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Was so ein "Jahrhundertbauwerk" für Probleme macht

Seit vier Jahren wird am Goldbach in Olbersdorf eine neue Stützmauer gebaut. Eine wichtige Ortsdurchfahrt ist gesperrt. Aber das ist nicht das einzig Schwierige.

Die Kokosweberei von Mario Hilger ist derzeit nicht zu erreichen. Dabei ist für den Olbersdorfer Handwerksbetrieb und Tourismusmagneten jetzt Hauptsaison.
Die Kokosweberei von Mario Hilger ist derzeit nicht zu erreichen. Dabei ist für den Olbersdorfer Handwerksbetrieb und Tourismusmagneten jetzt Hauptsaison. © Rafael Sampedro/foto-sampedro.de

An Mario Hilger ist derzeit kein Rankommen. Wer seine berühmte Kokosweberei an der August-Bebel-Straße in Olbersdorf besuchen möchte, der schafft das nur durch die Hintertür. Mario Hilger lotst seine Gäste zuerst über ein enges Gässchen, dann über ein kleines Brückchen, dann durch Nachbars Garten, und schließlich von hinten ins Haus.

Von vorne geht nicht. Da klafft der Abgrund. Direkt vor Hilgers Haustür reist ein riesiger Bagger der Firma Franke Bau gerade die Straße und das Bachbett des Goldbachs auf. Das muss sein. Dringend sogar. Sonst besteht womöglich Gefahr, dass die August-Bebel-Straße beim nächsten Hochwasser in den Bach rutscht.

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So ähnlich haben es Hilgers und die anderen Anwohner an der August-Bebel-Straße ja noch lebhaft in Erinnerung: Am 7. August 2010 wächst der kleine Goldbach binnen Minuten zu einem reißenden Strom, schießt durch die Haustüren in die Häuser und reißt die halbe Stützmauer zu den Grundstücken hin ein. Die Schäden an der Mauer werden sich im Nachhinein als so gewaltig erweisen, dass im Landratsamt - der Landkreis ist für die Kreisstraße zuständig - entschieden wird, die gesamte alte Stützwand zu entfernen und durch eine neue Stahlbetonwand zu ersetzen. Kosten: mehr als dreieinhalb Millionen Euro.

Mitarbeiter der Firma Franke Bau aus Hainewalde setzen gerade die Fundamente für die neue Stützwand vor der Kokosweberei.
Mitarbeiter der Firma Franke Bau aus Hainewalde setzen gerade die Fundamente für die neue Stützwand vor der Kokosweberei. © Rafael Sampedro/foto-sampedro.de

Inzwischen geht die Baustelle, die die Olbersdorfer ihr "Jahrhundertbauwerk" nennen, ins vierte Jahr. Es ist aber auch ein Großprojekt: Rund 300 Meter Stützwand werden am Ende neu gebaut sein. Es wird wieder neue Brücken zu den Grundstücken geben, die Gewässersohle des Goldbachs wird mit Wasserbausteinen ausgebaut sein. Die Straße wird bei der Gelegenheit auch gleich noch grundhaft erneuert und ein Fußweg gebaut. Bis zum Jahresende soll alles fertig sein. Diesmal wirklich endgültig.

Bis dahin aber muss Mario Hilger die Besucher seiner Kokosweberei im Gänsemarsch durch Nachbars Garten schleusen. Heute Nachmittag sind es 35 Leute. Für morgen sind gleich zwei Reisegruppen angemeldet. Im Sommer ist Hauptsaison bei den Hilgers, die in ihrem Haus spannende Führungen und Vorträge über ihr selten gewordenes Handwerk anbieten. Bei vielen Busunternehmen ist die Kokosweberei eine feste Adresse. Kaum ein Tag im Sommer, an dem keine Besuchergruppe kommt.

Gerade hat Mario Hilger mit dem Busfahrer der 35-köpfigen Reisegruppe telefoniert, die für heute Nachmittag angemeldet ist, und hat erklärt, bis wohin der Bus fahren kann, wo genau er die Gäste abholen wird und wie weit sie dann noch laufen müssen. "Gut, dass unser Nachbar so freundlich ist und das mitmacht", sagt Hilger und hofft, dass es nicht allzu arg wird mit dem Trampelpfad.

Nicht nur den Anwohnern der August-Bebel-Straße bereitet die Baustelle vor der Haustür so einige Probleme.
Nicht nur den Anwohnern der August-Bebel-Straße bereitet die Baustelle vor der Haustür so einige Probleme. © Rafael Sampedro/foto-sampedro.de

Auch die Friseurin gegenüber ist auf freundliche Nachbarn angewiesen. Mit ein paar Pflöcken und rot-weißem Absperrband hat sie ihren Kunden kurzerhand einen Weg über das Nachbargrundstück markiert. Über den markierten Pfad eilen jetzt auch dreimal täglich die Mitarbeiter des Pflegedienstes, die mehrere Anwohner im gesperrten Straßenabschnitts betreuen. Und natürlich die Post- und Paketboten, die sich seufzend immer wieder neue Schleichwege suchen müssen.

"Das zehrt alles ziemlich an den Nerven", seufzt auch Mario Hilger. Der Baufirma und ihren Mitarbeitern macht er keinen Vorwurf. "Die sind wirklich top", betont der Kokosweber. "Sie machen alles möglich, was irgendwie geht und finden auch für jedes Problem eine Lösung." Dabei haben Bauleiter Dirk Franke und seine Männer auch selber schon genug Probleme mit dieser Baustelle.

Baustelle ist schon 14-mal überschwemmt

Vor allem mit dem Wetter! Die vielen Gewitter und Starkregengüsse in den vergangenen Tagen und Wochen haben die Baustelle inzwischen schon 14-mal überschwemmen lassen. "Wir haben ja alle gewusst, dass dieser Stützwandbau schwierig wird", sagt Franke. "Aber dass es ausgerechnet in der Zeit, in der wir gerade die Fundamente bauen, so oft so stark regnet, ist natürlich sehr ärgerlich."

Nach dem Hochwasser vorletztes Wochenende haben die Bauarbeiter zwei Tage lang aufräumen müssen. Zeit, die im eng gestrickten Bauablaufplan fehlt. Der Geschäftsführer ist aber immer noch optimistisch, dass die Arbeiten im Zeitplan bleiben. Nicht aber im Kostenplan. Und dieses Problem ist für die Baufirma das weitaus schwierigere.

Weil alle gewusst haben, dass es sich bei diesem Projekt um eine "sehr komplexe Baumaßnahme an einem kritischen Fließgewässer und auf schwierigem Baugrund" handelt, wie es eine Mitarbeiterin des Landratsamts formuliert, und weil Baustellenflutungen dabei nicht auszuschließen sind, hatte der Landkreis als Auftraggeber eingeräumt, die dadurch entstehenden Mehrkosten zu tragen - aber erst ab einem Pegelstand von einem Meter, erklärt Dirk Franke. "Uns flutet das Wasser aber schon bei 40 Zentimeter die Baugrube", sagt der 42-Jährige. Ob der Landkreis da im Nachhinein mit sich reden lässt? Franke holt tief Luft und zieht die Augenbrauen hoch. Schweigen ist auch eine Antwort.

Zum Hochwasser kommen die Materialprobleme. Franke-Bau geht es da nicht anders als anderen Baufirmen. Gerade ist beispielsweise das Harz für die Bauwerksabdichtung nicht lieferbar. Das einzige Ersatzmittel, das es gerade gibt, ist um ein Vielfaches teurer. Der Baustahl für die Bewährungen kostet inzwischen doppelt so viel als Franke kalkuliert hatte. "Auf den Kosten werden wir wohl sitzenbleiben", ahnt der Geschäftsführer. Trotzdem ist er mit dem Ablauf zufrieden: Bis zum Bauende fehlen noch sechs Segmente. Dann sollte das Jahrhundertbauwerk geschafft sein.

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