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„Die Kirche muss sich neuen Formaten öffnen“

Pfarrer Christian Tiede erklärt gegenüber Sächsische.de, wie er in Bautzen Menschen für Kirche begeistern will und spricht auch über seine Bewerbung für Dresden.

Im Juni wurde seine Bewerbung an die Dresdner Frauenkirche öffentlich. Die Auswahlkommision um Landesbischof Tobias Bilz entschied sich aber gegen Christian Tiede. So bleibt der Pfarrer der Bautzener Kirchgemeinde St. Petri erhalten.
Im Juni wurde seine Bewerbung an die Dresdner Frauenkirche öffentlich. Die Auswahlkommision um Landesbischof Tobias Bilz entschied sich aber gegen Christian Tiede. So bleibt der Pfarrer der Bautzener Kirchgemeinde St. Petri erhalten. © SZ/Uwe Soeder

Bautzen. Vor gut einem halben Jahr hatte sich der Bautzener Pfarrer Christian Tiede um die freie Pfarrstelle an der Dresdner Frauenkirche beworben. Im Interview mit Sächsiche.de erklärt er nun, warum er eigentlich nie weg wollte, wie er junge Menschen für die Kirche begeistern will und wie aus den drei Kirchgemeinden in Bautzen künftig ein Kirchspiel werden soll.

Herr Tiede, zieht es Sie weg aus Bautzen?

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Nein, überhaupt nicht. Warum?

Sie wollten an die Dresdner Frauenkirche gehen. Wie kam es zu der Bewerbung?

Ich wusste, dass die Stelle frei wird und sie mich auch aus der Entfernung interessiert hat. Beworben habe ich mich aber erst, als ich aus dem Umfeld der Frauenkirche angesprochen worden bin.

Sie wurden nicht genommen. Waren Sie enttäuscht, dass es nicht geklappt hat?

Im Gegenteil, ich war durchaus erleichtert, als ich die Nachricht bekommen habe, dass es nicht geklappt hat.

Wollten Sie also gar nicht an die Frauenkirche?

Ohne Frage, es ist eine besondere Stelle. Doch ich habe im Bewerbungsverfahren gemerkt, dass die Frauenkirche nicht zur mir passt, nicht die Erwartungen erfüllt, die ich hatte. Außerdem findet man eine Pfarrstelle wie in der St.-Petri-Kirchgemeinde nicht so schnell nochmal.

Welche Erwartungen hatten Sie denn?

Die Frauenkirche wendet sich sehr offen an Leute, die der Kirche eher aus einem touristischen Interesse begegnen. Diese Menschen kommen, weil sie das Bauwerk interessant finden. Wenn sie dann aber den Kirchraum betreten, kommen sie auch mit Spiritualität, mit biblischen Texten in Kontakt. Aber für meine Begriffe ist die Frauenkirche bei dieser Ansprache doch sehr an ein festes Format gebunden. Ich bin eher jemand, der gern Neues ausprobiert. Auch Dinge, von denen sich hinterher herausstellt, dass sie nicht so gut funktionieren. Diese Experimentierfreudigkeit habe ich nicht gesehen.

Wie wollen sie diese Experimentierfreudigkeit nun in Bautzen weiter umsetzen?

Um als Kirche im Gespräch zu bleiben, reicht es immer weniger, nur das zu machen, was wir schon immer gemacht haben. Wir müssen immer mehr nach den Menschen schauen, was sie interessiert. Wie sind ihre Hör- und Sehgewohnheiten im Alltag? Wie ist beispielsweise ihr Freizeitverhalten.

An was denken Sie da konkret?

Zum Beispiel an neue Gottesdienst- oder Andachtsformate. Video- und Audioandachten haben im Frühjahr während des Lockdowns eine wichtige Rolle spielen. Das kann ein Weg sein, mit dem wir Menschen ganz neu erreichen, zusätzlich zu den bekannten Gottesdiensten.

Die Kirche muss sich also weiter öffnen.

Ja. Wir haben als Kirche immer die Aufgabe, zeitgemäß in unserer Sprache zu werden. Wir müssen schauen, wie wir auf Menschen zugehen, die nichts mit Kirche zu tun haben. Und das fehlt uns leider oft die Kraft aber auch die Professionalität. Da müssen wir auch viel mehr von anderen Professionen lernen.

Von welchen anderen Berufen kann die Kirche denn lernen?

Zum Beispiel können wir viel von Film, Fernsehen und Rundfunk lernen, wie sie mit Bild und Ton ihr Publikum ansprechen. Wie muss ich zum Beispiel vor einer Kamera sprechen. Da kann ich mich nicht wie an jedem Sonntag im Gottesdienst hinstellen. Das funktioniert nicht. Als die Gottesdienste wegen Corona abgesagt werden mussten, sind viele neue Sachen entstanden. Ich hoffe, dass das nicht alles wieder einschläft. Denn so können wir vielleicht auch in Zukunft verstärkt Menschen erreichen, die nicht in einen normalen Gottesdienst kommen.

Sie sprechen es an. Die Kirche hat immer weniger Mitglieder. Die evangelisch-lutherische Landeskirche hat dafür eine Strukturreform eingeleitet. Was bedeutet diese Reform für die Gemeinden in Bautzen?

Wir haben hier in Bautzen noch viele Kirchenglieder, die regelmäßig die kirchlichen Angebote wahrnehmen. Das ist zahlenmäßig durchaus immer noch besonders in Deutschland. Dennoch müssen auch wir schauen, wie in den nächsten 20 Jahren, Kirche gut funktionieren kann. Deshalb werden sich zum 1. Januar die drei Bautzener Kirchgemeinden zu einem gemeinsamen Kirchspiel verbinden.

Konkret heißt das?

Die Kirchgemeinden bleiben erhalten, aber das Kirchspiel ist eine neue rechtliche Einheit. Dort werden beispielsweise die Verwaltungen zusammengeführt. Im Kirchspiel sind dann auch sämtliche Mitarbeiter angestellt. Es werden die Finanzen zentral verwaltet. Wir arbeiten enger zusammen. Ungefähr sind wird dann 50 Mitarbeiter, die für St. Petri, St. Michael und Gesundbrunnen zuständig sind.

Die Kirchgemeinden in Bautzen sind aber sehr unterschiedlich. Wie wollen Sie diese vereinen?

Es darf gar nicht darum gehen, alles zu vereinigen. Es muss vielmehr darum gehen, was die Besonderheiten der einzelnen Gemeinden sind. Damit die Menschen mit unterschiedlichen religiösen und spirituellen Bedürfnissen eben angesprochen werden können und ihre kirchliche Heimat finden.

Wird es also genauso viele Gottesdienste wie derzeit geben?

Wir wollen nicht weniger machen. Aber die Frage steht ja, warum an jedem Sonntag fünf Gottesdienste angeboten werden, die sich im Grunde ähneln. Spannend wäre es doch, in Zukunft auch neue Gottesdienstformen zu probieren und zu schauen, wo wir welche Formate anbieten. Das heißt, dass es vielleicht regelmäßig einen Gottesdienst geben kann, mit moderner Musik oder einen Abendgottesdienst in einer Taizé-Form, also sehr viel meditativer.

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