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Zum Lachen in den Bus

Comedian Andrea Müller nimmt Gäste auf eine humorvolle Tour durch Dresden mit. Für sie selbst ist das auch eine Art Therapie.

© René Meinig

Von Jana Mundus

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Wenn die Ferne ruft

Nur zwei Stunden von Dresden entfernt befindet sich der größte internationale Flughafen der Tschechischen Republik, mit jeder Menge aufregender Ziele.  

Zum Ausflippen bleibt nur wenig Platz. Ein Sitzplatz für jeden. Während Andrea Müller im Gang des Reisebusses mit Mikrofon in der Hand Roland Kaisers „Joanna“ besingt, feiern die Gäste im Bus mit. Karaoke für alle – nur einer der Programmpunkte bei der „Comedy Tour“. Seit April begleitet Andrea Müller als humorvolle Reiseführerin die Mitfahrenden auf dieser Rundfahrt durch Dresden. Dass es Zeiten gab, in denen sie nicht lachen konnte, dass es Jahre gab, in denen sie nicht unter Menschen sein wollte, ahnt auch an diesem Abend niemand im Bus. Aus diesem Kapitel ihres Lebens macht sie aber kein Geheimnis. „Weil es eine Geschichte ist, die anderen Mut machen soll“, sagt die 43-Jährige.

Eigentlich weiß sie schon mit 13 Jahren, dass sie auf die Bühne will. Doch sie ist wohlerzogen und hört auf die Eltern. „Ich sollte etwas Vernünftiges studieren.“ Nach dem Abitur beginnt sie also eine solide Beamtenlaufbahn, wird Rechtspflegerin am Gericht in Bad Liebenwerda. Viel ist zu tun, der Berufsalltag ist stressig. Im Gerichtssaal hört sie sich die Probleme ihrer Mitmenschen an, begegnet vielen in großen Krisen. Vor sechs Jahren gerät sie selbst in eine. „Es kam ganz plötzlich. Ich brach völlig zusammen, war nicht mehr ich“, erinnert sie sich. Totaler Burn-out. „Ich saß da, war vollkommen hilflos und konnte mir nicht mal die Schuhe zubinden.“ Wie sich so etwas anfühlt, sei nur schwer zu beschreiben. Sie beginnt eine Therapie, um raus aus diesem Tal zu kommen. Doch nur langsam geht es voran. Mit ihrem Mann und den drei Söhnen lebt sie damals bei Finsterwalde. Eine schlimme Zeit sei das für alle gewesen. Mit Ende 30 ist sie nicht mehr arbeitsfähig, geht in den Ruhestand. „Schlimm war für mich, wenn ich Bekannte auf der Straße traf. Den Burn-out sah man mir äußerlich ja nicht an.“ Das Gefühl, die Leute könnten über sie tuscheln, schlecht über sie reden, belastet sie zusätzlich. „Ich wusste, wenn ich wieder gesund werden will, muss ich da weg.“

Von null auf Bühne

Seit 2013 wohnt die Familie in Weinböhla. Das Leben kehrt langsam wieder zu Andrea Müller zurück. Ihre neue Nachbarin Daniela Kreißig ist Coach, unterstützt Unternehmer. Über den Gartenzaun hinweg kümmert sie sich auch um Andrea Müller. „Zur Geburtstagsfeier ihres Mannes sollte ich ein kurzes Programm gestalten.“ Als Putzfrau verkleidet, unterhält sie die Gäste. Viele meinen danach: Die gehört auf die Bühne. „Ich dachte, in den nächsten ein, zwei Jahren könnte ich ein Comedy-Programm schreiben.“ Ihre Nachbarin lässt ihr nicht so viel Zeit und engagiert sie für ein Fest anderthalb Monate später. „Ich hatte keinen Text, keine Ideen und sechs Wochen.“

Doch der Wille ist da, es hinzukriegen. Also schreibt sie, meldet sich zu einem Workshop bei der bekannten Kabarettistin Lisa Fitz in München an. Der erste Kurstag – eine Katastrophe. Lisa Fitz nimmt ihren Text auseinander, meint, mit der Karriere als Comedian wird es eher nichts. Doch Andrea Müller gibt nicht auf. In der Nacht schreibt sie eine neue Version und stellt sie am zweiten Tag vor. Lisa Fitz ist beeindruckt. „Sie meinte, wenn ich so eine Kritik über Nacht in etwas Gutes verwandeln kann, wird es doch was.“

Als „Frau Andrea“ steht sie am darauffolgenden Wochenende auf der Bühne. Total aufgeregt, aber auch total glücklich. Sie erzählt von ihrer Bettleiche, ihrem Ehemann. Alles nur ausgedacht, aber die Pointen sitzen. Die Leute lachen. „Danach wusste ich, dass ich das unbedingt auch in Zukunft machen will.“ Die Anfragen trudeln immer häufiger ein: Geburtstage, Hochzeiten, Firmenfeste. Überall wird sie als Comedian gebucht. Um noch sicherer auf der Bühne und vor der Kamera zu werden, bewirbt sie sich als Darstellerin bei Pseudo-Doku-Soaps, wie sie bei vielen Fernsehsendern laufen. Mal ist sie eine besorgte Mutter, mal eine Barbesitzerin. „Bei den Dreharbeiten lerne ich viel, das mir hilft.“

Sie meldet sich auch bei einem Onlineportal für Künstler an. Dort liest sie die Stellenanzeige der „Comedy Tour“. Für die Fahrt durch Dresden wird ein Schauspieler gesucht. Sie schreibt eine Mail: „Hört auf zu suchen. Hier bin ich.“ Das sitzt. Schauspieler und Comedian Cem-Ali Gültekin, bekannt aus „Tatort“ oder „Extra 3“ und Chef der Tour, gibt ihr eine Chance. „Er hatte noch nie mit jemandem zusammengearbeitet, der so wenig Erfahrung hatte wie ich“, erzählt Andrea Müller. Für die 90-minütige Tour gibt es einen vorgefertigten Text. In drei Wochen lernt sie 30 Seiten auswendig und steht schon im April zum ersten Mal im Bus. „Ein irres Gefühl.“

Mit Lachen helfen

Im Bus ist sie Andrea, auf anderen Bühnen „Frau Andrea“. Letztere hat viel vor. Mithilfe eines Kollegen soll ein Programm entstehen, mit dem sie auf Tour gehen kann. Großes Ziel: damit im Jahr 2020 in der Dresdner Messehalle auftreten. Die schweren Zeiten ihres Lebens vergisst sie bei all dem nicht. Immer wieder spricht sie vor Menschen darüber, um ihnen Mut zu machen. Sie will helfen. Auch mit einer anderen Aktion. Am 31. August rollt die „Comedy Tour“ zugunsten eines Buchprojekts durch Dresden, das krebskranke Kinder unterstützt. Die Einnahmen aus zwei Fahrten werden gespendet. Nach nur vier Monaten hat sie die Tour-Macher dafür begeistern können. „Wenn ich was will, bin ich sehr überzeugend“, sagt sie und lacht.

www.frauandrea.de

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