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Als Großenhain noch einen Zoo hatte

Der Verein Nymphea betreute die Kleintieranlage an der Auenstraße bis vor 60 Jahren. Dann kam das Hochwasser.

Von Kathrin Krüger
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Das war der Eingang des kleinen Tierparks auf der Auenstraße. Er bestand seit den 1930er Jahren bis zum Hochwasser 1958.
Das war der Eingang des kleinen Tierparks auf der Auenstraße. Er bestand seit den 1930er Jahren bis zum Hochwasser 1958. © Screenshot Anne Hübschmann

Großenhain. Meißen hat ihn, Riesa hat ihn – und Großenhain hatte ihn auch: einen Zoo. In dem Fall einen Kleintierzoo. Er befand sich an der Auenstraße und bestand noch bis vor 60 Jahren. Jeden Sonntag konnten Familien hier Tiere wie Ponys, Vögel und auch ausgesprochene Exoten beobachten. Für Kinder gab es Ponyreiten und Ponyfahrten durch den Stadtpark.

Begonnen hatte alles 1928 oder 1932, da gibt es unterschiedliche Angaben. Zu der Zeit gründete sich in Großenhain der Verein Nymphea. Die Tierliebhaber wendeten viel Liebe und Sorgfalt auf, um einen ausgesuchten Querschnitt von Tieren aus aller Welt aus dem Wasser, vom Land und aus der Luft hier zu akklimatisieren und zu halten. 

Im August 1934 öffneten sie an der Auenstraße ein Freilandaquarium und ein Terrarium. Sie befand sich zwischen Bahnübergang und -unterführung, hinter einer hohen Hecke verborgen. Der Aquarien- und Terrarienverein hatte das 3400 Quadratmeter große Wiesengelände gepachtet und 1937 nochmals um 100 Quardartmeter erweitert. Kaufmannsgehilfe Hans Klare aus dem gleichnamigen Schuhhaus war Leiter der Tierfreunde.

Zu den Initiatoren gehörten weiterhin Biologielehrer Reßler, Foto-Jentzsch, Maler Kurt Friedrich, Kaufmann Görner, Heizer Arno Küchler, Schulleiter Silber und andere. Neben Enten und Hühnern wurden auch exotische Tiere gehalten: zwei kleine Rhesusaffen, mexikanische Salamander, ein kleines Krokodil und brasilianische Schmuckschildkröten. 

Das jedenfalls beschreibt ein kleiner Film von Heinz Weigel aus der gleichnamigen Druckerei. Der private Streifen ist auf der DVD „Film ab!“ enthalten, die es im Museum Alte Lateinschule und in der Großenhain-Information für sechs Euro zu kaufen gibt. Entstanden ist der 58-minütige Zusammenschnitt 2005 zur 800-Jahrfeier.

Der Zweite Weltkrieg hatte dem Verein große Verluste an seinen Tierbeständen gebracht. Doch 1945 konnte ein Vertrag mit dem Kulturbund zur kostenlosen Nutzung des Geländes geschlossen werden. Dadurch hatten sich die alten Aktiven wieder zusammengefunden und waren dabei, ihr kleines zerstörtes Reich mit bescheidenen Mitteln wieder aufzubauen. Die Zoofläche war in Parzellen eingeteilt, für jede Parzelle gab es einen Verantwortlichen.

Korsische Mufflons waren zu bestaunen.. Screenshot Anne Hübschmann
Korsische Mufflons waren zu bestaunen.. Screenshot Anne Hübschmann
Kinder liebten die Meerschweinchen. Screenshot Anne Hübschmann
Kinder liebten die Meerschweinchen. Screenshot Anne Hübschmann
Die Fasanerie hatte Fasane und Lachtauben. Screenshot Anne Hübschmann
Die Fasanerie hatte Fasane und Lachtauben. Screenshot Anne Hübschmann

Auf der Fläche mit herrlichem Baumwuchs gab es bald wieder viel Interessantes zu sehen. Am Eingang befand sich ein Auslauf mit zwei Ricken. Es gab Terrarien und Aquarien mit allen möglichen Tieren: Ringelnattern und Eidechsen, Kleinlurchen wie Feuersalamander und Wechselkröten.

Zierfische in allen erdenklichen Farben und Gattungen. Ein Freilandterrarium zeigte afrikanische und griechische Schildkröten, Meerschweinchen und Igel, in einer Fasanerie Fasane und Lachtauben. Eine besondere Rarität war das Gewächshaus mit über 300 Kakteen. 1957 soll mit Unterstützung des Dresdner Zoos eine korsische Mufflonherde angeschafft worden sein.

1958 öffnete der Kleintierzoo wieder zu Pfingsten. Der Eintritt kostete für Erwachsene 20 und für Kinder 10 Pfennige. Jugendliche halfen unentgeltlich beim Aufbau nach dem Winterhalbjahr. Sie säuberten auch die Ställe, übernahmen die Fütterung der Tiere und wurden auch mal zu bestimmten Bauern der Umgebung geschickt, um mit dem Handwagen Stroh und Futter zu holen. 

Die Bauern halfen gern, und so stellte die Futterbeschaffung kein Problem dar. Geschäftsleute wie Kaufmann Görner unterstützten mit kleinen Geldbeträgen die Arbeit. Görner war nach dem Krieg der Hauptorganisator und leitete das beliebte Ponyreiten zwischen der Herrmannstraße und dem Zoo. Weil Kaufmann Görner eine leitende Stellung in seinem Laden innehatte, konnten dort in dem Grundstück die Futterreserven und die Ponys untergebracht werden. 

Auch ein Tierarzt soll die Zootiere regelmäßig untersucht haben. Nach dem Krieg hätten sich viele Großenhainer für den Kleintierzoo interessiert. „Rechts neben dem Weg waren ein Fuchs und im Baum eine Eule“, erinnert sich Gudrun Kracht, die als Kind oft im Zoo verweilte. „Zwei Rehe, Kaninchen, Mandarinen-Enten, Mufflons, Goldfasane. Perlhühner, Nymphensittiche und Schildkröten fanden hier eine Heimat“, so die Großenhainerin.

Doch dann kam das Hochwasser im August. Das ganze Gelände wurde überflutet. Der Zoo musste aufgelöst werden, wie es heißt, wurde der Pachtvertrag nicht verlängert. Wie Gudrun Kracht weiß, blieb nur die Eule. „Die Marder- und Iltispärchen und auch das Dachsmännchen wurden freigelassen, der Fuchs ging stiften. 

Die Rehe und die übrigen Tiere bekamen ebenfalls ihre Freiheit wieder oder wurden anderen Zoos übergeben. Die Schlange starb noch vor ihre Freilassung, doch die Frösche, Ringelnatter und Blindschleiche suchten ganz schnell das Weite. Ein Teil der Tiere ging an den Riesaer Zoo. Darunter waren unter anderem die korsischen Mufflons.“

Dokumentiert auf der DVD „Film ab!“, Preis: 6 Euro