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Zu laut fürs Zentrum?

In der Neustadt beschweren sich Anwohner über Lärm. Im Industriegebiet entsteht indes eine neue Location für Konzerte.

© Sven Ellger

Von Sarah Herrmann

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Die Dresdner Clublandschaft lebt. Da ist sich Oliver Tschentscher sicher. Nur halt eben mehr am Stadtrand. „Im Industriegebiet ist so etwas ohnehin besser aufgehoben“, sagt Tschentscher und lässt seinen Blick über die Diskotheken im Industriegebiet schweifen. Er will dort demnächst die Türen zum „Loco Club“ öffnen. Der wird neben anderen Einrichtungen in den späten Abendstunden Bässe wummern lassen. Ärger gibt es inmitten von Produktionshallen und Firmensitzen kaum. Anders ist die Lage in der Neustadt.

Dort musste Ende 2017 der Kellerclub „Sabotage“ schließen. Sechs Jahre wurde auf der Bautzner Straße vor allem elektronische Musik gespielt. „Es war schon immer eine konfliktreiche Situation, einen Club mitten im Wohngebiet zu betreiben“, sagte Chef Christoph Töpfer der SZ damals. Jahrelang habe er in Gesprächen mit den Nachbarn aber immer Lösungen gefunden. Zugezogene hätten daran kein Interesse gehabt. Gentrifizierung wurde im Viertel schon für das Aus anderer Lokale verantwortlich gemacht. Sich vertreiben zu lassen, kam für Töpfer nicht infrage. Kultur gehöre ins Zentrum. Die Suche nach einem neuen Standort blieb bisher erfolglos.

„Es ist schwer, die Ansprüche der Gäste an Musik und ihre Lautstärke in einem Wohnviertel zu realisieren“, sagt auch Tschentscher. „Es gibt Musikrichtungen, die von Bässen leben. Das ist nur schwer zu regulieren.“ Der 41-Jährige spricht aus Erfahrung. Fünf Jahre hat er auf der Görlitzer Straße im Herzen der Neustadt das „Metronom“ betrieben. Damals habe er viele Gespräche mit den Anwohnern geführt. Im Industriegebiet sei das anders, sagt der Veranstalter – abermals aus Erfahrung. Ende 2016 eröffnete er das „Konk“ im Eventwerk. „Dort konnte ich mich aber aus persönlichen Gründen nicht weiter verwirklichen.“ Deshalb zog Tschentscher sich zurück und tüftelte an einem Konzept für eine neue Örtlichkeit. Vor allem Rock-Bands aus allen Sparten sollen im neuen „Loco Club“ auftreten. Seit Anfang Januar wird dafür eine Bühne in den Club „Paula“ auf der Meschwitzstraße eingebaut.

Zwei separate Eingänge und Konzepte , ein Raum – so sieht die Idee der beiden befreundeten Party-Unternehmer aus. „Meine Konzerte gehen maximal bis Mitternacht. Anschließend können Paula-Gäste wie gewohnt zu elektronischen Klängen feiern“, erklärt Tschentscher. Am 16. Februar ist große Eröffnungsfeier mit vier Bands und drei DJs, die die Bässe dann ordentlich aufdrehen. „Ich habe mir vorher lange Gedanken gemacht, welcher Ort für kleine Live-Konzerte sinnvoll ist.“ Das bedeute aber nicht, dass es eine Clubkultur nur noch am Stadtrand geben kann.

Das beweist das „Kraftwerk Mitte“, in dem Tschentscher seit Ende vergangenen Jahres Veranstaltungen organisiert. An diesem Sonnabend holt er Techno-DJs der 90er-Jahre in das Stadtzentrum, die vor allem den Besuchern der Love-Parade ein Begriff sein dürften. Dass sich die Anwohner im Umfeld nicht über die Bässe der Techno-Größen beklagen, glaubt Tschentscher nicht. „Die Halle ist perfekt schallisoliert.“ Die Stadt verfolgte von vornherein das Ziel, das Gebiet zur Kulturzone zu machen.

„Über Verkauf und Vermietung sollen sich Unternehmen und Akteure der Kulturwirtschaft ansiedeln, ebenso Restaurants und weitere Dienstleister. So wandelt sich die Industriefläche nach und nach zu einem lebendigen Standort, in dem die Kultur den Ton angibt“, heißt es auf der Internetseite der Landeshauptstadt. Zu diesem Konzept passen auch die Neubauten für Staatsoperette und Theater Junge Generation. Ohnehin setzt die Stadt – auch im Rahmen der Kulturhauptstadtbewerbung – darauf, die Angebote in diesem Bereich auszubauen. Ein Instrument ist der Kulturentwicklungsplan. Der lässt ein Kapitel über Clubkultur allerdings vermissen. Denn diese Einrichtungen gelten derzeit als Vergnügungs- und nicht als Kulturstätten.

Das will die Live-Musik-Kommission, der Verband der Musikspielstätten in Deutschland, ändern. „Clubkultur ist Lebensqualität, Motor von Stadtentwicklung und bereichert unsere Städte und Regionen“, heißt es auf der Internetseite. Bewahren könne man sie durch die Einrichtung von Kulturgebieten, in denen die Nachtruhe deutlich später als 22 Uhr beginnt und in denen die Lautstärkegrenzen dann bei 70 Dezibel liegen. Derzeit sind in Wohngebieten 40 Dezibel erlaubt, kaum lauter als ein Flüstern. Auch Investoren müssten beim Bau von Wohnungen Rücksicht nehmen. Dass es deutschlandweit Spannungen zwischen Wohnen und Feiern gibt, zeigt eine Liste auf der Internetseite des Vereins. Dort werde Einrichtungen aufgezählt, die vor dem Aus stehen. So drohen derzeit in der „Alten Zuckerfabrik“ in Rostock sowie im „Stellwerk Hamburg“ Schließungen.

Oliver Tschentscher wohnt übrigens gerade wegen des „urbanen Flairs“ in der Neustadt. Vielleicht sei gegenseitige Rücksichtnahme der Schlüssel, damit die Clublandschaft nicht nur am Stadtrand lebt.