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Viele Steinchen fürs große Mosaik

Prof. Manfred Curbach ist einer der Väter des Carbonbetons, der die Zukunft des Bauens verändert.

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Manfred Curbach will einen Beitrag leisten, „um für künftige Generationen eine lebenswerte Erde zu erhalten“. Der TUD-Professor ist Experte für nachhaltiges Bauen.
Manfred Curbach will einen Beitrag leisten, „um für künftige Generationen eine lebenswerte Erde zu erhalten“. Der TUD-Professor ist Experte für nachhaltiges Bauen. © Thorsten Eckert

Der Klimawandel ist kein Mythos und er ist auch nicht das exklusive Problem der Sahelzone oder des brasilianischen Regenwaldes. Der Klimawandel zeigt sich auch in monatelangen Dürren in Sachsen und Brandenburg, in der Hochwasserkatastrophe im Ahrtal oder den vielen Extremwetter-Ereignissen, die seit einigen Jahren lokal schwere Schäden verursachen – auch in der Lausitz, im Erzgebirge oder in der Sächsischen Schweiz.

Hinter dem Klimawandel steht die zunehmende Erderwärmung. „Und da die Erderwärmung infolge des CO2-Ausstoßes weiter steigt, werden die Konsequenzen immer schlimmer“, weiß Manfred Curbach. Er ist nicht nur Professor an der Fakultät Bauingenieurwesen der TU Dresden, sondern gilt als einer der Väter des Carbonbetons.

Das Material hilft, mehr als 70 Prozent des sonst beim Bauen ausgestoßenen CO2 einzusparen. Ein „Mosaiksteinchen“ nennt Manfred Curbach das und fügt hinzu „hoffentlich ein großes“. Ohne Hoffnung wäre das, was den gebürtigen Dortmunder antreibt, nicht zu stemmen. Denn das Thema ist ernst. „Das heutige Bauen ist für mindestens 25 Prozent des CO2-Ausstoßes verantwortlich. Wenn wir bis 2045 tatsächlich komplett klimaneutral werden wollen, darf auch das Bauwesen selber kein CO2 mehr ausstoßen. Das sind nur noch 21 Jahre! Und wenn man bedenkt, wie langsam Veränderungsprozesse im Bauwesen ablaufen und wie lange Zulassungsverfahren dauern, ist klar, dass nur durch disruptive, also schnelle und große Veränderungen das Ziel der Klimaneutralität beim Bauen erreicht werden kann“, sagt Manfred Curbach.

Dazu komme, dass viele Materialien, die beim Bauen gebraucht werden, zu den knapper werdenden Ressourcen zählen, etwa Holz und Sand. Für ihn und sein Team besteht kein Zweifel daran, dass das Thema Nachhaltigkeit immer wichtiger wird. Konkret heißt das, Gebäude länger zu nutzen und beim Neubau auf wiederverwertete oder wiederverwertbare Stoffe zurückzugreifen.

Es werden neue Verfahren benötigt

„Wir brauchen ein zuverlässiges und gleichzeitig schnelles Zulassungsverfahren für neue Materialien, Verfahren und Methoden. Dazu ist ein sogenanntes ‚Rolling Review-Verfahren‘ erforderlich, das im Prinzip bei der Entwicklung der Impfstoffe gegen Covid-19 angewendet wurde und nun auf das Bauwesen übertragen werden soll“, erläutert der Professor.

Die Bauwerke der Zukunft, da ist Manfred Curbach sicher, werden aus Materialien bestehen, die bei der Herstellung entweder kein CO2 ausstoßen oder – wie am Beispiel von Carbonfasern aus dem CO2 der Luft – sogar eine sogenannte CO2-Senke darstellen. „Es wird eine Vielfalt an unterschiedlichen Materialien geben, und viele verschiedene Verfahren zur Herstellung, die die Effizienz im Bauen deutlich erhöhen werden“, sagt Manfred Curbach und nennt als Beispiel digitale Zwillinge von neuen und bereits bestehenden Gebäuden. Durch die Beobachtung und Auswertung der digitalen Bauten gewinne man Erkenntnisse, die die „Lebenszeit“ der Häuser verlängern. „Es wird eine neue Ästhetik geben, die Bauwerke sind flexibler nutzbar und werden mindestens 200 Jahre halten“, ist sich der Professor sicher.

© Stefan Gröschel, TU Dresden
© Stefan Gröschel, TU Dresden
© Stefan Gröschel, TU Dresden
© Stefan Gröschel, TU Dresden

Das Bauen für eine lebenswerte Zukunft ist mehr als Teil seiner Profession, es ist sein Herzensthema. „Ich habe die große Hoffnung, dass wir mit den erforderlichen, großen Veränderungen im Bauwesen dazu beitragen können, den Klimawandel zu stoppen, um für künftige Generationen eine lebenswerte Erde zu erhalten. Dazu will ich meinen Beitrag leisten“, sagt er selbst.

Der Carbonbeton gehört dazu. Mit der ersten Generation des Baustoffs wurden schon viele Gebäude unter anderem in Sachsen instandgesetzt, darunter auch denkmalgeschützte Häuser, deren Bestand so für mindestens weitere hundert Jahre gesichert ist. An der zweiten Generation des innovativen Baustoffs wird gerade gearbeitet. Wegen der verwendeten Bindemittel und des Carbons, das aus dem CO2 der Luft hergestellt wird, sei er gleichzeitig bezahlbarer Massenbaustoff und CO2-Senker. „Oder anders ausgedrückt: Je mehr mit dem Carbonbeton der zweiten Generation gebaut werden wird, umso besser für unser Klima und unsere Umwelt“, sagt Manfred Curbach.

Großforschungszentrum bewilligt

Noch besser ist es, wenn weiter intensiv zum Thema geforscht wird. Dank des LAB, des Living Art of Building, ist das bald direkt in Sachsen möglich. Die Freude war groß, als im November 2023 bekannt wurde, dass der Bund den Antrag für das Großforschungszentrum bewilligt hat. Seinen Sitz wird das Zentrum, das schon jetzt als das größte seiner Art weltweit gilt, in Bautzen haben. „Hier werden Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus aller Welt an zahlreichen neuen Materialien, Verfahren, Methoden, an der Digitalisierung aller Prozesse und an Herstellverfahren arbeiten, mit denen wir ein klimaneutrales, ressourceneffizientes, sicheres, ästhetisches, bezahlbares und flexibles Bauen erreichen können“, sagt Manfred Curbach.

Er und sein Team werden auch hier ihren Beitrag leisten – mit vielen kleinen Mosaiksteinchen für ein großes Anliegen: das Bauen der Zukunft.

Knappes Zeitfenster

  • Pro Jahr werden weltweit 14 Milliarden Kubikmeter Beton verbaut.
  • Beton ist nach Wasser der zweithäufigste verwendete Baustoff.
  • Der jährliche Verbrauch an Zement liegt damit weltweit bei 4,2 Milliarden Tonnen und ist verantwortlich für ca. 8 % des gesamten weltweiten CO2-Ausstoßes.
  • Der CO2-Austoß selbst lag 2022 bei 42,2 Milliarden Tonnen.
  • Um das 1,5 Grad-Ziel mit 66-prozentiger Wahrscheinlichkeit einzuhalten, ist ein Verbrauch von 229 Milliarden Tonnen erlaubt.
  • Bei Einhaltung dieser Grenze ist ein CO2-Ausstoß von 42,2 Mrd. Tonnen pro Jahr nur noch 5,4 Jahre möglich.