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Zusammen tüfteln statt Wegwerfen

Die Ganzmacher in Bautzen reparieren Geräte, die sonst auf dem Müll landen würden. Ist der alte Plattenspieler unserer Reporterin noch zu retten?

An diesem Handmixer haben Dieter Langer (rechts) und Rainer Klatte von den Ganzmachern lange zu tüfteln. Ob sie ihn wieder zum laufen bekommen?
An diesem Handmixer haben Dieter Langer (rechts) und Rainer Klatte von den Ganzmachern lange zu tüfteln. Ob sie ihn wieder zum laufen bekommen? © SZ/Uwe Soeder

Bautzen. Es ist kurz vor 16 Uhr. Noch sitzen die 11 Reparaturspezialisten der Ganzmacher in gemütlicher Runde bei Kaffee und Keksen im Saal des Steinhauses. Doch pünktlich zu Beginn des Reparaturtreffens betreten die ersten Gäste den Raum. Kaffeetassen und Teller werden abgeräumt. Es geht los. Schnell bildet sich eine Schlange am Eingangsbereich. Jeder hat irgendein kaputtes Teil dabei: ein Küchenradio, eine Regenjacke, einen CD-Spieler, einen Grill. Ich reihe mich mit einem kaputten Handmixgerät und meinem Plattenspieler ein.

Als erstes wird ein Laufzettel für jedes Gerät ausgefüllt: „Worum handelt es sich? Was ist kaputt?“, fragt mich Monika Schröder. Sie ist Vereinsmitglied der Ganzmacher und kümmert sich um die Anmeldungen. Der Handmixer läuft gar nicht mehr, der Plattenspieler spielt nur den ersten Titel nicht ab.

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Mit dem ausgefüllten Zettel werde ich von ihr zu den entsprechenden Spezialisten geschickt. In meinem Fall sind das Rainer Klatte und Dieter Langer. Beide sind gelernte Elektriker und nun in Rente. Ich habe ein gutes Gefühl: hier sind meine Gerätschaften in fachkundigen Händen. Im Raum hat sich unterdes eine rege Atmosphäre ausgebreitet. Auf allen der drei Tische der jeweiligen Reparaturstationen steht oder liegt ein kaputtes Teil, ein oder mehrere Ganzmacher und die Besitzer beugen sich darüber. Sie beraten sich und tüfteln gemeinsam.

Geöffnet ist das Gehäuse des kaputten Handmixgerätes schon mal, aber viel ist noch nicht zu sehen.
Geöffnet ist das Gehäuse des kaputten Handmixgerätes schon mal, aber viel ist noch nicht zu sehen. © SZ/Uwe Soeder

Die Ganzmacher arbeiten mit flinken Händen. Kaum bin ich an der Reparaturstation angekommen, hat Dieter Langer schon seinen Werkzeugkasten geöffnet und sucht nach dem richtigen Werkzeug für meinen Handmixer. „So, wie kriegen wir den jetzt auf?“, überlegt er und schaut sich die einzelnen Teile des Geräts an. Erstmal wird die Spannung gemessen – „dann wissen wir, ob die Anschlussstelle kaputt ist“, erklärt Dieter Langer mir. Sowieso erzählt er mir bei jedem Schritt der Reparatur, was genau er macht. Super! So kann ich auch noch was lernen.

Spannung ist jedenfalls da. „Das Kabel geht also“, sagt der ehemalige Elektriker und macht sich auf die Suche nach dem passenden Schraubenzieher. „Willste einen ganz kleinen von mir?“, fragt ihn sein Kollege Rainer Klatte, der noch an einem Küchenradio herumschraubt, dessen Knöpfe nicht mehr funktionieren.

70 Prozent der Dinge können repariert werden

Alle Reparaturspezialisten haben ihr Werkzeug von zu Hause mitgebracht. Immer wieder tauschen sie sich aus, beraten gemeinsam. Mit dem klitzekleinen Kreuzschraubendreher öffnet Dieter Langer den kleinen Deckel an der Oberseite des Stabmixers. Darunter ist bis auf zwei kleine Drähte, die aus dem Inneren kommen, nicht viel zu sehen. Wir müssen den Mixer noch weiter zerlegen. Aber wie? „Hast du noch ‘ne Idee?“, fragt er Rainer Klatte, der für das Küchenradio leider nichts mehr tun konnte.

Ganzmacher Rainer Klatte versucht, den Handmixer weiter zu öffnen, um herauszufinden, warum er nicht mehr funktioniert.
Ganzmacher Rainer Klatte versucht, den Handmixer weiter zu öffnen, um herauszufinden, warum er nicht mehr funktioniert. © SZ/Uwe Soeder

Er setzt seine Lupenbrille auf und schaut sich das Mixgerät an, versucht ein Plastikteil des Gehäuses zu lösen. Es klappt nicht. Das ist ein häufiges Problem. „Oft sind die Geräte so produziert, dass man die Einzelteile gar nicht mehr auseinander bekommt. Das ist in der Herstellung einfacher, wenn sie nur zusammengesteckt und vielleicht noch verklebt werden. Eine Reparatur ist da nicht vorgesehen“, sagt Rainer Klatte. Für meinen Mixer heißt das: Ab in die Tonne!

Zwar wollen die Ganzmacher dem schnellen Wegwerfen und Neukaufen den Kampf ansagen, aber auch solche Fälle gibt es. „Die Reparaturquote liegt meistens bei etwa 70 Prozent“, erfahre ich von Dieter Langer. Und ich habe noch Hoffnung, dass sie mir mit meinem Plattenspieler helfen können. Der funktioniert weitestgehend – nur der erste Titel wird eben nicht abgespielt. 

Beim Plattenspieler hat Rainer Klatte den Fehler schnell gefunden und justiert die Mechanik für den Tonarm.
Beim Plattenspieler hat Rainer Klatte den Fehler schnell gefunden und justiert die Mechanik für den Tonarm. © SZ/Uwe Soeder

Rainer Klatte schraubt erstmal die Klappe oben ab und bewegt dann den Tonarm des Plattenspielers hin und her, um zu sehen, wo das Problem liegt. Der Motor, der den Plattenteller bewegt, springt zu spät an – erst, wenn die Nadel schon fast in der Mitte der Platte liegt.

Oft ist die Reparatur teurer als ein neues Gerät

Kurzerhand dreht Rainer Klatte das Gerät um, schraubt es auf und wird fündig: An einem kleinen Rädchen kann man einstellen, wann der Motor anspringen und die Platte sich drehen soll. „Aber das Rädchen sitzt fest, da geht nichts“, sagt er. Trotzdem findet er eine Lösung - ein bisschen Feinjustieren der Mechanik, die die Bewegung des Armes mit dem Motor verbindet und es geht wieder. Der Plattenteller dreht sich, egal wo die Nadel auf der Platte abgesetzt wird. Ich bin begeistert! Ein paar Mal habe ich mich schon mit Freunden an dem Problem versucht, aber ans Aufschrauben haben wir uns nie herangetraut.

So geht es offensichtlich auch vielen anderen. Oder die Reparatur ist anderswo schlichtweg zu teuer. „Oftmals kostet die Reparatur schon mehr als ein neues Gerät“, sagt Dieter Langer. Auf einem Tisch steht sogar eine Waschmaschine, die noch sehr neu aussieht. Sie kann zwar nicht direkt repariert werden, aber gemeinsam finden die Ganzmacher das Problem: Kältemittel fehlt. Die Besitzer der Maschine ziehen fröhlich von dannen – zum nächsten Kältetechniker.

Sogar eine Waschmaschine wurde beim Reparaturtreffen der Ganzmacher untersucht. Die Diagnose: Kältemittel fehlt.
Sogar eine Waschmaschine wurde beim Reparaturtreffen der Ganzmacher untersucht. Die Diagnose: Kältemittel fehlt. © SZ/Uwe Soeder

Auch Rolf Bäuminger ist zufrieden und steckt beim Gehen noch etwas in die Spendendose. Unterm Arm trägt er seinen Elektrogrill. Das Gebläse ging nicht mehr. „Natürlich hätte ich mir einen neuen kaufen können, aber das ist ein wertiges Gerät. Letztendlich war es nur ein Kontaktfehler, aber hier hat man Werkzeug, was ich nicht zu Hause habe. Es ist toll, dass es so eine Möglichkeit gibt“, sagt er.

Bis zum Ende ihrer „Sprechzeit“ haben die Ganzmacher gut zu tun. Als ich kurz vor 18 Uhr das Gebäude verlasse, wird gerade der letzte Gast mit seinem Gerät zur Reparaturstation gebeten. Ich gehe mit einem Lächeln nach Hause. Es hat Spaß gemacht, zusammen zu tüfteln und von den Spezialisten zu lernen. Jetzt freue mich darauf, zu Hause alle ersten Titel aus meiner Plattensammlung anzuhören, die ich in den letzten Jahren immer überspringen musste.

Die Reparaturtreffen des Ganzmacher e.V. finden jeden ersten und dritten Dienstag im Monat zwischen 16 und 18.30 Uhr im Saal des Steinhaus e. V. statt. Mehr Informationen gibt es unter www.die-ganzmacher.de. Auch weitere Spezialisten für die Reparaturen und neue Vereinsmitglieder sind willkommen.  

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