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Zwischen Kulleraugen und Drama

Familie Hanspach hält in Bernstadt Alpakas. Die erste Geburt auf dem Hof endete in schlaflosen Nächten.

© Matthias Weber

Von Susanne Sodan

Bernstadt. Nichts Besonderes zu sehen, zumindest von außen. Der Stall, ein Flügel des Vierseithofes in Altbernsdorf, trägt grauen Putz. Früher wurden hier Rinder und Pferde gehalten. Aber der Geruch und die Geräuschkulisse passen nicht recht zum Bild. Kein Muhen, kein Meckern – es ist still. Es riecht nach Heu, nicht nach Rindern. Linda Hanspach öffnet eine der großen Flügeltüren. Mistgabeln gibt es hier bestimmt irgendwo. Was aber viel mehr ins Auge fällt: Von der Decke baumeln Hängesessel. „Wir sitzen hier einfach gerne und schauen ihnen zu“, sagt Linda Hanspach. Im Stall kommt Bewegung auf, Hufe trappeln auf Heu. Und plötzlich blickt man zehn große, schwarze Kulleraugenpaare: Alpakas.

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Melisandre heißt das Fohlen im Bild.
Melisandre heißt das Fohlen im Bild. © Matthias Weber
Die Alpakas haben im Leben von Linda, Michael, Liane und Leon Hans-pach einiges geändert. Bei den Urlaubsplänen geht es ganz nach den Tieren.
Die Alpakas haben im Leben von Linda, Michael, Liane und Leon Hans-pach einiges geändert. Bei den Urlaubsplänen geht es ganz nach den Tieren. © Matthias Weber

Seit 2014 hält Familie Hanspach Alpakas auf ihrem Hof im Bernstädter Ortsteil Altbernsdorf. „Eigentlich hat unser Sohn damit angefangen“, erzählt Liane Hanspach. „Er hatte als erstes die Idee, dass wir uns wieder Tiere zulegen könnten.“ Die anderen Familienmitglieder, sein Vater Michael Hanspach, Mutter Liane und Schwester Linda, hatten nichts dagegen. Etwa seit der politischen Wende stand der Stall auf dem Vierseithof leer. Die Frage war: Welche Tiere sollten es sein? Als die Idee mit den Alpakas aufkam, ließ sie die Familie nicht mehr los, zwei Jahre lang. 2014 schließlich fuhren Hanspachs zu einem Züchter nach Leipzig und kauften die ersten Tiere: Benedikta, Venus, Saphira.

Mittlerweile leben zwölf Alpakas auf dem Hanspach-Hof. „Man vergisst einfach die Zeit, wenn man bei ihnen ist“, erzählt Liane Hanspach. Sie arbeitet als Krankenschwester in Löbau. Der Stall ist eine andere Welt. Andernorts steht vielleicht ein Schemel im Stall, bei Hanspachs sind es Hängeschaukeln. Andernorts wird das Futter vielleicht in Eimern oder Säcken gelagert. Hanspachs haben eine alte Kommode zur Futterküche umgearbeitet. „Der Spaß darf nicht fehlen“, meint Linda Hanspach. Vor allem sei es darum gegangen, mit den Tieren wieder Leben auf den Hof zu bringen. Tatsächlich ist die Anhöhe mittlerweile zu einem beliebten Ziel für Spaziergänger geworden. Wirtschaftliche Aspekte hätten dagegen keine Rolle gespielt, zumal die Familie in Berufen weitab vom Landwirt arbeitet. Michael Hanspach ist Elektriker und arbeitet unter der Woche in München, Linda ist ebenfalls Krankenschwester in der Nähe von Stuttgart und Leon besucht das Gymnasium in Löbau.

Ein bisschen Wirtschaft gibt es seit vergangenem Jahr trotzdem auf dem Hof. Hanspachs haben einen kleinen Laden mit Produkten aus Alpaka-Wolle eröffnet. Die meisten Waren – Socken, Mützen, Handstulpen – beziehen sie aus Peru. Nicht aber die Bettdecken, die in der Auslage liegen. Die sind gefüllt mit der Wolle der Tiere vom Hof. Alpaka-Wolle weist viele Luftkammern auf, dadurch ist sie sehr weich. Die Tiere haben noch mehr Vorteile. Als Herdentiere gelten sie als besonders sozial und auch als pflegeleicht. „Für mich ist die Ausstrahlung das Besondere“, sagt Linda Hanspach. Sanftmütig, das passt vielleicht am besten. Die Alpakas in Altbernsdorf machen sogar freiwillig Sport. „Da fängt einer an zu rennen und alle machen mit“, erzählt Linda Hanspach und lacht.

Arbeit gibt‘s trotzdem. „Es ist immer was zu tun“, sagt Michael Hanspach. Morgens auf die Weide lassen, füttern, ausmisten, Nägel kürzen, regelmäßige Spaziergänge mit den einzelnen Tieren in der Umgebung. Die Nacht verbringen die Alpakas aber im Stall – eine Vorsichtsmaßnahme wegen des Wolfes. Im Winter fährt die Familie mit einigen Tieren manchmal zu Alpaka-Shows und trifft dort andere Halter und Züchter. Im Frühjahr, im April steht die Schur an und im Frühsommer kommen neue Fohlen auf die Welt. Die aufregendste Zeit sei das, sind Hanspachs sich einig. Die erste Geburt auf dem Hof endete aber in einem Drama.„Das war an einem Sonnabendabend“, erinnert sich Michael Hanspach. Eine der Stuten brachte ein Fohlen zur Welt. „Fünf Stunden später ist die Mutter gestorben. Der Stute war ein größeres Blutgefäß gerissen. Hanspachs haben zwar mehrere Kurse, darunter einen speziellen Geburtskurs für ihre Tiere, besucht, aber helfen konnten sie nicht mehr. Viel Zeit, um den ersten Schock zu verdauen, blieb nicht. Alpakas brauchen in den ersten Tagen einmal pro Stunde Milch von ihrer Mutter. „Wir wussten erst mal gar nicht, was wir machen sollten“, erzählt der 53-Jährige. Ein Züchter-Freund gab ein Notrezept durch, das zu einem großen Teil aus Quark besteht. Die Nachbarn halfen bei der Suche nach Quark im Dorf. Am Ende wurde er nicht gebraucht. Der Züchterfreund war mit speziellem Milchpulver ins Auto gesprungen und nach Altbernsdorf gefahren. „Ich habe mir dann erstmal kurzfristig eine Woche Urlaub genommen“, erinnert sich Michael Hanspach. Ein Urlaub, dessen Nächte ungefähr so abliefen: halbe Stunde schlafen, Nahrung zubereiten, Fohlen füttern, halbe Stunde schlafen. „Ich bin am Ende auf dem Zahnfleisch gegangen.“ Nach der ersten Woche führte die Familie ein Schichtsystem ein. Am Ende haben sie das Fohlen durchgebracht. Lunah heißt es.

Die Alpakas nehmen ihren Einfluss auf das Leben in der Familie. „Wir haben alle ein gemeinsames Interesse. Einer alleine könnte das nicht schaffen“, sagt Linda Hanspach. Sie ist regelmäßig in Altbernsdorf. Ihre Arbeitszeit bei Stuttgart teilt sie so ein, dass sie einmal im Monat eine, manchmal zwei Wochen nach Hause kommen kann. Und wenn Michael Hanspach nach München zur Arbeit fährt, darf er eines nicht vergessen: seine Alpaka-Bettdecke. „Ohne die würde ich nochmal zurückfahren.“