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Zum ersten Angriff bitte ohne Blaulicht

Skimming, das Ausspähen von Geldautomaten, hat Hochkonjunktur. Im Kampf dagegen ist die Dresdner Polizei führend – vor allem dank Hauptkommissar Steffen Schmieder.

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Verdutzt beobachten Passanten, was sich vor ihrer Nase abspielt – mitten in der Dresdner Innenstadt. Bewaffnete, mit Sturmhauben vermummte Männer stürmen in ein Einkaufszentrum und überwältigen zwei Verdächtige vor einem Geldautomaten.

Die Beamten – Zivilpolizisten vom Mobilen Einsatzkommando (MEK) des Landeskriminalamts Sachsen – sind nicht zimperlich. Vor dem Café in der Altmarkt-Galerie fliegen Stühle, ehe die Täter gefesselt auf dem Boden liegen. Wieder hat die Polizei mutmaßliche Betrüger gefasst, die Geldautomaten manipulieren, um Kontodaten und Pin-Nummern auszuspähen. In Dresden jedoch hatten sie Pech.

„Skimming“ nennt Hauptkommissar Steffen Schmieder diese Masche, hinter der ausschließlich osteuropäische Banden stecken. Der 51-Jährige von der Dresdner Kripo hat mit seinem Kollegen Christoph Viertel schon Dutzenden Tätern das Handwerk gelegt. Das unterscheidet die beiden Ermittler von den meisten ihrer Kollegen in ganz Deutschland. In der Landeshauptstadt ist das Entdeckungsrisiko beim Skimming am höchsten.

60 Millionen Euro Schaden

Weltweit räumen die Banden aus Bulgarien und Rumänien Konten ausgespähter Bankkunden ab. Dazu stellen sie Kopien der EC-Karten her – mit den ausgespähten Daten. 2009 wurden deutsche Banken um rund 40 Millionen Euro gebracht. Voriges Jahr waren es schon rund 60 Millionen. Genau weiß das nicht einmal die Polizei, denn die Versicherungen der Banken nennen keine offiziellen Zahlen mehr.

2009 gab es in Sachsen 53 Angriffe, 2010 waren es 55 – demgegenüber sank die Zahl in Dresden jedoch von 32 auf zwölf. Schmieder und Viertel verhafteten im Herbst 2009 gleich dreimal rumänische und bulgarische Skimming-Teams auf frischer Tat. Insgesamt ermittelten sie da sogar 19Verdächtige. Auch in diesem Jahr gab es in Dresden noch kein Dutzend Angriffe, aber mehrere Festnahmen.

„Die jetzt verhafteten Männer waren als ,Läufer‘ für das Ausspähen zuständig“, sagt Schmieder. Der Bulgare und der Pole sitzen in U-Haft – wegen des Verdachts des bandenmäßigen Betrugs. Einen besseren Zeitpunkt für den filmreifen Zugriff am Freitag vor 14 Tagen in der Altmarkt-Galerie hätte sich Schmieder nicht wünschen können. An dem Wochenende begann in Prag eine Konferenz über Strategien zur Bekämpfung der grenzüberschreitenden organisierten Kriminalität (OK), veranstaltet von der Generalstaatsanwaltschaft Sachsen. Ein Hauptthema: der Kampf gegen Skimming mit Steffen Schmieder als Experten und einem Staatsanwalt der OK-Abteilung, der ungenannt bleiben will.

Die Dresdner Erfahrungen zeigen, wie Skimming beizukommen ist: Bankkunden müssen informiert sein, um manipulierte Automaten zu erkennen. Die Polizei muss wissen, dass sie beim ersten Angriff den Tatort unauffällig beobachten muss. „Andernorts fährt noch immer die Schutzpolizei mit Blaulicht vor, wenn eine Manipulation bekannt wird“, sagt Schmieder. „Dann sind die Täter weg.“

Auch das MEK muss schnell bereitstehen. Schmieder: „Ein Anruf, und in einer Stunde sind sie da.“ Das sei sonst nicht üblich. Nicht zuletzt sind auch die Banken im Boot. So hat die Ostsächsische Sparkasse alle ihre Automaten durch weniger angreifbare Geräte ersetzt – auch das half, Taten zu verhindern.

Das „Dresdner Modell“

Hinter diesen Ansätzen – und ein paar anderen, über die er nicht so gerne sprechen will – steckt vor allem Hauptkommissar Schmieder. Seit 2009 reist er viel, hält Vorträge, um Banker und Polizisten schlau zu machen. Als er vom letzten Dresdner Angriff erfuhr, kam er gerade von einem Jahrestreffen der Zahlungskarten-Industrie in Heppenheim zurück.

Auch die Staatsanwaltschaft ist besonders vorbereitet. In Dresden ist das ein einziger OK-Strafverfolger, auf dessen Tisch automatisch jeder Skimming-Fall landet. Er allein ermittelt, verfolgt, klagt an. Nach einem Angriff beantragt er sofort eine Handy-Funkzellenabfrage. So kommt er sehr schnell an Verdächtige. Er veranlasst auch, dass DNA-Spuren, die in Skimmern gefunden werden, europaweit abgeglichen werden – das brachte schon manchen Treffer.

Das sind nur einige Säulen des „Dresdner Modells“, wie es Schmieder in Prag Staatsanwälten und Polizeichefs aus 26 Staaten vorstellte. Im Kern geht es um effiziente Ermittlungen ohne riesige Sondereinheiten. In Prag wird nun am nächsten Pfeiler gearbeitet: der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit, um Hintermänner zu erwischen. Für November hat Schmieder eine Einladung von Europol. Es geht um einen konkreten Fall.