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Von der Kirche, die sich drehen konnte

Vor hundert Jahren ging im Elbsandstein richtig die Post ab. Ein neues Buch lässt die alten Ansichtskarten wieder glänzen.

Von Jörg Stock
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Ein bisschen getrickst: Auf dieser Postkarte, gedruckt um 1900, wurde die Bergkirche an der Rathewalder Mühle talwärts gedreht, um mehr Eindruck zu machen.
Ein bisschen getrickst: Auf dieser Postkarte, gedruckt um 1900, wurde die Bergkirche an der Rathewalder Mühle talwärts gedreht, um mehr Eindruck zu machen. © Repro: SZ

Dass man hier Kuchen essen und Kaffee trinken kann, soll jeder, der vom Amselgrund herauf wandert, schon von Weitem erkennen. Daher haben die Wirtsleute der Rathewalder Mühle das überdimensionale Werbeschild an ihrer sogenannten Bergkirche aufgehängt. Blöd nur, dass die Fassade des hübschen Holzbaus parallel zum Weg verläuft und das Schild nur derjenige sieht, der schon davor steht. Also fix die Kirche um neunzig Grad talwärts gedreht – schon passt es mit der Werbewirkung.

Dieses Kunststück haben vor über hundert Jahren nicht die Mühlenbesitzer am Grünbach vollbracht, sondern die Retuscheure des Postkartenverlages Gebrüder Metz aus Tübingen. Wie viele Unternehmen ihrer Zunft entsandten die Metzens Scharen von Mitarbeitern zu den Brennpunkten des jungen Tourismusbooms, um Motive einzufangen. So auch in die Sächsische Schweiz. Selten begnügte man sich mit dem, was die Natur bot. Es wurde retuschiert, was das Zeug hielt. Wie an der Rathewalder Mühle, wo man Schlucht, Kaffeegarten und die malerische Bergkirchenfront gefällig auf eine Linie brachte.

Diese und viele andere ungewöhnliche Ansichten aus dem Elbsandsteingebirge hat Gunnar Klehm, Redakteur der Sächsischen Zeitung in Pirna, in einem Buch zusammengestellt. „Ein seltener Blick auf die Sächsische Schweiz“ heißt seine kommentierte Auswahl von fünfzig kolorierten Postkarten, die um das Jahr 1900 herum gedruckt und vielmals auch verschickt wurden. Sie zeigen die populärsten Ausflugsziele der damaligen Zeit, die zum Gutteil identisch sind mit den heutigen. Wo also ist der „seltene“ Blick?

Wie bei der Schummelei an der Mühle offenbart sich das Besondere oft erst im Detail. So steht auf dem Prebischtor um 1915 noch ein Fahnenmast. Damals spazierten die Leute auf dem Torbogen herum, was seit 1982 verboten ist. Der Gruß vom Lichtenhainer Wasserfall von 1898 zeigt, neben einer ziemlich übertriebenen Wasserkaskade, einen Wagen der Kirnitzschtalbahn, aber ohne Oberleitung. Des Rätsels Lösung: Als die Karte in Druck ging, wusste man wohl vom kommenden Bahnverkehr. Aber man wusste noch nichts vom elektrischen Antrieb. Ursprünglich sollten die Wagen von Dampfloks gezogen werden.

In seinem Buch streift der gebürtige Berliner Klehm, der schon als Kind gern in der Sächsischen Schweiz wanderte und seit 2001 in der Region lebt, einmal quer durch die imposante Felsenwelt, von der Gegend um Pirna bis hinüber nach Hrensko und Decin. In seinen Texten erzählt er nicht die große Geschichte der Orte, sondern ihre kleinen Geschichten, manchmal auch die ganz kleinen, etwa die Geschichte von der Erfindung des Fernglases, mit dem eine Ausflüglerin bei Gohrisch auf einem Felsplateau steht, um ihren eigenen „seltenen Blick“ auf die Naturwunder zu erhaschen.

Die Sächsische Schweiz vor 100 Jahren. Lesung mit Gunnar Klehm, 1. Dezember, 18 Uhr, Nationalparkzentrum Bad Schandau. Eintritt frei. Reservierung: 0351 48641827.