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Der verschwundene Pokal

Große Teile des Bautzener Ratssilberschatzes sind nach der Auslagerung 1945 nicht mehr auffindbar.

Das Bautzener Stadtmuseum auf einer Aufnahme von 1913: Damals gehörte der Ratssilberschatz noch zu den Prunkstücken der Sammlung.
Das Bautzener Stadtmuseum auf einer Aufnahme von 1913: Damals gehörte der Ratssilberschatz noch zu den Prunkstücken der Sammlung. © imago images

Von Andreas Förster

Der Blick von Jürgen Vollbrecht wird träumerisch, wenn er in seinem Büro im Stadtmuseum Bautzen die Bilder vom Ratssilberschatz auf dem Tisch ausbreitet. „Wunderschön, nicht wahr“, sagt der 61-jährige Museumsdirektor leise und hebt das Foto vom Nautilus-Pokal hoch. Darauf zu sehen ist ein silberner Poseidon mit Dreizack und Keule, den Fuß auf einen Delfin gestützt. Auf dem Kopf trägt er eine prachtvoll gearbeitete Muschel, aus der sich ein Baumstamm mit Blättern erhebt, der wiederum von einem Becken mit einer Gans gekrönt ist. „Fast 340 Jahre alt ist dieses Stück, und hier in Bautzen entstanden“, sagt Vollbrecht. „Wir haben leider nur noch dieses Foto hier. Dabei gehört unserem Museum dieser Pokal.“

Der Bautzener Ratssilberschatz besteht aus insgesamt zehn, zwischen 20 und 50 Zentimeter großen, filigran gearbeiteten Bechern und Pokalen. Die Kunstwerke sind von berühmten Silberschmieden im 17. Jahrhundert gefertigt worden. Ihr heutiger Wert ist kaum zu beziffern. Viele Jahre lang gehörte der Ratssilberschatz zu den Prunkstücken des 150 Jahre alten Stadtmuseums. Kurz vor Kriegsende aber wurde er zusammen mit anderen Exponaten des Museums in die westsächsische Stadt Leisnig ausgelagert. Seitdem sind acht der zehn Teile des Schatzes spurlos verschwunden, darunter auch der Nautilus-Pokal. „Ich bin sehr sicher, dass die fehlenden Stücke des Ratssilberschatzes 1945 aus der Kaserne in Leisnig geraubt wurden, womöglich von Bürgern der Stadt“, sagt Museumsdirektor Vollbrecht.

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Der Fall des Bautzener Ratssilberschatzes wirft ein Schlaglicht auf das komplexe Problem der kriegsbedingten Kulturgutverluste Deutschlands nach 1945. Denn nach der Kapitulation des NS-Regimes, das den Krieg begonnen und den systematischen Kunstraub in den besetzten Gebieten organisiert hatte, plünderten nicht nur alliierte Soldaten und die „Trophäenkommissionen“ der Roten Armee die Depots staatlicher und privater Museen und Sammlungen sowie wissenschaftlicher Bibliotheken und historischer Archive. Skrupellose Sammler und Kunsthändler, aber auch bis dahin eher wenig kunstsinnige Bürger nutzten die Wirren des Kriegsendes für ihre Zwecke und rissen sich vermeintliche oder auch tatsächliche Schätze unter den Nagel, um sie zu Geld zu machen, eigene Sammlungen zu vervollständigen oder ganz profan das Wohnzimmer damit zu schmücken.

Vom Nautilus-Pokal hat das Stadtmuseum Bautzen dieses Foto. Das Kunstwerk ist seit 1945 verschwunden.
Vom Nautilus-Pokal hat das Stadtmuseum Bautzen dieses Foto. Das Kunstwerk ist seit 1945 verschwunden. © Archiv

Der in Köln geborene Archäologe Jürgen Vollbrecht, der das Stadtmuseum am Bautzener Kornmarkt seit dem Jahr 2011 leitet, hat in den vergangenen Jahren versucht, die nach Kriegsende entstandenen Verluste seines Hauses aufzuarbeiten. Ein schwieriges Unterfangen, wie er einräumt. „Zwar hielten sich die Zerstörungen des Museums und seiner Sammlungen durch Kampfeinwirkungen in Grenzen“, sagt er. „Aber die Plünderungen nach dem Krieg haben uns erhebliche Verluste beschert. Wie groß diese sind, lässt sich heute vollständig kaum mehr rekonstruieren, weil die Museumskartei im April 1945 durch ein Feuer zerstört wurde und auch die meisten Inventarbücher damals abhandengekommen sind.“

Der Objektbestand des Museums hatte den Zweiten Weltkrieg hingegen nahezu unbeschädigt überstanden, denn viele Exponate des Museums waren bereits im Jahr 1944 vorsorglich in verschiedene Herrenhäuser der Umgebung ausgelagert worden. Wenige Monate vor Ende des Krieges wurden die meisten dieser Museumsobjekte erneut umgelagert – in die Bus’sche Kaserne am Rande von Leisnig.

Plünderungen in der Kaserne

Ab Februar und bis zum 16. März 1945 trafen dort Lastwagen mit Gemälden, Plastiken, historischen Möbeln und Waffen sowie Dutzenden Holzkisten aus dem Bautzener Museum ein und wurden in den leerstehenden Pferdeställen der Kaserne untergestellt. In den Kisten befanden sich hochwertige Grafiken aus dem 17. Jahrhundert, wertvolle Uhren, antike Münzen, astronomische und physikalische Geräte sowie der Schützensilberschatz und der kostbare Ratssilberschatz der Stadt.

Die Kaserne in Leisnig überstand das Kriegsende nahezu unbeschädigt. Die Stadt war zunächst von amerikanischen Soldaten besetzt worden, wurde dann aber kurze Zeit später an die sowjetische Armee übergeben. „Bereits vor dem Einzug der Russen muss es aber zu ersten Plünderungen in der Kaserne gekommen sein“, erzählt Jürgen Vollbrecht. „Das haben wir aus dem schriftlichen Bericht eines Zeitzeugen, der zweimal die Pferdeställe besichtigt hatte, um die Unterbringung der Museumsobjekte zu kontrollieren.“

Sein erster Besuch habe im Mai 1945, vor dem Einzug der sowjetischen Einheit in die Kaserne, stattgefunden. „Bereits da musste der Mann feststellen, dass Kisten aufgebrochen und ihr Inhalt verschwunden war“, sagt Vollbrecht. „Bei seinem zweiten Besuch – da war die Rote Armee bereits in die Kaserne eingezogen – waren die Verwüstungen in den Ställen noch größer. Offenbar hatten betrunkene Soldaten dort gewütet und ein ziemliches Chaos hinterlassen.“ Andererseits hätten zu dieser Zeit dem Zeugenbericht zufolge auch einheimische Zivilisten weiterhin Zugang zu den Pferdeställen gehabt.

Viele Museumsstücke noch immer verschwunden

Jedoch gebe es keinen Hinweis darauf, dass eine der Beutebrigaden mit russischen Kunstschutzoffizieren die Holzkisten des Museums auf der Suche nach wertvollen Trophäen durchstöbert haben, sagt der Museumsleiter. „Ich kann natürlich nicht ausschließen, dass einige der russischen Soldaten und Offiziere darüber hinaus einzelne Kunstobjekte oder Bilder als persönliche Beute nach Kriegsende in die Heimat mitgenommen haben“, sagt Vollbrecht.

„Ich glaube aber, dass auch deutsche Zivilisten, die sich damals in Leisnig aufhielten oder dort wohnten, teils sehr gezielt kostbare Stücke aus den in den Kisten verpackten Sammlungen an sich genommen hatten.“ Vollbrechts Aussage über die plündernden Deutschen wird dadurch belegt, dass Ende 1945 und 1946 einige Einwohner aus Leisnig und Umgebung freiwillig die von ihnen entwendeten Museumsobjekte wieder herausrückten. Zuvor waren in der Leisniger Zeitung Aufrufe veröffentlicht worden, wonach Einwohner die Dinge zurückgeben sollten, die sie aus den in der Kaserne untergestellten Museumskisten geholt hatten.

In den letzten 75 Jahren ist nur ein Bruchteil der verschwundenen Museumsstücke nach Bautzen zurückgekehrt, viele davon zudem „in sehr problematischen Erhaltungszuständen“, wie Vollbrecht sagt. Wie hoch die tatsächlichen Verluste des Museums sind, welche Objekte damals in Leisnig geraubt wurden und vielleicht heute wieder auf dem Kunstmarkt gehandelt werden, kann der Museumschef nicht sagen.

Einen Anhaltspunkt liefert eines der wenigen alten, noch überlieferten Inventarbücher des Museums. „Von den ersten 5.000 Einträgen, die ich gecheckt habe, sind 2.800 Objekte nicht mehr vorhanden“, sagt er. „Das reicht von Gemälden, Porzellan und Keramik über Möbel, Kinderspielzeug und Kanonenkugeln bis hin zu Kaffeemühlen und Uniformen. Auch Teile des Ratssilberschatzes gehören dazu.“

Gurlitt schrieb auch über Bautzen

Gleichwohl ist Museumsdirektor Vollbrecht zuversichtlich, dem seit damals verschollenen Schatz auf die Spur zu kommen. Denn anders als bei vielen der verschwundenen Exponate des Museums, von denen in noch vorhandenen Inventarverzeichnissen nur die Titel existieren, gibt es von den Pokalen des Ratssilberschatzes eine genaue Beschreibung samt fotografischer Dokumentation. Angefertigt hat sie der Kunsthistoriker Cornelius Gurlitt, dessen gleichnamiger Enkel vor sieben Jahren im Zusammenhang mit dem sogenannten „Schwabinger Kunstfund“ in die Schlagzeilen geriet.

Der Kunsthistoriker Gurlitt hatte zu Beginn des vorigen Jahrhunderts eine mehrbändige „Beschreibende Darstellung der älteren Bau- und Kunstdenkmäler des Königreichs Sachsen“ verfasst. Im 1909 erschienenen 33. Band widmete sich Gurlitt der Stadt Bautzen und beschrieb auf sieben Seiten detailliert die Einzelstücke des Ratssilberschatzes.

Aus Sicht des auf Kunstrecht spezialisierten Berliner Rechtsanwalts Ulf Bischof bietet das Gurlitt-Material gute Aussichten, dem seit einem Dreivierteljahrhundert verschollenen Schatz auf die Spur zu kommen. „Sollte ein Becher aus dem Ratssilberschatz zum Beispiel auf einer Kunstauktion auftauchen, dann ließe sich das Stück anhand der Beschreibung und der Fotos zweifelsfrei identifizieren, auch wenn im Provenienznachweis des Stückes der Verweis auf das Bautzener Museum fehlen sollte“, sagt er. Das bedeute aber nicht, dass das Museum dann automatisch das Stück zurückerhalten würde.

„Zwar könnte der betreffende Becher noch immer Eigentum des Museums sein“, sagt der Anwalt. „Aber wenn der jetzige Besitzer das Stück irgendwann nach dem Krieg erworben hat und nachweisen kann, dass er von der tatsächlichen Herkunft des Objekts nichts wissen konnte oder sogar vom Verkäufer darüber getäuscht worden ist, dann kann das Museum mit einem Herausgabeanspruch Probleme bekommen, ganz abgesehen von Verjährungsfragen.“ In diesem Fall müssten sich Eigentümer und jetziger Besitzer über die Bedingungen für eine Rückgabe einigen.

Eintrag in Lost-Art-Datenbank

Meist gehen solche Fälle damit aus, dass sich beide Seiten auf einen „Finderlohn“ für den jetzigen Besitzer einigen.

Erleichtert wird eine solche Einigung meist dadurch, wenn die betreffenden Gegenstände in der sogenannten Lost-Art-Datenbank gemeldet sind, die das in Magdeburg ansässige Zentrum für Kulturgutverluste führt. Die Kunstobjekte, die darin als kriegsbedingt verschollen aufgeführt sind, verlieren enorm an Handelswert und können wegen ihrer zweifelhaften Provenienz praktisch nicht mehr offiziell in Kunstgeschäften und Auktionen gehandelt werden.

Auch der Bautzener Ratssilberschatz wird demnächst in der Lost-Art-Datenbank auftauchen, kündigt Vollbrecht an. Darüberhinaus will sich der Museumsdirektor aber noch einmal an die Leisniger Bürger wenden und sie darum bitten, die Erbstücke ihrer Großeltern und Eltern genauer anzuschauen. „Vielleicht findet sich in den Haushalten ja noch das eine oder andere Stück, das vor 75 Jahren den Weg aus den Pferdeställen der Bus’schen Kaserne in die Häuser und Wohnungen der Stadt gefunden hat“, sagt er. „Sie an unser Museum zurückzugeben, würde uns bei unseren Bemühungen helfen, die durch den Krieg auseinandergerissene Sammlung wieder zusammenzubringen.“

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