend lässt sich laut Studie auch bei Cadmium, Uran und Nickel beobachten. Auch das oberflächennahe Grundwasser ist demnach vermutlich von der sauren Grubenentwässerung betroffen.

Keinerlei Konzept für die Tagebauflutung

Auch für eine spätere Rekultivierung des Tagebaus scheint die polnische Seite keinerlei fundiertes Konzept zu haben. Bisher wird vom Betreiber eine Flutungszeit des Restloches von 35 bis 37 Jahren ausgegangen. Die Studie kommt aber zu dem Schluss, dass es in Wirklichkeit fast 150 Jahre dauern wird, die riesige Grube zu fluten. 

Zudem haben die polnischen Betreiber offenbar keinerlei Konzept, wie bei der Flutung Risiken ausgeschlossen werden können. In der Studie wird befürchtet, dass der Boden während der Flutung instabil werden und einen derart kritischen Zustand erreichen könnte, das sogar mit einem Durchbruch der Neiße in den Tagebau gerechnet werden müsse - mit katastrophalen Folgen.

Deutsche Seite bereitet Beschwerde bei der EU vor

Wie von tschechischer Seite bereits erfolgt, wolle nun auch die deutsche Seite eine Beschwerde bei der EU-Kommission vorbereiten. Das erklärte Karsten Smid, Klimaexperte der Umweltorganisation Greenpeace. 

Die sächsische Europa-Abgeordnete Anna Cavazzini (Grüne) erklärte, dass Turow im Europa-Parlament bereits Thema gewesen sei und fraktionsübergreifend sehr starke Kritik am Vorgehen Polens geäußert worden ist.

So habe die polnische Seite in diesem Jahr bereits unrechtmäßig Tatsachen geschaffen: Weil die Erweiterungspläne des Tagebaus um weitere 24 Jahre bisher noch nicht genehmigt sind und die Umweltverträglichkeitsprüfung dazu noch läuft, hatte der Betreiber einen weiteren Betrieb der Grube für vorerst sechs Jahre beantragt. Die polnische Regierung hatte das ohne Einspruchsmöglichkeit der Nachbarländer genehmigt. "Das verstößt komplett gegen das EU-Recht", so Cavazzini.

Zittaus Oberbürgermeister macht auch den sächsischen Genehmigungsbehörden - dem Freistaat und dem Oberbergamt - den Vorwurf, nicht entschieden genug gehandelt zu haben. "Ich forderte die Fachbehörden des Freistaats dringend dazu auf, die Risiken erneut zu prüfen und gegebenenfalls nach dem Vorbild der tschechischen Seite auch rechtliche Schritte gegen das Vorhaben zu unternehmen", sagte er. 

Zenker verweist aber auch auf die sozialen Auswirkungen: Man habe auf deutscher Seite nicht das Recht, den Nachbarn von heute auf morgen ihre wichtigste Erwerbsgrundlage zu entziehen. "Aber der Schutz unserer Stadt und Region und ihrer Bevölkerung muss selbstverständlich vollständig gewahrt bleiben.“

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