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Biathlet Peiffer: „Notfalls unter einer Käseglocke“

Der Olympiasieger spricht im Interview über die Corona-Folgen für die Biathleten, die Abhängigkeit vom TV und das Doping-Hickhack ums Staffel-Gold.

Der Gesichtsausdruck passt zu Arnd Peiffer. Der Olympiasieger macht sich Gedanken, bleibt dabei aber immer optimistisch.
Der Gesichtsausdruck passt zu Arnd Peiffer. Der Olympiasieger macht sich Gedanken, bleibt dabei aber immer optimistisch. © Matthias Rietschel

Der Kellner im Hotel in Oberbärenburg bringt schnell ein Sitzkissen. Er möchte nicht schuld sein, wenn es beim nächsten Weltcup nicht so klappen sollte, sagt er. Arnd Peiffer wird erkannt – nicht nur am Rande der deutschen Meisterschaft vor gut einer Woche in Altenberg. Es war der erste Biathlon-Wettkampf seit dem vorzeitigen Saisonende und der erste vor Zuschauern seit der WM in Antholz im Februar.

Dort gewann der 33-Jährige Bronze mit der Staffel, es war die vorerst letzte Medaille von insgesamt 19 bei Olympischen Spielen und Weltmeisterschaften. Nicht nur wegen dieser Erfolge ist der Niedersachse, der sein Privatleben konsequent vor der Öffentlichkeit schützt, das Gesicht der deutschen Biathleten. Peiffer fällt auch abseits von Schießstand und Loipe auf, weil er sich Gedanken macht – nicht nur um seinen Sport. Dies wird auch im SZ-Gespräch auf der Hotelterrasse deutlich.

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Herr Peiffer, haben Sie sich darauf gefreut, mal wieder vor Zuschauern ein Rennen zu bestreiten?

Ich habe mich vor allem auf ein Stück Normalität gefreut. Bei den Zuschauern habe ich einen gewissen Nachholbedarf gespürt, sie freuen sich, dass sie wieder zu Wettkämpfen gehen können, endlich etwas los ist, ein bisschen Normalität zurückkehrt. Ich glaube generell, dass es für eine Gesellschaft wichtig ist, dass es Dinge gibt, auf die sich die Menschen freuen können.

Sie haben also nicht das Gefühl, dass der Spitzensport gerade an Bedeutung verliert und Aufmerksamkeit einbüßt, weil andere Themen wichtiger sind?

Natürlich machen sich die Leute Sorgen. Aber vielleicht hilft es ja und lenkt ab, wenn es abends wieder eine Stunde Sport im Fernsehen gibt. Das gilt übrigens nicht nur in der Corona-Zeit. Freunde haben mir von einem Kumpel erzählt, der 60 Stunden die Woche hart arbeitet. Für ihn ist es das Allerschönste, wenn er am Wochenende auf dem Sofa liegen und Wintersport schauen kann. Das braucht er, danach ist er wieder fit. Wenn ich so was höre, denke ich: Wir erfüllen schon eine Aufgabe.

Biathleten betreiben ihren Sport teilweise vor Zehntausenden Zuschauern, die – wie in Oberhof und Ruhpolding – viel Lärm machen. Das letzte Mal vor Fans sind Sie im Februar gelaufen. Haben Sie durch Corona schon Entzugserscheinungen bekommen?

Das Anfeuern und Jubeln macht wirklich Spaß – an Tagen, an denen man gut ist. An den anderen kann es zur Last werden. Wenn man da hinterherläuft, schämt man sich fast und wünscht sich, ganz alleine im Stadion zu sein. Es pusht enorm, in Oberhof den Birxsteig hochgeschrien zu werden, da kriegt man schon Gänsehaut. Mich reizt es aber vor allem, mich mit anderen Athleten messen zu können. Ich trainiere gerne einmal am Tag. Die zweite Einheit ist dann Arbeit, das mache ich nicht mehr aus Spaß an der Freude, sondern weil ich gegen die anderen bestehen will und weiß, dass sie auch zweimal trainieren.

Gab es Momente in den vergangenen Monaten, bei denen Sie ans Aufhören gedacht haben?

Wegen Corona?

Wegen der Folgen der Pandemie für Ihren Sport.

Nein. Ich habe immer fest daran geglaubt, dass es Rennen, in welcher Art und Weise auch immer, geben wird. Davon gehe ich immer noch aus. Da das meine Antriebsfeder ist, ist die weiterhin gespannt.

Aber keiner kann im Moment sagen, wie die neue Saison aussehen wird, wie viele Rennen es wann und wo gibt. Ist dieses Unkonkrete für Spitzensportler, die auf konkrete Ziele fokussiert sind und daraufhin trainieren, ein Problem?

Für mich überhaupt nicht oder besser: nicht mehr. Am Anfang meiner Karriere waren mir ganz konkrete Saisonziele schon enorm wichtig. Ein halbes Jahr vor den Winterspielen in Vancouver 2010 wusste ich, an welchem Tag ich spitze sein muss, weil da das Sprintrennen ist. Ich musste aber lernen, dass diese Herangehensweise bei mir nicht funktioniert. Werde ich dann nur 37., zerbröselt alles. Mir hilft es, wenn ich nicht vom Ergebnis her denke. Mein Ansatz ist, dass ich bei möglichst vielen Rennen gut sein will. Wenn das bei einer WM klappt – super. Und wenn es bei einem Weltcup klappt – auch gut.

Wenn Sie sich die neue Saison als Kopfkino vorstellen: Wie sieht die aus?

Wir könnten mehr an denselben Orten sein, also zwei Weltcups hintereinander an einem Ort bestreiten und dann zwei Weltcups an einem anderen.

Das Szenarium, dass die Saison ganz ausfällt, kommt dabei nicht vor?

In meinem Kopf nicht. Letztlich ist Biathlon eine Fernsehsportart, in Deutschland schauen im Schnitt drei Millionen Menschen die Rennen. Das Fernsehen ist das, was den ganzen Laden – direkt oder indirekt – bezahlt: die Teams, die Veranstalter, den internationalen Verband IBU und uns. Wenn 20.000 Zuschauer im Stadion sind, ist das für die Orte, Gastronomen und Hoteliers wichtig, für das große Ganze aber relativ egal – rein wirtschaftlich betrachtet. Notfalls halten sie uns den ganzen Winter über unter einer Käseglocke zusammen, dann laufen wir immer am selben Ort. Aber eine komplette Saison ausfallen lassen – das macht die IBU nicht.

Alle unter einer Käseglocke – der Gedanke klingt nicht gerade verlockend.

Im Grunde fühlt es sich doch auch in normalen Wintern so an. Die gleichen 100 Athleten, die gleichen Trainer, Techniker, Betreuer, Fernseh-Journalisten – das ist ein begrenzter Kreis, mit dem man unterwegs ist. Mit den Orten ändern sich nur die Helfer.

Bei den deutschen Meisterschaften in Altenberg schaffte es Arnd Peiffer in keinem der drei Rennen aufs Podium. Aufgrund seiner Erfolge muss er sich aber nicht für die ersten drei Weltcup-Stationen qualifizieren.
Bei den deutschen Meisterschaften in Altenberg schaffte es Arnd Peiffer in keinem der drei Rennen aufs Podium. Aufgrund seiner Erfolge muss er sich aber nicht für die ersten drei Weltcup-Stationen qualifizieren. © Matthias Rietschel

Sie leben vom Biathlon, ein Stück weit auch Ihre Familie. Machen Sie sich aus finanzieller Sicht Sorgen, wenn es der Wirtschaft und damit womöglich auch einigen Ihrer Sponsoren gerade nicht so gut geht?

Überhaupt nicht. Natürlich schaffen wir es nicht annähernd in die Dimensionen der Profifußballer, trotzdem finde ich: Wir sind auf Rosen gebettet. Die meisten von uns sind bei Behörden wie der Bundeswehr, dem Zoll oder der Polizei angestellt. Das bedeutet, dass wir selbst dann Geld bekommen, wenn wir nicht starten können oder auf Plätzen landen, für die es kein Preisgeld mehr gibt – und das sind im Biathlon sehr viele. Wenn nun ein Sponsor sagen würde, wir machen wegen der Corona-Krise weniger Gewinn und können den Vertrag mit dir nicht verlängern, wäre das schade, aber die Welt ginge deshalb nicht unter. Und keiner von uns Biathleten hat, glaube ich, einen so ausschweifenden Lebensstil, dass das Gehalt von den Behörden nicht reichen würde.

Spüren Sie Dankbarkeit, wenn Sie die Nachrichten über Millionen Deutsche hören, die in Kurzarbeit sind?

Absolut, wir Sportler sind doch privilegiert: Wir werden dafür bezahlt, dass wir das, was wir als Kind aus Spaß begonnen haben, als Erwachsene weitermachen. Wir mussten nicht in Kurzarbeit, haben die ganze Zeit das volle Gehalt bekommen. Dafür bin ich sehr dankbar. Da ich Bundespolizist bin, stand bei mir zur Debatte, ob ich an der Grenze eingesetzt werde. Das wäre natürlich völlig okay gewesen. Am Ende ist es nicht passiert, wahrscheinlich hätte das Einarbeiten zu lange gedauert. (lacht)

Sie sind Ende 2018 zum ersten Mal Vater geworden. Wie hat sich die Sicht auf Ihren Sport dadurch verändert?

Unabhängig vom Kind finde ich, dass ein stabiles Umfeld immer wichtig ist. Ob ich vorne dabei bin oder hinterherlaufe, ändert an meinem Privatleben gar nichts, die Familie sieht mich immer mit den gleichen Augen. Ein stabiles Elternhaus zu haben, hilft gerade jungen Athleten, weil sie dann nicht auf jeden Anerkennungszug aufspringen müssen, der vorbeikommt. Sie machen sich nicht so davon abhängig, denn man bekommt ja häufig mehr Zuspruch, als einem zusteht – und mehr Kritik, als man verdient. Wenn man weniger Anerkennungen von außen sucht, kann man mit Kritik auch besser umgehen.

Kritik gab es zuletzt von deutschen Spitzensportlern, weil die Dopingkontrollen am Beginn der Pandemie weltweit zum Erliegen kamen. Sie fürchteten, dass dies einige Sportler ausnutzen – Sie auch?

Ich fand es gut, dass die Olympischen Spiele auf den Sommer 2021 verschoben wurden. Sonst wäre zwangsläufig immer ein Verdacht geblieben. Ich persönlich hatte ab Juni wieder Kontrollen. Das Problem ist aber kein coronaspezifisches, sondern ein grundsätzliches: Wir haben in vielen Ländern leider keine Anti-Doping-Agentur, die so konsequent testet wie die Nada in Deutschland. Wobei ich schon einen Wandel bemerke. Früher hat die Nada bei mir vier von fünf Tests gemacht, jetzt übernimmt die IBU vier von fünf. Wenn das Verhältnis bei uns so ist, wird es vielleicht in anderen Ländern ähnlich sein – das ist zumindest meine Hoffnung, und das stimmt mich, was den Biathlon betrifft, schon ein bisschen optimistisch. Es ist auch immens wichtig, unseren Sport so gut es geht sauber zu halten, zu 100 Prozent werden wir das wohl nie schaffen. Wenn einmal der Punkt erreicht werden sollte, dass saubere Athleten sagen: Entweder ich höre auf oder ich mache mit, sonst habe ich keine Chance mehr, dann ist das der Tod für die Sportart. Dann kann man den Laden dichtmachen. Im Radsport war es Ende der 1990er-, Anfang der 2000er-Jahre so.

Aber Biathleten haben auch einige solcher Schlagzeilen produziert. Gab es Momente, als Sie Angst hatten, es könnte kippen?

Nein, sonst hätte ich mir das Ganze nicht so lange angetan. Wenn, dann waren es einzelne Punkte. Kurz nachdem ich in den Weltcup kam, wurde Dimitri Jaroschenko erwischt. In den ein, zwei Jahren zuvor hatte er oft die Laufbestzeiten geliefert, das war so eine komische Leistungsentwicklung. Als wenn er Super Plus getankt hätte. Im Moment gibt es aber keine Kandidaten, die ich im Verdacht hätte. Man muss auch aufpassen, dass man nicht paranoid wird und jede gute Leistung verdächtigt. Ich glaube, dass wir zum sehr, sehr großen Teil eine saubere Sportart sind, selbst wenn diese Meinung einige vielleicht naiv finden.

Bei den Winterspielen 2014 in Sotschi haben Sie mit der Staffel Silber gewonnen, ganz knapp geschlagen von Russland. Jewgeni Ustjugow soll dabei gedopt gewesen sein, die IBU verhängte eine Sperre, die Ergebnisse könnten gestrichen werden. Haben Sie noch Hoffnung auf Olympia-Gold?

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Ich habe da gemischte Gefühle. Wir haben uns damals riesig gefreut über Silber, das war ein großer Erfolg. Falls Ustjugow tatsächlich zu unerlaubten Mitteln gegriffen haben sollte, möchte ich auf keinen Fall, dass die Goldmedaille weiter in seinem Schrank liegt. Wer betrügt, hat kein Recht darauf. Aber ich stelle mir auch die Frage: Was passiert dann mit den anderen drei, die womöglich sauber waren? Müssen sie ihre Medaillen auch zurückgeben? Wie es aussieht, gibt es keine handfesten Beweise, sondern nur Indizien. Und da wird es schwierig, finde ich. Ich hoffe, dass es irgendwann mal eine Entscheidung gibt. Dann kann ich einen Haken dran machen.

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