merken
PLUS Bautzen

Der Computer-Visionär aus dem Sorbenland

Vor 100 Jahren wurde Nikolaus Joachim Lehmann geboren. Er erfand den ersten deutschen Tischrechner und noch einiges mehr.

Nikolaus Joachim Lehmann (l.) aus Camina bei Radibor gilt als Wegbereiter des Personalcomputers. An der Technischen Hochschule Dresden war er Direktor des Instituts für Maschinelle Rechentechnik.
Nikolaus Joachim Lehmann (l.) aus Camina bei Radibor gilt als Wegbereiter des Personalcomputers. An der Technischen Hochschule Dresden war er Direktor des Instituts für Maschinelle Rechentechnik. © Archivfoto: ZCOM-Stiftung

Radibor. Seine Vision war so klein wie revolutionär: Nikolaus Joachim Lehmann schwebt ein Computer vor so groß „wie eine Zigarrenkiste“. Der Mathematiker ist seiner Zeit voraus. Es sind die 1960er-Jahre in der DDR. Die Verantwortlichen belächeln die Ideen des Wissenschaftlers. Die moderne Rechentechnik füllt damals Räume. Ein Computer in Hosentasche-Größe liegt außerhalb jeder Vorstellung. Der Forscher bringt dennoch den Prototyp des Auf-dem-Tisch-Rechners auf den Weg. Danach verschwindet das Patent für den Kleinrechenautomat in der Schublade.

Nikolaus Joachim Lehmann, sorbisch Mikławš Joachim Wićaz, wird vor 100 Jahren am 15. März 1921 in Camina in einer sorbisch-schlesischen Familie geboren. Der spätere Direktor des Instituts für Maschinelle Rechentechnik an der Technischen Hochschule Dresden gilt heute als Wegbereiter des effizientesten Arbeitsgerätes der Gegenwart: des Personal Computers (PC). Sein Werdegang ist damals im kleinen sorbischen Dorf bei Radibor nicht abzusehen. Der Vater Paul Georg ist Sägewerkbesitzer und Baumeister, ein angesehener Mann im Ort; wie auch der Großvater. Allerdings gilt der Ahne in seiner Umgebung bereits als Neu-Geist, technisches Genie und Fortschrittmacher. Sein Wissen, seine Weitsicht, holt er sich auf seiner Wanderschaft – und bringt beides mit die Heimat.

TOP Reisen
TOP Reisen
TOP Reisen

Auf ins Weite, ab in die Erholung! Unsere Top Reisen der Woche auf sächsische.de!

Großvater war seiner Zeit technisch weit voraus

Das Lehmannsche Sägewerk gilt als das modernste seiner Zeit. Eine spezielle Anlage zum Verbrennen von Sägespänen treibt die Dampfmaschinen zur Holzverarbeitung an. In seinem Haus installiert der Großvater eine Gasbeleuchtungsanlage, in die Garage stellt er das auf lange Sicht erste und einzige Auto in Camina. Sein Enkel wird sich später erinnern: „Dieses viel bewunderte und viel verspottete technische Erzeugnis war ein Gaudium für die Schuljugend, blieb aber oft unterwegs stecken und musste von einem Pferdegespann abgeschleppt werden...“

Solche Anekdoten hat Nikolaus Joachim Lehmann seiner späteren Frau Dolly Margareth erzählt. Zusammengetragen sind sie im Buch „Der EDV-Pionier Nikolaus Joachim Lehmann. Bilder des Lebens“. Diese Seiten erzählen auch, wie das technische Interesse vom Großvater auf den Enkel weitergegeben wurde. Im Selbststudium befasst sich Nikolaus-Senior mit Physik, Chemie und Bautechnik. Stoff, für den sich bald auch der neugierige Joachim interessiert. Das Abitur legt der Sorbe 1939 an der Landständischen Oberschule in Bautzen ab. Es sind schwere Zeiten.

Nikolaus Joachim Lehmann (M.) verband eine lebenslange Freundschaft mit Konrad Zuse (l.), der 1941 die wahrscheinlich weltweit erste Computerfirma gründete. Bernhard Göhler (r.) hat viele Jahre an Lehmanns Seite als wissenschaftlicher Assistent an der TU
Nikolaus Joachim Lehmann (M.) verband eine lebenslange Freundschaft mit Konrad Zuse (l.), der 1941 die wahrscheinlich weltweit erste Computerfirma gründete. Bernhard Göhler (r.) hat viele Jahre an Lehmanns Seite als wissenschaftlicher Assistent an der TU © Archivfoto: ZCOM-Stiftung

Der Vater ist lange tot, die Mutter führt allein das Sägewerk mit vier Mitarbeitern. Trotzdem lässt Agnes ihren Sohn 1940 zum Studium der Physik und Mathematik nach Dresden ziehen. In Berlin tüftelt da schon Konrad Zuse an der ersten funktionsfähigen und frei programmierbaren Rechenmaschine der Welt, dem Computer. Der Berliner mit Verbindungen in die Lausitz gründet 1941 die wahrscheinlich weltweit erste Computerfirma. Es ist davon auszugehen, dass sich die Weltneuheit schnell auch unter den Studenten herumgesprochen hat.

Nikolaus Joachim Lehmann, der als Abiturient als „nicht kriegsverwendungsfähig“ eingestuft wurde, kann sein Studium mit wenigen Unterbrechungen absolvieren. Seine erste Diplomarbeit wird beim Bombenangriff im Februar 1945 auf Dresden vernichtet, ein Jahr nach Kriegsende beendet der Freigeist sein Studium unmittelbar nach der Neueröffnung der Technischen Hochschule in Dresden im Herbst 1946. Zum Durchatmen lässt sich der junge Wissenschaftler keine Zeit. Ab 1953 legt er als Professor und Gründungsdirektor des Institutes für maschinelle Rechentechnik in Dresden die Grundlagen für das spätere Zentrum der Informatik an der Elbe.

An der TU Dresden gibt es ein Lehmann-Zentrum

Wie auch Zuse – beide Konstrukteure verbindet eine lebenslange Freundschaft - beginnt er mit dem Bau großer Rechner aus alten abgezweigten Wehrmachtsröhren – und treibt gleichzeitig die Idee eines Kleinrechenautomaten voran, der bei jedem Ingenieur auf dem Schreibtisch stehen soll. Sein funktionstüchtiger D 4a – D steht für Dresden – geht 1964 unter anderem Namen in der Größe eines mittleren Fernsehers in Serienproduktion, die wenige Jahre später schon wieder eingestampft wird.

Mit seinen Erfindungen und unterschiedlichsten Forschungen, unter anderem zu Programmiersprachen, zählt Nikolaus Joachim Lehmann zu Deutschlands Computerpionieren. Der Wissenschaftler starb 1998. Seinem Wirken hat die TU Dresden ein Denkmal gesetzt. Der größte und stärkste Supercomputer der Stadt rechnet im Lehmann-Zentrum I. An dessen Erweiterung, „Lehmann II“, wird derzeit gebaut. Im neuen Hightech-Komplex sollen rund 600 Programmierer, Supercomputer-Experten, Mobilfunk-Ingenieure und Software-Architekten zu Digitalisierung forschen – und die kleinen Visionen ihres Vordenkers weiter in die Wirklichkeit übertragen.

Das Zuse-Computer-Museum Hoyerswerda ZCOM lädt für den 14. März, 14 Uhr, zur Online-Veranstaltung „N.J. Lehmann 100 – Anekdoten und Bilder zum 100. Geburtstag des ostdeutschen Computerpioniers“ ein. Anmeldungen: www.zuse-computer-museum.com

Weiterführende Artikel

Wie das ZCOM entstand

Wie das ZCOM entstand

Teil 1 dieser Jubiläumsserie schaut in die Zeit vor 25 Jahren, als der Grundstein für das Computermuseum gelegt wurde.

Dresden: Hier entsteht die Software der Zukunft 

Dresden: Hier entsteht die Software der Zukunft 

Auf der Nöthnitzer Straße soll in zweiter Reihe ein modernes Forschungsgebäude gebaut werden. Wie die Stadt dem Freistaat helfen konnte.

Was ist heute im Landkreis Bautzen wichtig? Das erfahren sie täglich mit unserem kostenlosen Newsletter. Jetzt anmelden.

Mehr Nachrichten aus Bautzen lesen Sie hier.

Mehr Nachrichten aus Bischofswerda lesen Sie hier.

Mehr Nachrichten aus Kamenz lesen Sie hier.

Mehr zum Thema Bautzen