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Zwischen Kleinkram und Katastrophe

Bei der Notrufnummer „110“ der Polizeidirektion Görlitz gehen täglich rund 200 Anrufe aus der ganzen Oberlausitz ein. Ein Report aus dem Lagezentrum.

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© nikolaischmidt.de

Von Frank Seibel

Görlitz. Ein Knall, ein Klirren, ein Schrei. So hört sich ein Unfall auf der Bundesstraße zwischen Hirschfelde und Ostritz an. 20 Kilometer entfernt kommt davon ein heiseres Blubbern in einem großen, halbdunklen Raum an. Dietmar Dubsky dreht den Kopf, schaut nach rechts auf eine Anzeige neben dem Telefon. Die Zahl „103“ erscheint dort und rutscht sofort ins Kästchen darunter.

Dietmar Dubsky schaut über die Reihe von vier Bildschirmen, die wie eine leicht gewölbte Wand vor ihm hängen. Vorne links hat ein Kollege den Notruf Nummer 103 an diesem Tag entgegengenommen. Ein paar Minuten später füllt sich ein Feld auf dem zentralen Bildschirm des Ersten Polizeihauptkommissars: Unfall zwischen Lkw und Krad, eine Person schwer verletzt, aber ansprechbar, sitzt am Straßenrand. Der Verkehrsunfalldienst der Polizei macht sich auf den Weg, die Bundesstraße muss vorübergehend voll gesperrt werden. Von der Aufregung draußen an der Bundesstraße ist hier nichts zu spüren. Nur konzentrierte Ruhe und Fakten, Fakten, Fakten. Die Dramen des Lebens werden hier auf Codes und Stichworte reduziert. Der verletzte Motorradfahrer bekommt hier die Kennziffer 02, weil er nach ersten Erkenntnissen nicht der Verursacher des Unfalls ist, sondern das Opfer.

103 Notrufe zwischen Mitternacht und halb vier am Nachmittag. „Heute ist ein eher ruhiger Tag“, sagt Dietmar Dubsky, der schon fast zehn Stunden Arbeit hinter sich hat. Zehn Stunden Stehen an einem breiten Tisch, vier Monitore vor der Nase, eine Telefonanlage mit vielen eingespeicherten Nummern aus der gesamten Oberlausitz: die einzelnen Reviere, die Fachgebiete in der Polizeidirektion, der Polizeipfarrer, Stadtwerke und Energieversorger ... Insgesamt sechs solcher Arbeitsinseln sind in dem halb verdunkelten Raum verteilt, die von Dietmar Dubsky ist in der Mitte. Denn er ist in dieser Schicht der Chef des Führungs- und Lagezentrums in der Polizeidirektion Görlitz. Hier, wo der „Polizeiruf 110“ ankommt, mal 200-mal innerhalb von 24 Stunden, mal 230- oder 250 mal.

Außer dem Polizeiführer vom Dienst, PvD genannt, arbeiten an diesem Nachmittag vier weitere Beamte in blauen Hemden an ihren Inseln. Jeder hat einen Kopfhörer samt Mikrofon auf dem Kopf, denn in der Notrufzentrale müssen beim Telefonieren die Hände frei sein zum Schreiben und zum Klicken. Jeder hat eine Kladde im Din-A4-Format vor sich, in die er zunächst mit der Hand die wichtigsten Angaben notiert. Die andere Hand kann Karten auf einen Monitor ziehen, die den Ort anzeigen, von wo gerade ein Notfall gemeldet wird. Dietmar Dubsky und seine Kollegen haben im neuen Führungs- und Lagezentrum in Görlitz die gesamte Oberlausitz im Blick; an diesem Nachmittag ganz besonders Bautzen. Eine Kundgebung gegen Fremdenfeindlichkeit, aus Dresden hat sich ein Minister angekündigt. Es gibt Gerüchte über „rechte“ Gegendemos, deshalb ist die Polizei vor Ort stark vertreten. Auf dieses Ereignis konzentriert sich der Polizeiführer, liest die ständig aktualisierten Einträge im Computer genau: Die Veranstalter bauen erste Stände auf, rings um das Gelände ist alles ruhig, keine Hinweise auf Störungen.

Mittlerweile haben die Telefone noch ein paar Mal geblubbert. Anruf Nummer 113: In Weißwasser wurde ein Ladendieb erwischt; ein Polizist aus dem Lagezentrum ruft das dortige Revier an, damit es eine Streife zum Supermarkt schickt und die Personalien aufnimmt. „Ein simpler Auftrag“, sagt Dietmar Dubsky. Aber immerhin, kein Stillstand, immer was zu tun. Das ist nicht unwichtig in Stunde elf und zwölf einer Schicht, wenn die Müdigkeit sich langsam festsetzt. Ob der Ladendieb ein Deutscher ist oder ein Ausländer, ein Asylbewerber vielleicht, das steht nicht in der knappen Meldung auf dem Bildschirm. Für die Arbeit hier im Lagezentrum tut das auch nichts zur Sache.

Sachlichkeit und Ruhe sind entscheidend in der Schaltzentrale der Polizei. Innerhalb von Sekunden müssen die Beamten entscheiden, welche Hilfe vor Ort nötig ist. Reicht ein Streifenwagen? Müssen Kriminaltechniker mitkommen, um im Falle eines Verbrechens den Tatort zu begutachten? Von hier aus müssen die Beamten auch entscheiden, zu welchem Unfall die Kollegen zuerst ausrücken. Auch dafür gibt es Kennziffern. Für einen „5er“-Unfall müssen die Polizisten streng genommen gar nicht hinfahren. Diese Ziffer steht für einfache Blechschäden und keine Verletzten. „Wenn die Beteiligten sich einig darüber sind, wer am Unfall schuld ist, können sie das vor Ort selbst regeln“, sagt Dubsky. „Da müssen wir gar nicht erst kommen.“ Aber wenn Polizei gewünscht wird, kommt natürlich eine Streife vorbei.

In Bautzen beginnt derweil die Kundgebung an der Friedensbrücke. Die Frühschicht im Lagezentrum geht in ihre letzte Stunde. Alle Beamten telefonieren, aber alles läuft routiniert ab, nichts Besonderes. Aber keiner weiß, ob in der nächsten Minute etwas Außergewöhnliches passiert. Dietmar Dubsky hat das gerade erst erlebt. Nachtschicht in den Sonntag hinein. Die Schicht geht in die letzten Runden, die Nacht war bislang völlig normal. Plötzlich früh um halb vier: Der Husarenhof in Bautzen brennt, viele Schaulustige sind da, ein paar applaudieren. Das war zwar vor allem ein Fall für den Notruf „112“, der bei der Rettungsleitstelle in Hoyerswerda eingeht; von dort werden Feuerwehr und Krankenwagen losgeschickt. Aber bei solch einem Großeinsatz muss die Polizei vor Ort sein und die Szenerie absichern – und in diesem Fall gegen Pöbler und Störer vorgehen.

Und bei solch einem Ereignis, das Schlagzeilen machen wird in den Medien, müssen nicht nur Beamte vor Ort geschickt werden. „Ich habe auch den Polizeipräsidenten angerufen und geweckt“, sagt Dubsky. Sein Kollege Dirk Pexa erinnert sich später an seine stressigste Situation: In Görlitz ist ein Tiger aus dem Zoo abgehauen und im Wohngebiet unterwegs; ganz in der Nähe eine Kindergartengruppe. „Da mussten wir sehr schnell werden und alles in Bewegung setzen.“

Für den Kollegen an der Insel vor dem Chef geht die Schicht lebhaft, aber etwas kurios zu Ende. Neun Minuten lang hat er einen Herrn aus Löbau am Ohr. „So, Sie werden von Ihrem Nachbarn bedroht?“, fragt der Polizist ruhig. „Ach, Ihr Nachbar ist jetzt gar nicht da ...“ So kommt Stück für Stück eine ziemlich normale Nachbarschaftskiste heraus, der Mann aus Löbau hört gerne laute Musik, der Nachbar klingelt dann und wann und beschwert sich, und Begegnungen im Treppenhaus fallen nicht sonderlich herzlich aus. „Auf gut Deutsch: Ihr Nachbar geht Ihnen einfach auf den Sack“, sagt der Beamte und schmunzelt ein bisschen. „Passense mal auf, da wird es am besten sein, wenn Sie mit ihm mal vernünftig reden. Dann regelt sich das schon.“ Und überhaupt müsse es ja nicht sein, dass man die Musik so laut macht, dass die zwanzig anderen Parteien mithören können. Auch das ist typisch 110: Nachbarschaftsstreitereien, die keine Fälle für die Polizei sind.

Wenn sich etwas verändert hat in den vergangenen Jahren, sagt Dietmar Dubsky, dann die Verwahrlosung mancher Leute. „Das wird immer schlimmer“, sagt der Polizeiführer, der seit 2002 in dieser Funktion arbeitet. Vor allem der zunehmende Alkoholmissbrauch bereitet ihm Sorgen. Nachmittags gehen Ladendiebstahl und Körperverletzung oft Hand in Hand. Betrunkene, die erwischt werden, sich wehren und dabei Verkäuferinnen verletzen. Das sei ein Klassiker im Tagesgeschäft der Polizei, sagt Dubskys Kollege Plexa. Wenn er um 18 Uhr die Nachtschicht übernimmt, kann er sich fast immer darauf verlassen, dass der Alkohol die Ursache für etliche Einträge im Einsatzverzeichnis sein wird. Es sei denn, im Fernsehen läuft Fußball. Dann ist für 90 Minuten Ruhe.