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Bautzen: Das Geheimnis eines besonderen Steins

An der Abgottbrücke entdeckte ein Mann einen Stein mit merkwürdigen Vertiefungen. Er vermutete eine Kultstätte. Doch dahinter verbirgt sich etwas anderes.

Direkt an der Abgottbrücke im Bautzener Stadtteil Gesundbrunnen liegt der Schalenstein. Dabei handelt es sich jedoch nicht wie zunächst vermutet um eine alte Kultstätte.
Direkt an der Abgottbrücke im Bautzener Stadtteil Gesundbrunnen liegt der Schalenstein. Dabei handelt es sich jedoch nicht wie zunächst vermutet um eine alte Kultstätte. © SZ/Uwe Soeder

Bautzen. Bernd Weise war der große Stein direkt an der Autobahnbrücke im Bautzener Stadtteil Gesundbrunnen bereits vor Jahren aufgefallen. Da er in der Nähe wohnt, untersuchte er ihn immer wieder. Bald war für ihn klar: Es muss sich um einen historischen Opferstein handeln.

Opferstein ist die umgangssprachliche Bezeichnung für Schalensteine. Das sind mittelgroße Steinblöcke oder Felsplatten, auf denen sich schalenartige, meist halbkugelförmige Vertiefungen befinden. Diese Vertiefungen können natürlichen oder künstlichen Ursprungs sein.

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Und genau diese markanten Einkerbungen ließen Bernd Weise zu der Erkenntnis kommen, dass der Stein an der Abgottbrücke ein Opferstein sein müsse. Er vermutete eine Kultstätte aus der Slawenzeit. „Für mich war es der Beweis, dass es hier an der Abgottbrücke eine Kultstätte gegeben haben muss. Dieser Fund wäre so eine kleine Sensation gewesen“, sagt Bernd Weise rückblickend.

Weitere Untersuchungen des Steins notwendig

Eine historische Kultstätte der Slawen – das wäre in der Tat ein sensationeller Fund gewesen. Da es sich aber zunächst nur um eine Vermutung handelte, stellte der Bautzener Nachforschungen an. Er fragte beim Bautzener Museum an, ob der Stein dort bekannt sei. Museumsdirektor Jürgen Vollbrecht schaute sich das Objekt daraufhin an.

Auf Nachfrage von Sächsische.de erklärt Vollbrecht: „Die Schalen sind vom Menschen gemacht, wie und wann - dafür gibt es keine gesicherten Erkenntnisse. Außerdem deuten die Schalen darauf hin, dass der Stein nicht immer dort gelegen hat.“ Jürgen Vollbrecht betont, dass er kein Geologe ist. Um zu wissen, aus welcher Zeit der Stein stammt und ob es sich tatsächlich um einen Schalen- beziehungsweise Opferstein der Slawen handelt, müsste man weitere Untersuchungen anstellen.

Schalengröße passt nicht zu einem historischen Stein

Den Stein näher untersucht, hat inzwischen der Geologe Thomas Scholle aus Stolpen. Eigentlich leitet er ein Ingenieurbüro, doch privat interessiert er sich für die Geschichte von Mineralien und Steinen in der Lausitz. Dazu hat er schon mehrere Bücher herausgebracht.

Auch die Geschichte des Schalensteins an der Spreetalbrücke in Bautzen ist ihm bekannt - nun lüftet er das Geheimnis. „Die Vermutung des Finders war nicht ganz unbegründet. Es lassen sich tatsächlich Schalen auf dem Stein entdecken, und diese sind auch von Menschenhand“, sagt Scholle. „Aber in der Geschichte tauchten Schalensteine mit fast gleichgroßen Einkerbungen nicht auf.“

Die 19 Schalen sind etwa acht bis zwölf Zentimeter groß und bis zu acht Zentimeter tief. Das passe nicht zu einem historischen Schalenstein. „Auf der Rückseite des Steins lässt sich zudem eine längliche Einkerbung finden. Auch das ist eher unpassend.“

Thomas Scholle wurde stutzig und stellte Nachforschungen an. „Ich bin dann relativ schnell auf die Idee gekommen, dass die Schalen auch maschinell entstanden sein können, sprich durch einen Industriebohrer“, sagt er.

Schalen sind beim Bau der Autobahnbrücke entstanden

Doch dabei wollte es der Experte nicht belassen und suchte weiter. Er telefonierte mit zwei Bauunternehmen und schickte per Mail Bilder des Steins: „Beide Firmen haben mir dann bestätigt, dass die Schalen durch einen Industriebohrer entstanden sind“, berichtet er. Genauer gesagt:  Die Schalen sind beim Bau der Autobahnbrücke in den 1990er-Jahren entstanden.

Vor dem Bau der Brücke habe man Probebohrungen durchgeführt. Damit wollte man testen, auf welche Gesteinsarten man während des Baus trifft. Damit der Bohrer überhaupt funktioniert, braucht er einen Gegendruck - und den bekommt er, wenn er auf Gestein trifft. Deswegen wurde mit der Maschine der Stein immer wieder leicht angebohrt. „Die Einkerbungen an dem Stein sind deswegen auch alle ähnlich groß und ähnlich tief“, sagt Thomas Scholle. Die längliche Einkerbung auf der Rückseite ist für den Geologen auch ganz einfach zu erklären: „Da ist der Bohrer einmal abgerutscht und deswegen tiefer in das Gestein eingedrungen.“

Der Bau der Spreetalbrücke dauerte von 1994 bis 1997. Er galt als eines der aufwendigsten Projekte beim Neu- und Ausbau der A 4 zwischen Bautzen und Görlitz. Der Neubau der Brücke war notwendig geworden, da sich der Pfeiler, der zwischen 1977 und 1978 erbauten einspurigen Stahl-Beton-Konstruktion aufgrund der damaligen Verkehrsbelastung zu zersetzen drohte. Dass bei dem Neubau der Brücke auch Schalensteine entstanden sind, war bis heute unklar. „Es ist ein Schalenstein, aber eben nicht im historischen Sinne“, sagt Thomas Scholle.

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