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Kreis Bautzen: Vorsicht, Eichenprozessionsspinner!

Der unscheinbare Nachtfalter galt als ausgestorben, jetzt ist er auch im Landkreis Bautzen wieder da. Ein Fachmann erklärt, welche Gefahren das mit sich bringt.

Eine Falle für die Eichenprozessionsspinner. Forstwirt Thomas Sobczyk vom Landratsamt Bautzen prüft, ob sich Tiere darin befinden.
Eine Falle für die Eichenprozessionsspinner. Forstwirt Thomas Sobczyk vom Landratsamt Bautzen prüft, ob sich Tiere darin befinden. © Matthias Schumann

Bautzen. "Vorsicht, nicht zu nahe ran gehen!" Thomas Sobczyk hebt eindringlich seine Stimme. Die graue Beule am Baumstamm wirkt harmlos, ist aber alles andere als das. Darin hausten bis vor ein paar Monaten die verpuppten Raupen des Eichenprozessionsspinners. Die geschlüpften Tiere flattern inzwischen als Nachtfalter herum, aber ihr einstiges Nest kann immer noch Spinnfäden, Raupenkot, Häutungsreste und Puppenhülsen enthalten. "Und wenn Sie damit in Berührung kommen, wird es unangenehm, manchmal auch gefährlich", warnt der oberste Wald-Hüter des Landratesamtes Bautzen.

Der gelernte Förster hat einen Schreibtisch in der Kamenzer Außenstelle des Amtes. Aber dort ist er selten anzutreffen - kein Wunder bei einem Landkreis mit 85.000 Hektar Wald. Oder anders gesagt: Fast ein Drittel des ganzen Kreises ist von Wald bedeckt. Mal sieht der 56-Jährige in den ausgedehnten Forsten rund um Hoyerswerda nach dem Rechten, mal streift er durchs Oberland, mal lässt er sein Auto im eher industriellen Westen des Landkreises rund um Radeberg stehen.

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Und genau hier, in der eigentlich waldärmsten Gegend des Kreises, hat er ihn zuerst entdeckt - den Eichenprozessionsspinner. In einem kleinen Wäldchen bei Ottendorf-Okrilla zeigt der Förster Bäume mit den grauen Beulen dran. Ein paar hundert Meter weiter stehen an der Straße Eichen, bei denen ein grünes E an den Stamm gemalt ist. Das heißt: Diese Bäume waren im vergangenen Jahr vom Prozessionsspinner befallen.

Thomas Sobczyk zeigt im Wald bei Ottendorf-Okrilla das verlassene, aber weiter gefährliche Gespinst von Eichenprozessionsspinnern.
Thomas Sobczyk zeigt im Wald bei Ottendorf-Okrilla das verlassene, aber weiter gefährliche Gespinst von Eichenprozessionsspinnern. © Matthias Schumann

Der Eichenprozessionsspinner ist eigentlich ein unscheinbarer, harmloser Nachtfalter, der sich am liebsten in warmen und trockenen Gebieten aufhält. Für die Ablage ihrer bis zu 200 Eier bevorzugen die Weibchen freistehende Eichen. Nur wenige der aus den Eiern geschlüpften Tiere überleben, viele werden von Vögeln oder größeren Insekten gefressen, andere verhungern oder erfrieren.

Aber einige aus dem Gelege entwickeln sich zu Raupen, die dann im Sommer in bis zu zehn Meter langen Prozessionen auf Nahrungssuche gehen. Ein Tier hängt sich dabei ans andere - daher ihr Name. Die Raupen schlüpfen Anfang Mai und tragen samtig behaarte Felder auf dem Rücken.

Diese hauchdünnen Brennhaare am Körper enthalten ein Gift und sind deshalb für Menschen und Tiere gefährlich. Winzige Widerhaken an den Haaren bohren sich in die Haut, bei jeder Bewegung noch ein Stückchen mehr, und sie lassen sich auch nicht entfernen. Die Haut schwillt an wie nach einem Kontakt mit Brennnesseln. Aber es tut länger weh. Die schmerzenden Knötchen und Quaddeln bleiben etwa zwei Wochen.

So sehen die Raupen des Eichenprozessionsspinners aus - so nahe wie Thomas Sobczyk, als er dieses Foto gemacht hat, sollte ihnen niemand kommen.
So sehen die Raupen des Eichenprozessionsspinners aus - so nahe wie Thomas Sobczyk, als er dieses Foto gemacht hat, sollte ihnen niemand kommen. © Thomas Sobczyk

In seltenen Fällen können die Raupenhaare auch einen allergischen Schock auslösen. "Sehr selten wird es auch lebensgefährlich, etwa bei Allergikern", warnt Thomas Sobczyk. Weil die Haare so winzig sind, kann der Kontakt auch unbemerkt passieren. Aber sollten sich nach der Rückkehr aus dem Wald Schmerzen einstellen, wäre als erstes die betreffende Körperstelle zu kühlen. Zweitens rät Thomas Sobczyk, sofort alle getragenen Sachen zu waschen. Und wenn sich die Schmerzen verstärken, sich gar Atemnot einstellt, ist ein Arzt hinzuziehen und ihm von der Nähe zu Eichenbäumen zu berichten.

Denn nur an und auf diesen Bäumen halten sich diese Prozessionsspinner auch auf. Im Norden des Landkreises gibt es mehr Nadelwälder - dort ist ein nicht minder unangenehmer Verwandter unterwegs, der Kiefernprozessionsspinner, berichtet Thomas Sobczyk.

"Die Prozessionsspinner sind keine Massenerscheinung und fressen auch nicht reihenweise Bäume kahl", stellt der oberste Kreis-Förster klar. "Aber sie sind nun mal da, besser gesagt, wieder da." Denn eigentlich galten sie in Sachsen schon als ausgestorben. Die letzten Nachweise gab es 1915 im Raum Leipzig. 2012 wurde der Eichenprozessionsspinner dann in Dresden wieder entdeckt, und seitdem breitet er sich aus.

Ein Schild an der Straße zwischen Dresden-Weixdorf und Grünberg warnt vor den Tieren.
Ein Schild an der Straße zwischen Dresden-Weixdorf und Grünberg warnt vor den Tieren. © Matthias Schumann

Ob das Insekt so viele Jahrzehnte irgendwo unbemerkt überlebte oder von Reisenden aus dem Süden unwissentlich mitgebracht wurde - niemand weiß es. Denn eigentlich leben diese Tiere eher im Süden Europas. Sie lieben Wärme. Wenn sie sich jetzt auch hier wieder wohlfühlen, lässt der Klimawandel grüßen. Kurzzeitig ertragen die Spinner auch mal Temperaturen bis minus 25 Grad Celsius, über längere Zeit aber nicht.

Sachsen kommt bis jetzt noch ganz glimpflich davon, berichtet die Schutzgemeinschaft Deutscher Wald. Ihr zufolge verbreitet sich der Eichenprozessionsspinner zwar mittlerweile in allen deutschen Bundesländern, am stärksten aber in Berlin, Brandenburg, Sachsen-Anhalt, Baden-Württemberg, Nordrhein-Westfalen und Bayern. Bei Hamburg legten die Raupen schon mal drei Nächte eine Autobahn lahm. Nach einem Sportfest in Mühlheim an der Ruhr mussten drei Schüler mit Hautreizungen und Atemnot ins Krankenhaus. In Dortmund wurde ein Park drei Wochen lang geschlossen.

Vergleichbare Fälle gibt es in Sachsen bisher nicht. Auch das Gesundheitsamt des Landkreises Bautzen berichtet von keiner gehäuften Zunahme von Erkrankungen nach Begegnungen mit Prozessionsspinnern. Vorsicht ist dennoch angebracht, mahnt Thomas Sobczyk. So könnten Pilz- oder Beerensammler im Wald mit heruntergefallenen oder auch verwehten Tieren oder deren Resten in Berührung kommen. Und das kann richtig böse ausgehen.

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