merken
PLUS Bautzen Familienkompass

„Junge Familien wollen Bauland“

Stadtplaner Ernst Panse hat im Kreis Bautzen schon viele Siedlungen geplant. Im Familienkompass-Interview erklärt, worauf es dabei ankommt - und was fehlt.

Junge Familien wollen Bauland, und zwar mit Spielplätzen, einer guten Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr und Schulen in der Nähe. Davon ist der Bautzener Stadtplaner Ernst Panse überzeugt.
Junge Familien wollen Bauland, und zwar mit Spielplätzen, einer guten Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr und Schulen in der Nähe. Davon ist der Bautzener Stadtplaner Ernst Panse überzeugt. © SZ/Uwe Soeder

Bautzen. Das Ergebnis der großen Familienkompass-Umfrage zeigt: Der Kreis Bautzen ist Durchschnitt. Familienfreundlich, wie andere Städte und Gemeinden auch – nicht mehr, nicht weniger. Was aber muss passieren, damit sich mehr Leute für den ländlichen Raum interessieren? Damit Familien gerne herziehen? Welche Vorteile hat der Kreis Bautzen als Wohnort für Familien – im Vergleich zur Großstadt? Antworten aus stadtplanerischer Sicht hat der Bautzener Landschaftsarchitekt und Stadtplaner Ernst Panse.

Herr Panse, Sie sind Stadtplaner – und setzen sich viel mit Familienfreundlichkeit auseinander. Wie hängt das zusammen?

Anzeige
Ihre Berufserfahrungen sichtbar machen
Ihre Berufserfahrungen sichtbar machen

Der neue „ValiKom Transfer“ - Alle Verfahren der IHK Dresden und Handwerkskammer Dresden wurden bisher erfolgreich beendet!

Viele junge Familien wollen bauen – wie familienfreundlich eine Region ist, hängt durchaus damit zusammen, welche Möglichkeiten es dafür gibt. Im Landkreis Bautzen haben wir Siedlungen in Panschwitz-Kuckau und in Gaußig geplant, in Singwitz haben wir eine Siedlung vorbereitet, in Neukirch, in Ottendorf-Okrilla ebenfalls. Bei all diesen Siedlungen spielt das Thema Familienfreundlichkeit eine große Rolle.

Was muss denn ein Wohngebiet für Eigenschaften haben, damit es familienfreundlich ist?

Zunächst einmal ist der Preis entscheidend; wir müssen auf eine wirtschaftliche Erschließung achten. Denn die Kosten für Baugebiete werden wesentlich von der Erschließung definiert, und diese werden dann auf die einzelnen Grundstücke umgelegt. Es ist aber nicht nur der Preis. Es ist zum Beispiel wichtig, dass die Straßenführung verkehrsberuhigt ist – damit Kinder spielen können und sich auch Ältere wohlfühlen. Es müssen Begegnungen möglich werden, es braucht Treffpunkte in der Siedlung; Dorf-, Grill- oder Spielplätze – eben Begegnungsorte. Nur so kann eine Gemeinschaft entstehen, sind Kinderspiel, Gespräche und Teilhabe möglich. Es ist im Übrigen auch wichtig, dass es Bäume gibt – dass das Wohnen naturnah ist. Und dass die Straße beleuchtet ist, dass es Platz zum Parken gibt; dass die Gegend für Kinder, die draußen spielen, sicher ist. All das ist es, was unsere Baugebiete im ländliche Raum interessanter machen kann als die in Dresden. Aber in der Realität klappt das nicht immer.

Woran mangelt es denn?

Meistens ist das eine finanzielle Frage. Die Planverfahren in Deutschland generell sind sehr lang, weil es so viele rechtliche Rahmenbedingungen gibt. Das bedeutet natürlich auch, dass es teurer wird. Oft werden dann Flächen eher nicht für Spiel- oder Begegnungsflächen freigehalten, sondern sie werden lieber doch bebaut. Sozialbedürfnisse rücken in den Hintergrund. Den Gemeinden fehlen dafür meist einfach die finanziellen Mittel. Es wäre schön, wenn der Freistaat dafür vielleicht ein Förderprogramm einrichtet.

Was kann denn der Landkreis tun, um attraktiv für Familien zu sein?

Zunächst einmal: Wir haben einen digitalen Landkreis, ein großes Breitbandprojekt – das ist gut. Wenn wir aber Leute herlocken wollen, müssen wir noch eins draufsetzen. Denn dass es guten Öffentlichen Personennahverkehr gibt, Einkaufs- oder Sportmöglichkeiten, Ärzte – das setzen Familien voraus. Solche sozialen Bedürfnisse müssen mitgedacht werden. Die Leute wollen eine gesicherte Infrastruktur. Das müssen wir sicherstellen, allein wenn wir wollen, dass diejenigen, die hier sind, hier bleiben. Das ist eine Herausforderung, aber diese Grundversorgung muss die Politik sicherstellen.

Um für Familien von außerhalb attraktiv zu sein, muss also noch mehr getan werden?

Wir müssen die Innenstädte, die Dorfkerne beleben. Der Landkreis muss mehr initiieren. Offener werden für neue Ideen, Vorreiter sein. Wir müssen thematisch herausragen. Und das müssen wir dann nach außen so kommunizieren.

Thematisch herausragen – wie könnte der Kreis das schaffen?

Nehmen wir einmal das Beispiel Radibor. Dort entsteht eine neue Siedlung. Die Gemeinde könnte diese vermarkten als energieoptimierte ökologische Landsiedlung. Der Anspruch muss dann aber auch vor Ort erfüllt werden. Das heißt: Durch ein gutes Energiekonzept müssten die laufenden Kosten für einzelne reduziert werden. Es ist bereits getestet worden: Ein Anschluss an die Biogasanlage in der Nähe ist nicht möglich, die ist zu weit entfernt. Aber es wäre ja auch denkbar, ein kleines Blockheizkraftwerk für das Gebiet zu errichten. Das muss jede Gemeinde für sich entscheiden und dann umsetzen.

Beim Familienkompass ist das Gebiet um Doberschau-Gaußig, Göda und Obergurig als besonders familienfreundlich im Landkreis Bautzen bewertet worden. Können Sie sich erklären, warum?

Ich kann das vor allem am Beispiel von Obergurig erklären. Wie gesagt: Viele junge Familien wollen bauen. Und die Gemeinde hat sich als Ziel gesetzt, explizit Baugebiete für Familien zu schaffen – und zwar treffsicher, am Bedarf von Familien orientiert. Die Baugebiete dort sind gut angebunden, es gibt Begegnungsorte wie einen Dorfplatz in der Nähe, wo die Dorfgemeinschaft zusammenkommen kann. Es gibt dort ein reges Vereinsleben. Es gibt spannende historische Orte, wie die Mühle – und schöne Landschaft. Die Leute bewerten die Standortqualität dort als extrem hoch. Es gibt sportliche Veranstaltungen, Gastronomie. Die Leute denken sehr nachbarschaftlich. Es gibt eine Grundschule und Ärzte. Nur Einkaufsmöglichkeiten fehlen. Dass die Gemeinde auf Bauland gesetzt hat, hat jedenfalls sogar dazu geführt, dass sich die Einwohnerzahl stabilisiert hat.

Mit dem kostenlosen Newsletter „Bautzen kompakt“ starten Sie immer gut informiert in den Tag. Hier können Sie sich anmelden.

Zur Anmeldung für den kostenlosen Newsletter „Kamenz kompakt“ geht es hier.

Mehr Nachrichten aus Bautzen lesen Sie hier.

Mehr Nachrichten aus Bischofswerda lesen Sie hier.

Mehr Nachrichten aus Kamenz lesen Sie hier.

Mehr zum Thema Bautzen