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Bautzen: Vergessener Stadtteil oder ruhige Oase?

Etwa 330 Bautzener wohnen im Viertel um die Behring- und Talstraße. Die meisten genießen die Ruhe, mancher vermisst aber auch etwas.

Jana Kahl und Töchterchen Amanda fühlen sich wohl am Kupferhammer in Bautzen, weil es hier so ruhig, grün und doch stadtnah ist.
Jana Kahl und Töchterchen Amanda fühlen sich wohl am Kupferhammer in Bautzen, weil es hier so ruhig, grün und doch stadtnah ist. © Steffen Unger

Bautzen. Die Vögel scheinen hier lauter zu zwitschern. Oder sie sind einfach nur besser zu hören, weil kein Lärm stört. Hierher kommt nur, wer hier wohnt oder jemanden besuchen will. Post- und Zeitungsboten gehören zu den wenigen fremden Gesichtern im Viertel um Behringstraße, Talstraße und Kupferhammer.

Etwa 330 Bautzener wohnen hier, und eine davon ist Karin Dorn (Name von der Redaktion geändert). Es sei ein vergessenes Viertel, beklagt sie in einer Mail an die Redaktion. Einkaufsmöglichkeiten gleich null, und der Stadtbus fährt auch nur montags bis freitags sechsmal am Tag. Wer zum Beispiel am Wochenende mal raus zur Talsperre will, habe schlechte Karten. Aber weil sie glaubt, sich mit ihrer Kritik Ärger einzuhandeln, möchte sie ihren richtigen Namen lieber nicht in der Zeitung lesen.

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Ein Supermarkt kommt nicht ins Viertel

Eine Reihe Altneubauten schmiegt sich an den Hang des Karnickelberges hinter der Justizvollzugsanstalt. Evelyn Ritter genießt auf ihrem Balkon die Mittagssonne. "Ja, das Einkaufen ist hier schon ein Problem. Viele Ältere hier im Viertel sind auf eine Gehhilfe angewiesen", sagt sie. "Aber wir wohnen eben auch schön ruhig im Grünen." So lange sie noch ihr kleines Auto fahren kann, fährt sie damit zu den nächsten Märkten in Gesundbrunnen oder in die Innenstadt.

Die Stadtbuslinie 6 braucht keine zehn Minuten bis zum Reichenturm. "Aber die Abfahrtszeiten sind unglücklich", sagt Evelyn Ritter. "Früh um acht fährt ein Bus. Aber da hat ja in der Stadt noch nichts auf, das Kornmarkt-Center zum Beispiel. Da fahren nur ein, zwei Leute mit, die zum Arzt müssen."

Hinter einem Haus hängen zwei Frauen Wäsche auf und halten dabei ein Schwätzchen. Sie loben vor allem die Ruhe im Karree. "Wir wohnen doch hier so idyllisch. Wenn hier mal eine Wohnung frei wird, ist sie ganz schnell wieder belegt." Freilich, wer einen Supermarkt vor der Haustür will, finde den hier nicht. "Aber das weiß ich doch, wenn ich hierher ziehe."

Ein Supermarkt müsste gar nicht sein, findet eine junge Frau, die ihren Kinderwagen die schattige Straße entlang schiebt. "Aber ein Tante-Emma-Laden wäre nicht schlecht, wo es das Nötigste gibt."

Die Stadt würde das begrüßen, sagt Rathaussprecher Markus Gießler: "Kleinere ,Nachbarschaftsläden' könnten sich ansiedeln." Aber einen Supermarkt wird es in dem Viertel nicht geben. "Die Ansiedlung von größeren Handelseinrichtungen ist in diesem Bereich nicht geplant beziehungsweise zulässig."

"Wir kommen aus der Tür und haben es grün"

Mit Blick auf die geäußerte Kritik findet Markus Gießler, "dass es sich dabei nicht um eine allgemein gültige Meinung handelt. Viele Bewohner des Quartiers schätzen gerade eben diese ruhige Lage am Rande der Innenstadt und nördlich vom Spreetal. Da das Gebiet von keiner Hauptverkehrsstraße tangiert wird, muss es nur wenig Verkehr aufnehmen. Ein naturnahes, ruhiges Wohnumfeld ist das Plus für das Quartier."

Gerade wegen der Nähe zur Natur und der Ruhe wohnt Jana Kahl mit ihrem Lebensgefährten und den zwei Kindern am Kupferhammer. "Für die Kinder ist es doch ideal hier. Wir kommen aus der Tür und haben es ringsum grün." Gern geht sie mit Töchterchen Amanda und dem zehn Monate alten Theodor zum nahen Teich, um Fische zu füttern. "Wir sind außerhalb der Stadt und doch in zehn Minuten mittendrin", lobt die junge Frau die Vorteile des Kupferhammers.

Am unteren Teil der Behringstraße entlädt gerade ein Mann seinen Kofferraum - Großeinkauf. "Die fehlenden Einkaufsmöglichkeiten und Stadtbusse sind kein Problem für mich", sagt Mirko Adam. "Ich erledige alles mit dem Auto." Freilich, fügt er hinzu, wer kein Auto habe, für den sei es hier nicht so einfach. "Das kann ich mir schon vorstellen."

Rüdiger Albert kommt mit dem Fahrrad, vor der Kreuzung von Behring-, Tal- und Breitscheidstraße steigt er ab. "Eine kreuzgefährliche Ecke", sagt der Mittsechziger. "Hier ist abbiegende Hauptstraße, aber viele brettern einfach durch, ohne zu gucken. Und dann, hier", zeigt er auf eine Welle in der Fahrbahn, "hier ist schon manches Auto mit dem Unterboden aufgesessen."

An den Busverbindungen wird sich nicht viel ändern

Wie auf Bestellung naht gerade der Stadtbus und fährt im Schritttempo über die Kreuzung. Regiobus setzt auf der Stadtlinie 6 nur Kleinbusse ein, sie reichen aus. Sieglinde Schulze steigt mit ihrem vollen Einkaufsbeutel an der Endhaltestelle Breitscheidstraße aus, sie war der einzige Fahrgast um diese Stunde.

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Mehr Busse soll es hier nicht geben, sagt Pressesprecherin Sabine Rötschke vom Landratsamt, das bei Regiobus den Stadt- und Nahverkehr bestellt. Ab Januar werden sich einige Abfahrtszeiten geringfügig ändern, außerdem bekommt diese Buslinie dann die Nummer 15. Aber "aufgrund der geringen Einwohnerdichte und Funktionen ist eine wesentliche Verbesserung des Angebotes für das Quartier nicht vorgesehen".

"Klar könnte es immer mehr Busse geben", sagt Sieglinde Schulze. "Aber eigentlich reicht es aus."

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