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Zittauer dürfen nicht ans Zittauer Gymnasium

Fünf Schüler sollen nach Seifhennersdorf fahren. Das hat es noch nie gegeben.

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Von Thomas Mielke

Leon Zieboll hat es geschafft: Seine Noten sind in der fünften Klasse so gut geworden, dass der Junge aus Zittau von der Park-Oberschule auf das Gymnasium wechseln darf. Seine Eltern haben ihn deshalb für die im Sommer startende sechste Klasse am genau einen Kilometer von zu Hause entfernten Christian-Weise-Gymnasium angemeldet. Doch die Schule lehnt Leon ab: In den vier Klassen des Jahrgangs lernen bereits 112 Schüler. 28 pro Klasse. Mehr dürfen es laut sächsischem Schulgesetz nicht sein. Stattdessen soll er ans Oberland-Gymnasium Seifhennersdorf gehen. Aus 13 Minuten zu Fuß würden so laut Zvon-Fahrplan mindestens 59 Minuten Schulweg – im Idealfall und in eine Richtung.

Matthias Zieboll hat seinen Sohn Leon auf dem Weise-Gymnasium angemeldet. Von der Ablehnung ist der Pastor enttäuscht. Dabei kennt sein Sohn doch viele der künftigen Gymnasiasten schon aus seiner Grundschulzeit und vom Fußballtraining. Ihn nach Seifhenner
Matthias Zieboll hat seinen Sohn Leon auf dem Weise-Gymnasium angemeldet. Von der Ablehnung ist der Pastor enttäuscht. Dabei kennt sein Sohn doch viele der künftigen Gymnasiasten schon aus seiner Grundschulzeit und vom Fußballtraining. Ihn nach Seifhenner © Matthias Weber

Dieselbe Empfehlung haben auch Aliya Herfurth, Amelia Burbo und Helena Krüger bekommen. Die drei kleinen Zittauerinnen gehen noch in die vierte Klasse der Lessing- beziehungsweise der Buschschule, haben wie Leon die Bildungsempfehlung für das Gymnasium bekommen – und sind abgelehnt worden. Allerdings sind sie nach dem offiziellen Stichtag im März angemeldet worden. Aliyas Mama trug sich mit dem Gedanken, wegzuziehen. Doch das Vorhaben zerschlug sich, sodass die Anmeldung erst nach dem Stichtag relevant wurde. Amelia sollte am freien Herrnhuter Gymnasium lernen. Aber unter Tränen hat sie ihre Eltern erweicht, dass sie doch mit den anderen aus ihrer Grundschulklasse ans Zittauer Gymnasium wechseln darf, erzählt die Mama der SZ. Bis diese Entscheidung bei Familie Burbo fiel, war der Stichtag vorbei. Helena hat erst in den letzten Tagen die Bildungsempfehlung für das Gymnasium bekommen. Ihre Eltern konnten sie gar nicht eher anmelden, sagt der Vater. Auch ein weiterer Zittauer, der erst im November auf das Gymnasium gehen will, hat schlechte Karten.

Dass Zittauer Kinder nicht am Zittauer Gymnasium lernen dürfen, hat es noch nie gegeben. Das bestätigen die Bildungsagentur Bautzen und Elternratschef Mathias Mengel. Ob in der 430-jährigen Geschichte ist unklar, aber zumindest seit der Wende.

Bisher gab es mindestens vier Klassen pro Jahrgang. Diesmal hat die Bildungsagentur entschieden, dass die neue fünfte Klassenstufe nur drei haben soll. „Am Christian-Weise-Gymnasium Zittau haben sich 84 Schüler mit einer Bildungsempfehlung für die Schulart Gymnasium angemeldet“, erklärt Angela Ruscher, Sprecherin der Behörde. Vorschriftsgemäß wird für die Klassenbildung die Anzahl der angemeldeten Schüler durch den laut sächsischem Schulgesetz höchstzulässigen Klassenteiler – 28 Schüler pro Gymnasialklasse – geteilt. Für das Christian-Weise-Gymnasium bedeutet das: 84 Schüler durch 28 macht genau drei Klassen. Mit der größtmöglichen Klassenstärke. Ohne Platz für Nachrücker.

Dazu kommt, dass sich die Agentur laut Frau Ruscher immer Regionen und nicht nur einzelne Schulen ansieht. Im Dreiländereck sind das Zittau und Seifhennersdorf. Da am Oberland-Gymnasium aber in den drei neuen fünften Klassen noch 23 Plätze bis zu den 84 maximal möglichen Schülern frei sind, sieht die Agentur keinen Handlungsbedarf. Schließlich soll sie verantwortlich mit dem Einsatz der Lehrer, also dem Geld des Freistaates, umgehen.

Eine Lösung für die betroffenen Kinder wäre laut Frau Ruscher, wenn sich bis zum Schuljahresbeginn noch mehr Kinder für die beiden Gymnasien anmelden als offene Plätze da sind. Wären es mehr als die 23, wäre der Höchstklassenteiler überschritten, und es müsste eine weitere Klasse eingerichtet werden. Die Wahrscheinlichkeit, dass es so kommt, sei aber gering, gibt sie zu. In Leons Fall ist das schon so gut wie ausgeschlossen: In den neuen sechsten Klassen müssten sich gar 31 zusätzliche Schüler anmelden, damit eine neue Klasse gebildet werden dürfte.

Eine andere Lösung: Die Schulkonferenz des Weise-Gymnasiums beschließt, dass der Höchstklassenteiler von 28 außer Kraft gesetzt wird. Dann würden die fünf Zittauer Kinder in Klassen mit 29 Schülern gehen. Tatsächlich hat die Bildungsagentur der Schule diesen Vorschlag gemacht. „Die Schulkonferenz hat aber beschlossen, dass wir uns nicht auf dieses dünne Eis begeben wollen“, sagt Elternsprecher Mathias Mengel. Abgesehen davon, dass die Eltern schon 28 Kinder pro Klasse für zu viel halten: Sie würden das sächsische Schulgesetz aushebeln. Zudem verbieten laut Mengel eine ganze Menge Gründe wie der Brandschutz und die Größe der Räume im Weise-Gymnasium diese Möglichkeit.

Eine dritte Lösung wäre die Umlenkung von Schülern aus dem Umland zugunsten der Zittauer nach Seifhennersdorf. Tatsächlich gibt es Oderwitzer und Großschönauer, die als Zweitwunsch das Oberland-Gymnasium angegeben haben. Der Schuldirektor hat beim ersten Elternabend für die neuen fünften Klassen auch dazu aufgerufen, dass sich Eltern melden sollen, wenn sie ihre Kinder freiwillig nach Seifhennersdorf schicken würden. Nach SZ-Informationen hat sich bis gestern allerdings niemand auf den Aufruf gemeldet. Auf Nachfrage verwies er an die Sprecherin der Bildungsagentur. Frau Ruscher sagt, dass der Direktor für die Umlenkung zuständig ist. Die Eltern der betroffenen Kinder sind verzweifelt. Amelias Mama fragt: „Warum muss mein Kind so weit fahren?“ Leons Vater, Pastor Matthias Zieboll, sieht die Bildungschancen seines Sohnes beschnitten, wenn er auf die Oberschule gehen muss. Der weite Weg nach Seifhennersdorf kommt für ihn nicht infrage. Katja Herfurth, Aliyas Mama, sieht das ähnlich und sagt: Bevor ihre Tochter täglich bis nach Seifhennersdorf fahren muss, geht sie lieber in Zittau auf die Oberschule. Auf ein Wort